Abschie­bungs­ver­bot wegen unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung

Für die Kri­te­ri­en einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne des § 60 Abs. 5 Auf­en­thG i.V.m. Art. 3 EMRK ist auf die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zu Art. 3 EMRK zurück­zu­grei­fen.

Abschie­bungs­ver­bot wegen unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung

Die­ser for­dert in stän­di­ger Recht­spre­chung nur für die Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ven der "Fol­ter" und der "unmensch­li­chen Behand­lung" ein vor­sätz­li­ches Han­deln, nicht hin­ge­gen für die Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve der "ernied­ri­gen­den Behand­lung". Hier­zu führt er in sei­nem Urteil vom 21.01.2011 1 aus: Es sei zwar zu berück­sich­ti­gen, ob es der Zweck der Behand­lung gewe­sen sei, das Opfer zu ernied­ri­gen oder zu demü­ti­gen, aber auch wenn das nicht gewollt war, schlie­ße dies die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung von Art. 3 EMRK nicht zwin­gend aus ("the absence of any such pur­po­se can­not con­clu­si­ve­ly rule out a fin­ding of a vio­la­ti­on of Arti­cle 3").

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on und das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sind die­ser Recht­spre­chung gefolgt. Der Uni­ons­ge­richts­hof hat in sei­nem Urteil vom 21.12 2011 2 ent­schie­den, dass die Über­stel­lung von Asyl­be­wer­bern im Rah­men des Dub­lin-Sys­tems unter bestimm­ten Umstän­den gegen das Ver­bot einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 GRC/​Art. 3 EMRK ver­sto­ßen kann, wenn sie an einen Mit­glied­staat über­stellt wer­den, bei dem ernst­haft zu befürch­ten ist, dass das Asyl­ver­fah­ren und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Antrag­stel­ler sys­te­mi­sche Män­gel auf­wei­sen. Die­se Recht­spre­chung führt der EuGH in Fol­ge­ent­schei­dun­gen fort und legt die Merk­ma­le der unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung in Über­ein­stim­mung mit dem EGMR aus 3. Ent­spre­chen­des gilt für die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 4.

In der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te ist wei­ter geklärt, dass die einem Aus­län­der im Ziel­staat dro­hen­den Gefah­ren ein gewis­ses "Min­dest­maß an Schwe­re" (mini­mum level of seve­ri­ty) errei­chen müs­sen, um ein Abschie­bungs­ver­bot nach Art. 3 EMRK/​Art. 4 GRC zu begrün­den 5. Die Bestim­mung die­ses Min­dest­ma­ßes an Schwe­re ist rela­tiv und hängt von allen Umstän­den des Falls ab, ins­be­son­de­re von der Dau­er der Behand­lung, den dar­aus erwach­se­nen kör­per­li­chen und men­ta­len Fol­gen für den Betrof­fe­nen und in bestimm­ten Fäl­len auch vom Geschlecht, Alter und Gesund­heits­zu­stand des Betrof­fe­nen 6. Nach den Schluss­an­trä­gen des Gene­ral­an­walts beim EuGH vom 25.07.2018 7 muss sich der Betrof­fe­ne in "einer beson­ders gra­vie­ren­den Lage" befin­den. Auch nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kön­nen schlech­te huma­ni­tä­re Ver­hält­nis­se im Ziel­staat der Abschie­bung nur in beson­de­ren Aus­nah­me­fäl­len ein Abschie­bungs­ver­bot nach Art. 3 EMRK begrün­den 8.

Aller­dings ent­hält Art. 3 EMRK weder eine Ver­pflich­tung der Ver­trags­staa­ten, jeder­mann in ihrem Hoheits­ge­biet mit einer Woh­nung zu ver­sor­gen noch begrün­det Art. 3 EMRK eine all­ge­mei­ne Ver­pflich­tung, Flücht­lin­gen finan­zi­el­le Unter­stüt­zung zu gewäh­ren oder ihnen einen bestimm­ten Lebens­stan­dard zu ermög­li­chen 9. Der EGMR hat aber für die als beson­ders ver­letz­lich gewer­te­te Grup­pe der Asyl­su­chen­den eine gestei­ger­te Ver­ant­wort­lich­keit der EU-Mit­glied­staa­ten gese­hen, weil sich die­se durch die Richt­li­nie 2003/​9/​EG des Rates vom 27.01.2003 zur Fest­le­gung von Min­dest­nor­men für die Auf­nah­me von Asyl­be­wer­bern in den Mit­glied­staa­ten 10 zur Gewähr­leis­tung bestimm­ter Mini­mal­stan­dards bei der Auf­nah­me von Asyl­su­chen­den ver­pflich­tet haben. Bei die­sem beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Per­so­nen­kreis kön­nen schlech­te Lebens­be­din­gun­gen im Ziel­staat der Abschie­bung das für Art. 3 EMRK erfor­der­li­che Min­dest­maß an Schwe­re erfül­len, wenn die Betrof­fe­nen – in einem ihnen voll­stän­dig frem­den Umfeld – voll­stän­dig von staat­li­cher Unter­stüt­zung abhän­gig sind und staat­li­cher Untä­tig­keit und Indif­fe­renz gegen­über­ste­hen, obwohl sie sich in ernst­haf­ter Armut und Bedürf­tig­keit befin­den 11.

