Abwas­ser­ge­büh­ren – Ver­falls­da­tum für den Vor­aus­zah­lungs­be­scheid

Ein im Rah­men eines Dau­er­be­nut­zungs­ver­hält­nis­ses erge­hen­der Vor­aus­leis­tungs­be­scheid wird in sei­nem fest­set­zen­den Teil durch den end­gül­ti­gen Gebüh­ren­be­scheid abge­löst. Die Ablö­sung tritt bereits mit dem wirk­sa­men Erlass des end­gül­ti­gen Gebüh­ren­be­scheids ein und ist nicht von der Fort­exis­tenz die­ses Bescheids abhän­gig.

Abwas­ser­ge­büh­ren – Ver­falls­da­tum für den Vor­aus­zah­lungs­be­scheid

Vor­aus­leis­tungs­be­schei­de ent­hal­ten eben­so wie end­gül­ti­ge Abga­ben­be­schei­de regel­mä­ßig zwei recht­lich selb­stän­di­ge Rege­lun­gen, näm­lich zum einen die – vor­läu­fi­ge – Fest­set­zung des geschul­de­ten Betrags und zum ande­ren ein an den Adres­sa­ten des Bescheids gerich­te­tes Leis­tungs­ge­bot, d.h. die Auf­for­de­rung zur Zah­lung des fest­ge­setz­ten Betrags. Um die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen Vor­aus­leis­tungs­be­scheid und end­gül­ti­gem Abga­ben­be­scheid zu beant­wor­ten, müs­sen dem­entspre­chend bei­de Rege­lungs­ge­gen­stän­de in die Betrach­tung ein­be­zo­gen wer­den. Nach dem Erlass eines Vor­aus­leis­tungs­be­scheids erfolg­te Zah­lun­gen las­sen das in dem Bescheid ent­hal­te­ne Leis­tungs­ge­bot ent­fal­len.

Was die in dem Bescheid fer­ner ent­hal­te­ne Fest­set­zung betrifft, ist der Bescheid durch den spä­ter erlas­se­nen end­gül­ti­gen Gebüh­ren­be­scheid abge­löst wor­den, der nun­mehr den Rechts­grund für das (end­gül­ti­ge) Behal­ten­dür­fen der – zunächst vor­läu­fig erbrach­ten – Gebühr dar­stellt. Der Vor­aus­zah­lungs­be­scheid hat sich damit auch inso­weit erle­digt. Die­se Wir­kung ist nicht von dem Fort­be­stand des end­gül­ti­gen Gebüh­ren­be­scheids abhän­gig.

Die Fra­ge, ob die einen Vor­aus­leis­tungs­be­scheid ablö­sen­de Wir­kung des end­gül­ti­gen Abga­ben­be­scheids von des­sen Bestands­kraft abhängt, wird in der Recht­spre­chung unter­schied­lich beant­wor­tet. Für das Bei­trags­recht wird über­wie­gend ange­nom­men, dass sich das Behal­ten­dür­fen der gezahl­ten Vor­aus­leis­tung vom Zeit­punkt des Erlas­ses des end­gül­ti­gen Bei­trags­be­scheids allein nach die­sem Bescheid beur­tei­le und weder von sei­ner sofor­ti­gen Voll­zieh­bar­keit noch von sei­ner Fort­exis­tenz abhän­gig sei 1. Das Glei­che wird vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Thü­rin­gen 2 für das Gebüh­ren­recht ver­tre­ten. Die­se Auf­fas­sung ent­spricht der des Bun­des­fi­nanz­hofs 3 über das Ver­hält­nis zwi­schen dem end­gül­ti­gen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid und einem Vor­aus­zah­lungs­be­scheid. Danach ver­liert der Vor­aus­zah­lungs­be­scheid sei­ne Wir­kung spä­tes­tens in dem Zeit­punkt, in dem der Steu­er­be­scheid für den ent­spre­chen­den Ver­an­la­gungs­zeit­raum wirk­sam bekannt­ge­ge­ben wor­den ist, da ab die­sem Zeit­punkt hin­sicht­lich der Steu­er­fest­set­zung allein der Ein­kom­men­steu­er­be­scheid maß­ge­bend sei. Der Jah­res­steu­er­be­scheid kön­ne zwar geän­dert oder auf­ge­ho­ben wer­den. Er kön­ne aber nicht mit der Wir­kung auf­ge­ho­ben wer­den, dass an sei­ne Stel­le wie­der die Fest­set­zun­gen des Vor­aus­zah­lungs­be­scheids maß­geb­lich wür­den.

Dem­ge­gen­über hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in sei­nem die Erhe­bung eines Anschluss­bei­trags betref­fen­den Urteil vom 27. April 1989 4 ent­schie­den, dass der Vor­aus­zah­lungs­be­scheid als Rechts­grund­la­ge für die geleis­te­te Zah­lung wie­der Rechts­wirk­sam­keit erlan­ge, wenn der end­gül­ti­ge Bei­trags­be­scheid mit Wir­kung ex tunc zurück­ge­nom­men wer­de, da in Fol­ge der Rück­nah­me der ursprüng­li­che Rechts­zu­stand in vol­lem Umfang wie­der­her­ge­stellt wer­de. Er hat dem­entspre­chend ange­nom­men, die mit dem Erlass des den end­gül­ti­gen Bei­trags­be­scheids ein­tre­ten­de Ablö­sung des Vor­aus­zah­lungs­be­scheids als Rechts­grund­la­ge für die geleis­te­ten Zah­lun­gen sei von der Fort­exis­tenz des end­gül­ti­gen Bei­trags­be­scheids abhän­gig. In Über­ein­stim­mung damit ver­tritt das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt 5 für das Stra­ßen­aus­bau­bei­trags­recht die Mei­nung, der Rechts­streit über die Anfech­tung eines Vor­aus­zah­lungs­be­scheids erle­di­ge sich nicht durch das Wirk­sam­wer­den des Bescheids über den end­gül­ti­gen Bei­trag. Denn wer­de der end­gül­ti­ge Bescheid in einem Wider­spruchs- oder ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren auf­ge­ho­ben, wir­ke dies auf den Zeit­punkt sei­nes Erlas­ses zurück und sei der Bescheid als nicht erlas­sen zu behan­deln. Damit ent­fal­le rück­wir­kend die Ablö­sungs­wir­kung und wir­ke die Fest­set­zung des Vor­aus­zah­lungs­be­scheids fort.

