Abschie­bungs­ver­bot nach Afghanistan?

Ob ange­sichts der aktu­el­len Lage in Afgha­ni­stan dürf­te für jun­ge, allein­ste­hen­de, gesun­de und arbeits­fä­hi­ge Män­ner, ins­be­son­de­re aber für sol­che Män­ner, die kei­ne Berufs­aus­bil­dung und in Afgha­ni­stan kei­ne fami­liä­ren Ver­bin­dun­gen haben und teil­wei­se dis­kri­mi­nier­ten Min­der­hei­ten ange­hö­ren, nament­lich für soge­nann­te fak­ti­sche Ira­ner, ein Abschie­bungs­ver­bot nach § 60 Abs. 5 Auf­en­thG in Ver­bin­dung mit Art. 3 EMRK bestehen.

Abschie­bungs­ver­bot nach Afghanistan?

Zwar hat­te das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt1 auf Grund­la­ge der zu die­sem Zeit­punkt ver­füg­ba­ren Erkennt­nis­mit­tel die genann­te Fra­ge ver­neint. Ange­sichts der sehr dyna­mi­schen Ent­wick­lung der Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on, der Arbeits­markt­la­ge und der extrem ein­ge­schränk­ten Leis­tungs­fä­hig­keit des Gesund­heits­sys­tems in Afgha­ni­stan auf­grund der Covid-19-Pan­de­mie2 spricht aber schon der zeit­li­che Abstand von fast zwei Jah­ren zum hier ange­grif­fe­nen Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts Osna­brück3, in dem sich zudem die wesent­li­chen Wir­kun­gen der Pan­de­mie erst zeig­ten, dafür, dass die für die Kla­ge des Beschwer­de­füh­rers ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge durch das Urteil des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts vom 29.01.2019 nicht län­ger als (aktu­ell) beant­wor­tet ange­se­hen wer­den kann.

Durch den Beschluss des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts vom 13.01.20214 ist die Fra­ge nicht – auf aktu­el­le­rer Erkennt­nis­grund­la­ge – erneut im Sin­ne des hier ange­grif­fe­nen Beschlus­ses beant­wor­tet wor­den; ande­re ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts seit Janu­ar 2019 liegt, soweit ersicht­lich, nicht vor. Die Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te bezie­hungs­wei­se Ver­wal­tungs­ge­richts­hö­fe der ande­ren Län­der ver­tra­ten jeden­falls im Zeit­punkt der Fas­sung des hier ange­grif­fe­nen Beschlus­ses vom 26.01.2021 zu die­ser Fra­ge unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen5. Damit spre­chen über­wie­gen­de Anhalts­punk­te dafür, dass jeden­falls am 26.01.2021 eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge Fra­ge bezüg­lich der Fest­stel­lung eines Abschie­bungs­ver­bots für die oben genann­te Grup­pe in Afgha­ni­stan vor­lag, die durch das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren zu Las­ten des Beschwer­de­füh­rers durch­ent­schie­den wer­den konnte. 

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Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 22. März 2021 – 2 BvR 353/​21

  1. Nds. OVG, Urteil vom 29.01.2019 – 9 LB 93/​18 55 ff.[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.12.2020 – 2 BvR 2187/​20, Rn. 2[]
  3. VG Osna­brück, Beschluss vom 26.01.2021 – 1 A 136/​20[]
  4. Nds. OVG, Beschluss vom 13.01.2021 – 9 LA 150/​20[]
  5. vgl. die Vor­aus­set­zun­gen eines Abschie­bungs­ver­bots regel­mä­ßig beja­hend, wenn in der Per­son des Schutz­su­chen­den kei­ne beson­de­ren begüns­ti­gen­den Umstän­de – wie ins­be­son­de­re ein hin­rei­chend trag­fä­hi­ges und erreich­ba­res fami­liä­res oder sozia­les Netz­werk, nach­hal­ti­ge finan­zi­el­le oder mate­ri­el­le Unter­stüt­zung durch Drit­te oder aus­rei­chen­des Ver­mö­gen – vor­lie­gen: VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 17.12.2020 – A 11 S 2042/​20 105 ff. m.w.N.; die­se Vor­aus­set­zun­gen grund­sätz­lich ver­nei­nend: BayVGH, Beschluss vom 28.10.2020 – 13a ZB 20.31934 6 m.w.N.; die Vor­aus­set­zun­gen für ein Abschie­bungs­ver­bot für jun­ge, gesun­de männ­li­che Rück­keh­rer jeden­falls dann ver­nei­nend, wenn die­se aus­rei­chend belast­bar und durch­set­zungs­fä­hig sind und/​oder über fami­liä­re bezie­hungs­wei­se sozia­le Bezie­hun­gen ver­fü­gen: OVG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 30.11.2020 – 13 A 11421/​19 136; ähn­lich auch – dabei die Volks­zu­ge­hö­rig­keit zu einer der dis­kri­mi­nier­ten Min­der­hei­ten und die feh­len­de Sozia­li­sa­ti­on in Afgha­ni­stan als gegen die Durch­set­zungs­fä­hig­keit spre­chen­de Umstän­de aus­drück­lich benen­nend: OVG Bre­men, Urteil vom 24.11.2020 – 1 LB 351/​20 52 ff.[]

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