Andro­hung der Abschie­bung

Die Andro­hung der Abschie­bung nach § 59 Abs. 1 Auf­en­thG setzt nur die Wirk­sam­keit, nicht die Voll­zieh­bar­keit der Aus­rei­se­pflicht vor­aus.

Andro­hung der Abschie­bung

Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt geht mit der wohl herr­schen­den Auf­fas­sung davon aus, dass die Abschie­bungs­an­dro­hung kei­ne Voll­zieh­bar­keit der Aus­rei­se­pflicht vor­aus­setzt und folgt inso­weit dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len (OVG NRW, Beschluss vom 20.02.2009 – 18 A 2620/​08, InfAuslR 2009, 232)), das unter Auf­ga­be sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zu die­ser Fra­ge 1 und anders als zum frü­he­ren Recht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 2 eben­falls davon aus­geht, dass die Abschie­bungs­an­dro­hung nach der dem Auf­ent­halts­ge­setz zugrun­de lie­gen­den Kon­zep­ti­on nicht die Voll­zieh­bar­keit der Aus­rei­se­pflicht vor­aus­setzt.

Dafür, dass die Voll­zieh­bar­keit der Aus­rei­se­pflicht nur für die Voll­stre­ckungs­maß­nah­me der Abschie­bung und nicht bereits für die Abschie­bungs­an­dro­hung vor­lie­gen muss, spricht nun schon der Ver­gleich des Wort­lauts des § 59 Abs. 1 Auf­en­thG mit dem­je­ni­gen des die Abschie­bung regeln­den § 58 Abs. 1 Auf­en­thG. Weil die Voll­zieh­bar­keit der Aus­rei­se­pflicht nur in § 58 Abs. 1 Auf­en­thG gefor­dert wird, liegt es nahe, dass es ihrer für die Abschie­bungs­an­dro­hung nicht bedarf. Geset­zes­sys­te­ma­ti­sche Über­le­gun­gen füh­ren zu dem­sel­ben Ergeb­nis. § 58 Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG sieht näm­lich eine Voll­zieh­bar­keit der Aus­rei­se­pflicht in den dort auf­ge­führ­ten drei Fall­kon­stel­la­tio­nen alter­na­tiv erst vor, wenn eine Aus­rei­se­frist abge­lau­fen ist. Davon aus­ge­hend ergä­be es kei­nen Sinn, für den Erlass der Abschie­bungs­an­dro­hung an der For­de­rung fest­zu­hal­ten, die Aus­rei­se­pflicht müs­se voll­zieh­bar sein, wenn dann Rechts­fol­ge des Erlas­ses einer Andro­hung mit Frist­set­zung unter Umstän­den zunächst der vor­über­ge­hen­de Weg­fall der Voll­zieh­bar­keit wäre 3.

Dem lässt sich nicht ent­ge­gen hal­ten, dass für die in § 58 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG gere­gel­ten Fäl­le, bei denen die Aus­rei­se­pflicht nicht auf Grund Geset­zes, son­dern erst auf Grund eines Ver­wal­tungs­ak­tes (z.B. einer Aus­wei­sung) ent­steht, kein Frist­ab­lauf vor­ge­se­hen ist. Es wäre unver­ständ­lich, den­je­ni­gen Aus­län­der, des­sen Aus­rei­se­pflicht erst auf Grund eines Ver­wal­tungs­ak­tes begrün­det wird, durch gerin­ge­re Anfor­de­run­gen an die Voll­zieh­bar­keit (Abse­hen von einer Frist­set­zung) schlech­ter zu stel­len gegen­über dem­je­ni­gen Aus­län­der, des­sen Aus­rei­se­pflicht bereits auf Grund Geset­zes (z.B. durch uner­laub­te Ein­rei­se) ent­stan­den ist. Der geset­zes­sys­te­ma­ti­sche Wider­spruch ist des­halb so auf­zu­lö­sen, dass eine Abschie­bungs­an­dro­hung mit Frist­set­zung sowohl in den Fäl­len des § 58 Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG als auch in den­je­ni­gen von des­sen Satz 2 immer schon dann erlas­sen wer­den kann, wenn die Aus­rei­se­pflicht wirk­sam ent­stan­den ist. In bei­den Fäl­len ist daher davon aus­zu­ge­hen, dass dann, wenn eine kon­kre­te Aus­rei­se­frist gesetzt wur­de, die Aus­rei­se­pflicht erst mit deren Ablauf im Sin­ne des § 58 Auf­en­thG voll­zieh­bar wird 4.

