Aner­kann­te Flücht­lin­ge – und der Nach­zug zwi­schen­zeit­lich voll­jäh­rig gewor­de­ner Kin­der

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on soll Fra­gen zum Nach­zug voll­jäh­rig gewor­de­ner Kin­der zu aner­kann­ten Flücht­lin­gen klä­ren. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt den Uni­ons­ge­richts­hof zur Klä­rung der Aus­le­gung von Rege­lun­gen der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rungs­richt­li­nie 2003/​86/​EG beim Kin­der­nach­zug zu aner­kann­ten Flücht­lin­gen ange­ru­fen.

Aner­kann­te Flücht­lin­ge – und der Nach­zug zwi­schen­zeit­lich voll­jäh­rig gewor­de­ner Kin­der
  1. Ist Art. 4 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2003/​86/​EG des Rates vom 22.09.2003 betref­fend das Recht auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung dahin aus­zu­le­gen, dass ein Kind des Zusam­men­füh­ren­den, der als Flücht­ling aner­kannt wor­den ist, auch dann min­der­jäh­rig im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist, wenn es im Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung des Zusam­men­füh­ren­den min­der­jäh­rig war, aber schon vor des­sen Aner­ken­nung als Flücht­ling und Stel­lung des Antrags auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung voll­jäh­rig gewor­den ist?
  2. Bei Beja­hung der Fra­ge 1:
    Wel­che Anfor­de­run­gen sind an die tat­säch­li­chen fami­liä­ren Bin­dun­gen i.S.d. Art. 16 Abs. 1 Buchst. b RL 2003/​86/​EG in einem sol­chen Fall zu stel­len?

    1. Reicht dafür das recht­li­che Eltern-Kind-Ver­hält­nis aus oder ist auch ein tat­säch­li­ches Fami­li­en­le­ben erfor­der­lich?
    2. Falls es auch eines tat­säch­li­chen Fami­li­en­le­bens bedarf: Wel­che Inten­si­tät ist dafür erfor­der­lich? Genü­gen dazu etwa gele­gent­li­che oder regel­mä­ßi­ge Besuchs­kon­tak­te, bedarf es des Zusam­men­le­bens in einem gemein­sa­men Haus­halt oder ist dar­über hin­aus eine Bei­stands­ge­mein­schaft erfor­der­lich, deren Mit­glie­der auf­ein­an­der ange­wie­sen sind?
    3. Erfor­dert der Nach­zug des zwi­schen­zeit­lich voll­jäh­rig gewor­de­nen Kin­des, das sich noch im Dritt­staat befin­det und einen Antrag auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung zu einem als Flücht­ling aner­kann­ten Eltern­teil gestellt hat, die Pro­gno­se, dass das Fami­li­en­le­ben nach der Ein­rei­se in der gemäß Fra­ge 2b) gefor­der­ten Wei­se im Mit­glied­staat (wie­der) auf­ge­nom­men wird?

Die im Janu­ar 1999 gebo­re­ne Toch­ter ist syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge und begehrt die Ertei­lung eines Visums zum Fami­li­en­nach­zug zu ihrem Vater. Dem Vater wur­de auf sei­nen im April 2016 gestell­ten Asyl­an­trag im Juli 2017 die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt. Im Sep­tem­ber 2017 erhielt er eine für drei Jah­re gül­ti­ge Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 2 Auf­en­thG. Im August 2017 bean­trag­te die Toch­ter beim Gene­ral­kon­su­lat der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Istan­bul die Ertei­lung eines natio­na­len Visums zum Fami­li­en­nach­zug. Das Gene­ral­kon­su­lat lehn­te die Ertei­lung im Wesent­li­chen mit der Begrün­dung ab, die Vor­aus­set­zun­gen für einen Kin­der­nach­zug lägen nicht vor, weil der Vater der Toch­ter bis zum Ein­tritt von deren Voll­jäh­rig­keit noch nicht über einen nach­zugs­fä­hi­gen Auf­ent­halts­ti­tel ver­fügt habe.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin hat die beklag­te Bun­des­re­pu­blik zur Ertei­lung des begehr­ten Visums ver­pflich­tet [1]. Die Toch­ter sei als min­der­jäh­ri­ges Kind i.S.v. § 32 Abs. 1 Auf­en­thG nach­zugs­be­rech­tigt. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der Min­der­jäh­rig­keit sei bei uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung der Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung des zusam­men­füh­ren­den Eltern­teils.

Auf die Sprung­re­vi­si­on der Bun­des­re­pu­blik hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nun das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Uni­ons­ge­richts­hof meh­re­re Fra­gen betref­fend die Aus­le­gung der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rungs­richt­li­nie zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt. Die Vor­aus­set­zun­gen für einen Kin­der­nach­zug nach § 32 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG lie­gen nicht vor, weil die Toch­ter bei Ertei­lung der Auf­ent­halts­er­laub­nis an ihren Vater und Stel­lung ihres Antrags auf Fami­li­en­nach­zug nicht mehr min­der­jäh­rig war, was nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung erfor­der­lich ist; die­se Rege­lung lässt eine Aus­le­gung nicht zu, nach der für die Min­der­jäh­rig­keit auf den Zeit­punkt des Asyl­an­tra­ges des Eltern­teils abzu­stel­len ist. Ein Anspruch in unmit­tel­ba­rer Anwen­dung von Art. 4 Abs. 1 Buchst. b RL 2003/​86/​EG kommt nur in Betracht, wenn beim Kin­der­nach­zug zu Flücht­lin­gen hin­sicht­lich der Min­der­jäh­rig­keit des nach­zugs­wil­li­gen Kin­des maß­geb­lich der Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung des Flücht­lings ist. So hat es der Uni­ons­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 12.04.2018 [2] für den umge­kehr­ten Fall des Eltern­nach­zu­ges zu einem min­der­jäh­ri­gen unbe­glei­te­ten Flücht­ling ent­schie­den. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht Klä­rungs­be­darf, ob die­se zu ande­ren Nor­men der RL 2003/​86/​EG ergan­ge­ne Recht­spre­chung auf den Kin­der­nach­zug zu einem aner­kann­ten Flücht­ling über­trag­bar und es gebo­ten ist, auf die­sen frü­hen Zeit­punkt abzu­stel­len. Zudem stellt sich die Fra­ge, wel­che Anfor­de­run­gen an das Bestehen von tat­säch­li­chen fami­liä­ren Bin­dun­gen i.S.v. Art. 16 Abs. 1 Buchst. b RL 2003/​86/​EG zwi­schen dem inzwi­schen voll­jäh­rig gewor­de­nen Kind und dem Flücht­ling zu stel­len sind.

Zu dem umge­kehr­ten Fall des Eltern­nach­zu­ges zu einem voll­jäh­rig gewor­de­nen unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­ling hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eben­falls Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Uni­ons­ge­richts­hof gerich­tet [3].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 23. April 2020 – 1 C 16.19

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 12.03.2019 – 12 K 27.18 V[]
  2. EuGH, Urteil vom 12.04.2018 – C‑550/​16[]
  3. BVerwG, Beschlüs­se vom 23.04.2020 – 1 C 9.19 und 1 C 10.19[]