Die vor­ste­hend wie­der­ge­ge­be­ne Recht­spre­chung von EGMR, EuGH und Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist auf aner­kann­te Flücht­lin­ge zu über­tra­gen, die sich dar­auf beru­fen, dass die Lebens­be­din­gun­gen, denen sie im Staat ihrer Flücht­lings­an­er­ken­nung aus­ge­setzt sind, Art. 3 EMRK wider­spre­chen 12. Auch für die­sen Per­so­nen­kreis ergibt sich eine gestei­ger­te Schutz­pflicht der EU-Mit­glied­staa­ten, der sie sich in Gestalt der Aner­ken­nungs­richt­li­nie 2011/​95/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.12 2011 über die Nor­men für die Aner­ken­nung von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen als Per­so­nen mit Anspruch auf inter­na­tio­na­len Schutz, für einen ein­heit­li­chen Sta­tus für Flücht­lin­ge oder für Per­so­nen mit Anrecht auf sub­si­diä­ren Schutz und für den Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes 13 unter­wor­fen haben. Auch bei ihnen kann das für Art. 3 EMRK erfor­der­li­che Min­dest­maß an Schwe­re im Ziel­staat der Abschie­bung erreicht sein, wenn sie ihren exis­ten­ti­el­len Lebens­un­ter­halt nicht sichern kön­nen, kein Obdach fin­den oder kei­nen Zugang zu einer medi­zi­ni­schen Basis­be­hand­lung erhal­ten. Die Unmög­lich­keit der Siche­rung des Lebens­un­ter­halts kann auf der Ver­hin­de­rung eines Zugangs zum Arbeits­markt oder auf dem Feh­len staat­li­cher Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen beru­hen. Einer wei­ter­ge­hen­den abs­trak­ten Kon­kre­ti­sie­rung ist das Erfor­der­nis, dass ein gewis­ses "Min­dest­maß an Schwe­re" erreicht sein muss, nicht zugäng­lich. Viel­mehr bedarf es inso­weit der Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls.

Die Fra­ge, ob die im vor­lie­gen­den Fall tatrich­ter­lich fest­ge­stell­ten Auf­nah­me­be­din­gun­gen für nach Bul­ga­ri­en zurück­keh­ren­de aner­kann­te Schutz­be­dürf­ti­ge unter Berück­sich­ti­gung der auf­ge­zeig­ten recht­li­chen Maß­stä­be gegen Art. 3 EMRK ver­sto­ßen, betrifft die rich­ter­li­che Tat­sa­chen­wür­di­gung und -bewer­tung. Die­se Fra­ge wird von den Ver­wal­tungs- und Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­ten der ein­zel­nen Bun­des­län­der unter­schied­lich beant­wor­tet 14. Tat­sa­chen­fra­gen – mögen sie auch von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung sein – rei­chen nach gel­ten­der Rechts­la­ge für die Zulas­sung einer Revi­si­on nicht aus 15. Eine etwa feh­ler­haf­te Anwen­dung der recht­lich zu Art. 3 EMRK geklär­ten Maß­stä­be im Ein­zel­fall – mag sie auch die von indi­vi­du­el­len Beson­der­hei­ten weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Beur­tei­lung der Lage in einem bestimm­ten Abschie­bungs­ziel­staat betref­fen – recht­fer­tigt eben­falls nicht die Zulas­sung der Revi­si­on wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung.