Auch unter Beach­tung von Sinn und Zweck einer Abschie­bungs­an­dro­hung ergibt sich nicht, dass ihre Recht­mä­ßig­keit bereits das Bestehen einer voll­zieh­ba­ren Aus­rei­se­pflicht vor­aus­setzt. Dies folgt schon dar­aus, dass die Andro­hung und der Voll­zug der Abschie­bung bei recht­li­cher Betrach­tung strikt zu tren­nen sind. Im Unter­schied zu einer Abschie­bung ergeht die Abschie­bungs­an­dro­hung im "Vor­feld" einer mög­li­chen Abschie­bung. Ihr muss sich nicht zwangs­läu­fig eine nach­fol­gen­de Abschie­bung anschlie­ßen. Viel­mehr bleibt es dem aus­rei­se­pflich­ti­gen Aus­län­der über­las­sen, die Durch­füh­rung einer ange­droh­ten Abschie­bung zu ver­mei­den und frei­wil­lig das Bun­des­ge­biet zu ver­las­sen. Die Abschie­bungs­an­dro­hung dient damit dem Zweck, dem Aus­län­der einen recht­zei­ti­gen Hin­weis auf Zwangs­maß­nah­men zu ertei­len und es ihm zu ermög­li­chen, sei­ne Aus­rei­se vor­zu­be­rei­ten und frei­wil­lig aus­zu­rei­sen. Ande­rer­seits bleibt eine Abschie­bungs­an­dro­hung auch recht­mä­ßig, wenn eine Abschie­bung nicht erfol­gen kann, weil ihr Abschie­bungs­ver­bo­te ent­ge­gen­ste­hen (vgl. § 59 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG) 5.

Die­ses Ergeb­nis wird, so das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter, durch wei­te­re bzw. aktua­li­sier­te Stim­men aus neue­rer Zeit bekräf­tigt 6.

Nie­der­säch­si­ches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. Novem­ber 2010 – 12 LB 245/​08

  1. vgl. OVG NRW, Beschluss vom 30.08.2005 – 18 B 633/​05, InfAuslR 2006, 137[]
  2. BVerwG, Urteil vom 22.12.1997 – 1 C 14.96, InfAuslR 1998, 217 (ohne Begrün­dung zu § 50 Abs. 1 Aus­lG 1990) []
  3. Vgl. Fun­ke-Kai­ser in: GK-Aus­lR, Stand Febru­ar 2008, § 59 Auf­en­thG Rn. 25 ff.; Hail­bron­ner, Aus­län­der­recht, Stand April 2006, § 59 Auf­en­thG Rn. 13 ff.; Wen­ger in: Storr/​Wenger/​Eberle/​Albrecht/​Harms/​Kreu­zer, ZuwG, 2. Auf­la­ge 2008, § 59 Auf­en­thG Rn.5; HTK-Aus­l­R/­Ober­häu­ser, 2008, § 59 Auf­en­thG Rn. 4; Arm­brus­ter, HTK-Aus­lR /​§ 59 Auf­en­thG /​Über­blick 05/​2008 Nr. 3; VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29. April 2003 – 11 S 1188/​02 -, InfAuslR 2003, 341; a.A. BVerwG, Urteil vom 22.12.1997 – 1 C 14.96, a.a.O.[]
  4. vgl. Hail­bron­ner, a.a.O., Rn. 16; Fun­ke-Kai­ser, a.a.O., Rn. 32.[]
  5. vgl. VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.04.2003 – 11 S 1188/​02 -, a.a.O.[]
  6. vgl. etwa mit ein­ge­hen­der und über­zeu­gen­der Begrün­dung: Hail­bron­ner, Aus­län­der­recht, Stand August 2010, § 59 Auf­en­thG Rn. 13 ff.; Fun­ke-Kai­ser in: GK-Aus­lR, Stand August 2010, § 59 Auf­en­thG Rn. 25 ff.; Nds. OVG, Beschl. v. 31.10.2007 – 8 LA 61/​07[]