Die genann­te Fra­ge bedarf anläss­lich des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens nur inso­weit einer Beant­wor­tung, als sie sich auf das Ver­hält­nis zwi­schen Vor­aus­leis­tungs­be­scheid und end­gül­ti­gen Gebüh­ren­be­scheid im Rah­men eines Dau­er­be­nut­zungs­ver­hält­nis­ses (§ 15 KAG) bezieht. Jeden­falls was die­ses Ver­hält­nis betrifft, schließt sich der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg der Auf­fas­sung an, wonach ein Vor­aus­leis­tungs­be­scheid in sei­nem fest­set­zen­den Teil durch den end­gül­ti­gen Her­an­zie­hungs­be­scheid bereits mit dem wirk­sa­men Erlass die­ses Bescheids abge­löst wird, ohne dass es auf den Ein­tritt der Unan­fecht­bar­keit ankommt.

Nach § 15 KAG kann durch Sat­zung bestimmt wer­den, dass auf die Gebüh­ren­schuld im Rah­men eines Dau­er­be­nut­zungs­ver­hält­nis­ses ange­mes­se­ne Vor­aus­zah­lun­gen zu leis­ten sind. Bei die­sen Zah­lun­gen han­delt es sich um vor­läu­fi­ge Leis­tun­gen auf die künf­ti­ge Gebüh­ren­schuld, die mit der spä­ter nach dem Ent­ste­hen der Gebüh­ren­schuld fest­zu­set­zen­den Gebühr zu ver­rech­nen sind. Aus dem Wesen der Vor­aus­zah­lung ergibt sich, dass bei ihrer Fest­set­zung das vor­aus­sicht­li­che Maß der Inan­spruch­nah­me der Ein­rich­tung durch den Pflich­ti­gen zugrun­de zu legen ist, das sei­ner­seits unter Berück­sich­ti­gung des bis­he­ri­gen Umfangs der Benut­zung fest­zu­le­gen ist ((Hess­VGH, Beschluss vom 28.08.1986 – 5 TH 1870/​86; Loh­mann in Drie­haus, Kom­mu­nal­ab­ga­ben­recht, Stand Sep­tem­ber 2009, § 6 Rn. 694). Die Vor­aus­zah­lun­gen kön­nen danach nur auf­grund einer regel­mä­ßig auf dem Ergeb­nis der letz­ten Ver­an­la­gung beru­hen­den Pro­gno­se fest­ge­setzt wer­den. Das steht der Annah­me ent­ge­gen, dass mit der Auf­he­bung des end­gül­ti­gen Gebüh­ren­be­scheids, mit dem auf der Grund­la­ge des nun­mehr fest­ste­hen­den Umfangs der Benut­zung die Gebüh­ren­schuld bestimmt wird, wie­der die Fest­set­zun­gen des Vor­aus­zah­lungs­be­scheids maß­geb­lich wür­den. Der nur vor­läu­fi­ge Cha­rak­ter der in einem Vor­aus­leis­tungs­be­scheid pro­gnos­tisch bestimm­ten Höhe der Gebüh­ren­schuld recht­fer­tigt viel­mehr den Schluss, dass ein sol­cher Bescheid in sei­nem fest­set­zen­den Teil durch den end­gül­ti­gen Her­an­zie­hungs­be­scheid bereits mit dem wirk­sa­men Erlass die­ses Bescheids abge­löst wird. Dar­auf, ob der end­gül­ti­ge Her­an­zie­hungs­be­scheid bereits Bestands­kraft erlangt hat, kommt es somit nicht an.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 12. Okto­ber 2010, 2 S 2555/​09

  1. OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 30.06.2009 – 15 B 524/​09, KStZ 2009, 154; BayVGH, Urteil vom 03.07.2006 – 03.2544, BayVBl 2007, 533; OVG Sach­sen, Beschluss vom 20.08.2009 – 5 B 265/​09; Drie­haus, Erschlie­ßungs- und Aus­bau­bei­trä­ge, 8. Aufl., § 21 Rn. 39[]
  2. OVG Thü­rin­gen, Beschluss vom 29.06.2001 – 4 ZEO 917/​97[]
  3. BFH, Beschluss vom 03.07.1995 – GrS 3/​93, BFHE 178, 11; Vor­la­ge­be­schluss vom 23.06.1993 – X B 134/​91, BFHE 143, 101[]
  4. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27.4.1989 – 2 S 2043/​87[]
  5. Schles­wig-Hol­stei­ni­sches OVG, Urteil vom 27.01.2009 – 2 LB 43/​08, NVwZ-RR 2009, 627[]