Abwas­ser­bei­trag für eine Logis­tik­hal­le – und der Bil­lig­keits­er­lass

Ist die bei­trags­recht­lich rele­van­te Zahl der Voll­ge­schos­se im Rah­men des Voll­ge­schoss­maß­stabs anhand der zuläs­si­gen Gebäu­de­hö­he fik­tiv zu ermit­teln und kann es dadurch für Lager bzw. Logis­tik­hal­len zu ver­hält­nis­mä­ßig hohen Abwas­ser­bei­trä­gen kom­men, schei­det ein Bei­trags­er­lass regel­mä­ßig aus, weil die Bei­trags­hö­he gera­de eine sys­tem­im­ma­nen­te Fol­ge der maß­geb­li­chen sat­zungs­recht­li­chen Rege­lun­gen dar­stellt.

Abwas­ser­bei­trag für eine Logis­tik­hal­le – und der Bil­lig­keits­er­lass

Als Rechts­grund­la­ge für den Tei­ler­lass aus Bil­lig­keits­grün­den kom­men hier die § 11 Abs. 1 Nr. 4 b)) und Nr. 5 a)) des nie­der­säch­si­chen Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes (NKAG) i.V.m. §§ 163, 227 Hs. 1 AO in Betracht, wonach Bei­trä­ge nied­ri­ger fest­ge­setzt wer­den kön­nen und bereits fest­ge­setz­te Bei­trä­ge ganz oder teil­wei­se erlas­sen wer­den kön­nen, wenn deren Erhe­bung bzw. deren Ein­zie­hung nach Lage des ein­zel­nen Fal­les unbil­lig wäre. Da Anhalts­punk­te dafür feh­len, dass aus bei der Klä­ge­rin vor­lie­gen­den per­sön­li­chen Grün­den die Bei­trags­er­he­bung der Höhe nach unbil­lig sein könn­te, kom­men allen­falls sach­li­che Unbil­lig­keits­grün­de in Betracht. Der­ar­ti­ge Grün­de lie­gen vor, wenn die Bei­trags­er­he­bung für einen bei­trags­pflich­ti­gen Tat­be­stand im Ein­zel­fall mit dem Sinn und Zweck des Geset­zes nicht ver­ein­bar ist, also den Wer­tun­gen des Gesetz­ge­bers zuwi­der­läuft. Ein Bil­lig­keits­er­lass aus sach­li­chen Grün­den kommt – anders aus­ge­drückt – nur in Betracht, wenn nach dem erklär­ten oder mut­maß­li­chen Wil­len des Gesetz­ge­bers ange­nom­men wer­den kann, dass der Gesetz­ge­ber die im Bil­lig­keits­we­ge begehr­te Ent­schei­dung – hät­te er die Fra­ge gere­gelt – im Sin­ne des Erlas­ses getrof­fen haben wür­de. Hin­ge­gen darf ein Bil­lig­keits­er­lass nicht gewährt wer­den, um ein vom Gesetz­ge­ber zuläs­si­ger­wei­se gewoll­tes oder in Kauf genom­me­nes Ergeb­nis abzu­wen­den 1.

Die Bei­trags­ein­zie­hung muss eine Unbil­lig­keit für den Bei­trags­pflich­ti­gen dar­stel­len, so dass es nach Lage der Ver­hält­nis­se unan­ge­bracht ist, den nach dem Wort­laut des Geset­zes geschul­de­ten Betrag (voll­stän­dig) zu erhe­ben 2. Sys­tem­im­ma­nen­te Fol­gen der gesetz­li­chen Rege­lung dür­fen hin­ge­gen nicht im Wege der Bil­lig­keit auf­ge­ho­ben wer­den, auch wenn im Ein­zel­fall eine Här­te gege­ben ist 3.

Hier hat sich der Norm­ge­ber gera­de für die Anwen­dung des Voll­ge­schoss­maß­stabs und der damit in der Sat­zung fest­ge­leg­ten Berech­nungs­me­tho­den ent­schie­den. Dies gilt ins­be­son­de­re auch für die in der Sat­zung ent­hal­te­nen Vor­ga­ben, wonach bei der fik­ti­ven Bestim­mung der Anzahl der Voll­ge­schos­se auf- bzw. abge­run­det wird. Der Norm­ge­ber hat inso­weit in Kauf genom­men, dass in bestimm­ten Fäl­len auch ein hoher Abwas­ser­bei­trag zu ent­rich­ten ist.

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten auch für die hier zu tref­fen­de Ent­schei­dung hin­sicht­lich eines Tei­ler­las­ses. Vor die­sem Hin­ter­grund kann sich die Klä­ge­rin nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, dass die "eigent­lich" zuläs­si­ge Gebäu­de­hö­he nur um weni­ge Zen­ti­me­ter über­schrit­ten wur­de. Es stand der Klä­ge­rin – wie bereits aus­ge­führt wur­de – frei, eine Hal­le zu errich­ten, die sich inner­halb der vor­ge­ge­be­nen Gren­ze von 12 m Höhe hält. Inso­weit ver­fängt der Vor­trag der Klä­ge­rin nicht, sie habe aus dem nur weni­ge Zen­ti­me­ter höhe­ren Gebäu­de kei­nen zusätz­li­chen Nut­zen. Wür­de man die­sem Vor­trag fol­gen, so stell­te sich die Fra­ge, wes­halb das Gebäu­de in der tat­säch­li­chen Höhe errich­tet wur­de. Die Klä­ge­rin kann auf das gesam­te Gebäu­de bezo­gen einen ange­mes­se­nen Vor­teil aus dem Anschluss an die Abwas­ser­ent­sor­gung zie­hen.