Die wei­te­re Fra­ge, ob die Annah­me eines Abschie­bungs­ver­bots in Bezug auf § 60 Abs. 5 Auf­en­thG i.V.m. Art. 3 EMRK eine "Extrem­ge­fahr" vor­aus­setzt, lässt sich mit­hil­fe der übli­chen Regeln sach­ge­rech­ter Aus­le­gung und auf der Grund­la­ge der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung ohne Durch­füh­rung eines Revi­si­ons­ver­fah­rens ver­nei­nen. Der Begriff der "Extrem­ge­fahr" wird im Zusam­men­hang mit dem natio­na­len Abschie­bungs­ver­bot nach § 60 Abs. 7 Auf­en­thG ver­wen­det. Danach kann ein Aus­län­der im Hin­blick auf die Lebens­be­din­gun­gen, die ihn im Abschie­be­ziel­staat erwar­ten, ins­be­son­de­re die dort herr­schen­den wirt­schaft­li­chen Exis­tenz­be­din­gun­gen und die damit zusam­men­hän­gen­de Ver­sor­gungs­la­ge, Abschie­bungs­schutz in ver­fas­sungs­kon­for­mer Anwen­dung des § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG nur aus­nahms­wei­se bean­spru­chen, wenn er bei einer Rück­kehr auf­grund die­ser Bedin­gun­gen mit hoher Wahr­schein­lich­keit einer extre­men Gefah­ren­la­ge aus­ge­setzt wäre. Denn nur dann gebie­ten es die Grund­rech­te aus Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG, ihm trotz einer feh­len­den poli­ti­schen Leit­ent­schei­dung nach § 60a Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 60 Abs. 7 Satz 5 Auf­en­thG Abschie­bungs­schutz nach § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG zu gewäh­ren 16. Die­ser stren­ge­re Maß­stab ist zur Recht­fer­ti­gung der Durch­bre­chung der Sperr­wir­kung des § 60 Abs. 7 Satz 5 Auf­en­thG gebo­ten, lässt sich jedoch nicht auf die in § 60 Abs. 5 Auf­en­thG i.V.m. Art. 3 EMRK getrof­fe­ne Rege­lung über­tra­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 20. August 2018 – 1 B 18.18

  1. EGMR (GK), Urteil vom 21.01.2011 – Nr. 30696/​09 – M.S.S./Bel­gi­en und Grie­chen­land, Rn. 220[]
  2. EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 und C‑493/​10 [ECLI:EU:C:2011:865], N.S. u.a., Rn. 86 bis 94 und 106[]
  3. vgl. etwa EuGH, Urteil vom 16.02.2017 – C‑578/​16 PPU [ECLI:EU:C:2017:127], C.K. u.a., Rn. 67[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 10 C 15.12, BVerw­GE 146, 12 Rn. 22 ff.[]
  5. vgl. EGMR (GK), Urteil vom 13.12 2016 – Nr. 41738/​10, Paposhvili/​Belgien, Rn. 174; EuGH, Urteil vom 16.02.2017 – C‑578/​16 PPU, C.K. u.a., Rn. 68[]
  6. EGMR, GK, Urtei­le vom 21.01.2011 – Nr. 30696/​09, M.S.S./Belgien und Grie­chen­land, Rn. 219; und vom 13.12 2016 – Nr. 41738/​10, Paposhvili/​Belgien, Rn. 174[]
  7. EuGH, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts vom 25.07.2018 – C‑163/​17, Rn. 143[]
  8. BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 10 C 15.12, BVerw­GE 146, 12 Rn. 23 und 25[]
  9. EGMR (GK), Urteil vom 21.01.2011 – Nr. 30696/​09, M.S.S./Belgien und Grie­chen­land, Rn. 249[]
  10. ABl. L 31 S. 18; heu­te: Richt­li­nie 2013/​33/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.06.2013 zur Fest­le­gung von Nor­men für die Auf­nah­me von Per­so­nen, die inter­na­tio­na­len Schutz bean­tra­gen, ABl. L 180 S. 96[]
  11. EGMR, GK, Urteil vom 21.01.2011 – Nr. 30696/​09, M.S.S./Belgien und Grie­chen­land, Rn. 250 ff.; BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 10 C 15.12, BVerw­GE 146, 12 Rn. 24[]
  12. so schon BVerwG, Beschluss vom 02.08.2017 – 1 C 37.16 20[]
  13. ABl. L 337 S. 9[]
  14. eine abwei­chen­de Ein­schät­zung trifft u.a. das OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 31.08.2016 – 3 L 94/​16[]
  15. s. nur BVerwG, Beschluss vom 24.04.2017 – 1 B 22.17InfAuslR 2017, 307[]
  16. BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 10 C 15.12, BVerw­GE 146, 12 Rn. 38[]