Hier­an ändert auch nichts der Ver­weis auf die Recht­spre­chung des VG Mag­de­burg 4. Das VG Mag­de­burg hat­te in die­ser Ent­schei­dung unter Hin­weis auf die Recht­spre­chung des OVG Sach­sen-Anhalt 5 aus­ge­führt, auch die Anwen­dung eines an sich vor­teils­ge­rech­ten Maß­stabs­ele­ments kön­ne im Ein­zel­fall zur Unbil­lig­keit füh­ren. Dies sei in Bezug auf das Maß­stabs­kri­te­ri­um "Anzahl der Voll­ge­schos­se" dann der Fall, wenn zu sei­ner Bestim­mung an die Höhe einer bau­li­chen Anla­ge mit der Ver­mu­tung ange­knüpft wer­de, dar­aus erge­be sich wegen der regel­mä­ßig bestehen­den Geschoss­hö­hen die Anzahl der Voll­ge­schos­se, die tat­säch­li­che Anzahl der auf dem Grund­stück vor­han­de­nen Voll­ge­schos­se blei­be jedoch dahin­ter zurück. Die­se Recht­spre­chung ver­mag nicht zu über­zeu­gen. Sie wür­de gera­de zu einer Pri­vi­le­gie­rung sol­cher gro­ßer bau­li­chen Anla­gen füh­ren, bei denen die tat­säch­li­che Anzahl der Geschos­se hin­ter der nach den Rege­lun­gen der Sat­zung ermit­tel­ten Geschoss­zahl zurück­bleibt, obgleich die grund­sätz­li­che Mög­lich­keit der Inan­spruch­nah­me des Grund­stücks wegen der dor­ti­gen Bebau­ung vor­han­den ist und so sehr gro­ße Vor­tei­le aus dem Grund­stück gezo­gen wer­den kön­nen. Auf die tat­säch­li­che aktu­el­le Nut­zung kommt es nicht an. Ein von der Klä­ge­rin inso­weit wohl begehr­ter nut­zungs­be­zo­ge­ner "Art-Abschlag" ist eben­so wie ein "Art-Zuschlag" 6 für gewerb­li­che oder indus­tri­ell genutz­te Grund­stü­cke grund­sätz­lich nicht zuläs­sig. Eine der­ar­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se wäre mit § 6 Abs. 5 Satz 1 NKAG unver­ein­bar, wonach die Bei­trä­ge nach den Vor­tei­len zu bemes­sen sind.

Ins­ge­samt geht das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver davon aus, dass es sich hier um sys­tem­im­ma­nen­te Fol­gen der Sat­zungs­re­ge­lung han­delt, die nicht im Wege des Erlas­ses aus Bil­lig­keits­grün­den umgan­gen wer­den kön­nen, auch wenn eine Här­te vor­lie­gen könn­te. Es ist nicht ersicht­lich, dass der Norm­ge­ber hier eine ande­re Rege­lung gewählt hät­te, hät­te er den kon­kre­ten Fall gekannt. Dies gilt auch unab­hän­gig davon, ob der Norm­ge­ber sich tat­säch­lich – aus etwai­gen Pro­to­kol­len ersicht­lich – mit der hier vor­lie­gen­den Fra­ge beschäf­tigt hat. In den wenigs­ten Norm­ge­bungs­ma­te­ria­li­en las­sen sich die ver­schie­dens­ten Pro­blem­stel­lun­gen nach­voll­zie­hen. Hier hat der Norm­ge­ber durch das fort­wäh­ren­de Fest­hal­ten an der Sat­zung und den dar­in ent­hal­te­nen Rege­lun­gen – gera­de hin­sicht­lich des Voll­ge­schoss­maß­sta­bes – in Kauf genom­men, dass in bestimm­ten Fäl­len – wie hier – hohe Bei­trä­ge zu leis­ten sind. Es ist des­halb auch nicht ersicht­lich, dass das Ermes­sen auf den Tei­ler­lass hin redu­ziert wäre. Für die Klä­ge­rin ergibt sich aus Sicht der Ver­wal­tungs­ge­richt kein völ­lig uner­träg­li­ches Ergeb­nis durch die Anwen­dung der Sat­zungs­re­ge­lun­gen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 21. Mai 2014 – 1 A 6026/​13

  1. vgl. BFH, Urteil vom 19.10.2010 – X R 9/​09 – juris; BVerwG, Urteil vom 04.06.1982 – 8 C 106.81 – KStZ 1982, 192; OVG Lüne­burg, Beschluss vom 23.09.2005 – 9 ME 308/​04 mwN; VG Gel­sen­kir­chen, Urteil vom 02.05.2013 – 5 K 5900/​12 []
  2. vgl. Drie­haus, Kom­mu­nal­ab­ge­ben­recht, 47. EL, Sep­tem­ber 2012, § 8, Rn. 37[]
  3. vgl. Rosenzweig/​Freese, NKAG, § 11, Rn. 88[]
  4. VG Mag­de­burg, Urteil vom 13.12.2012 – 9 A 251/​11[]
  5. OVG LSA, Urteil vom 20.10.2004 – 1 L 186/​04[]
  6. vgl. hier­zu Drie­haus, Kom­mu­nal­ab­ga­ben­recht, 49. EL, Sept.2013, § 8 Rn. 1041[]