Aner­ken­nung einer Ersatz­schu­le – und die Qua­li­fi­ka­ti­on der Leh­rer

Das Grund­ge­setz steht einer lan­des­recht­li­chen Rege­lung nicht ent­ge­gen, wel­che die Aner­ken­nung einer Ersatz­schu­le davon abhän­gig macht, dass min­des­tens zwei Drit­tel der Lehr­kräf­te der Ersatz­schu­le die Anstel­lungs­fä­hig­keit für das ihrer Tätig­keit ent­spre­chen­de Lehr­amt an öffent­li­chen Schu­len besit­zen. Dies gilt auch, wenn zugleich fest­ge­legt ist, dass die Schul­auf­sichts­be­hör­de die Zusam­men­set­zung der Prü­fungs­aus­schüs­se bestimmt.

Aner­ken­nung einer Ersatz­schu­le – und die Qua­li­fi­ka­ti­on der Leh­rer

Der Ersatz­schul­be­griff in Art. 7 Abs. 4 Satz 2 GG umfasst nicht das Recht der Pri­vat­schu­le, nach den für öffent­li­che Schu­len gel­ten­den Vor­schrif­ten Prü­fun­gen abzu­hal­ten und mit glei­cher Außen­wir­kung wie öffent­li­che Schu­len Zeug­nis­se zu ver­tei­len ("Öffent­lich­keits­rech­te"). Die Ver­lei­hung von Öffent­lich­keits­rech­ten, mit deren Wahr­neh­mung die Pri­vat­schu­le als Belie­he­ne hoheit­li­che Funk­tio­nen aus­übt, kann der Gesetz­ge­ber von einer beson­de­ren Aner­ken­nung abhän­gig machen, auf die Art. 7 Abs. 4 GG kei­nen Anspruch gewährt und für deren Ertei­lung beson­de­re, über die Geneh­mi­gungs­vor­aus­set­zun­gen des Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG hin­aus­ge­hen­de Anfor­de­run­gen im Lan­des­recht gestellt wer­den dür­fen. Ins­be­son­de­re kann der Gesetz­ge­ber die Aner­ken­nung einer geneh­mig­ten Ersatz­schu­le und die damit ver­bun­de­ne Ver­lei­hung der Öffent­lich­keits­rech­te von der Anpas­sung der Schu­le an Anfor­de­run­gen abhän­gig machen, die für öffent­li­che Schu­len gel­ten. Es liegt im Wesen der Öffent­lich­keits­rech­te, dass das für die Ersatz­schul­ge­neh­mi­gung maß­ge­ben­de Prin­zip der Gleich­wer­tig­keit gegen­über dem Prin­zip der Gleich­ar­tig­keit weit­ge­hend zurück­tre­ten muss 1. Auch wenn Art. 7 Abs. 4 GG somit kei­nen Anspruch auf Aner­ken­nung gewährt, dür­fen die Län­der das Insti­tut der Aner­ken­nung und die mit ihm ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le jedoch nicht dazu benut­zen, die Ersatz­schu­len zur Anpas­sung an die öffent­li­chen Schu­len in einem der Sache nach nicht gebo­te­nen Umfang zu ver­an­las­sen oder unter Ver­let­zung des Gleich­heits­ge­bots ein­zel­ne Pri­vat­schu­len gegen­über ande­ren Schu­len zu benach­tei­li­gen. Es wür­de mit Art. 7 Abs. 4 GG nicht zu ver­ein­ba­ren sein, wenn die Ersatz­schu­len ohne sach­li­chen Grund zur Auf­ga­be ihrer Selbst­be­stim­mung ver­an­lasst wür­den 2.

Zielt eine lan­des­recht­li­che Aner­ken­nungs­vor­aus­set­zung wie hier Num­mer 12 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. f VVPSchG BW dar­auf ab, durch eine Ver­pflich­tung der Ersatz­schu­le auf Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen für den öffent­li­chen Schul­dienst einen Qua­li­fi­ka­ti­ons­stan­dard des Lehr­per­so­nals zu sichern, der dem­je­ni­gen an ver­gleich­ba­ren öffent­li­chen Schu­len ent­spricht, wird die Ersatz­schu­le nicht ohne sach­li­chen Grund zur Auf­ga­be ihrer Selbst­be­stim­mung ver­an­lasst. Eine sol­che Rege­lung bie­tet Gewähr für einen der öffent­li­chen Schu­le ent­spre­chen­den Aus­bil­dungs­er­folg der Schü­ler, der es zusam­men mit wei­te­ren Rege­lun­gen ver­tret­bar erschei­nen lässt, auf eine staat­li­che Kon­trol­le des Aus­bil­dungs­er­folgs in Gestalt einer "Exter­nen­prü­fung" zu ver­zich­ten. Dass auch alter­na­ti­ve Mit­tel zur Siche­rung eines hin­rei­chen­den Qua­li­fi­ka­ti­ons­stan­dards des Lehr­per­so­nals denk­bar sind, macht das hier gewähl­te Mit­tel nicht sach­wid­rig 3. Die Maß­ga­be, das Insti­tut der Aner­ken­nung nicht dazu zu benut­zen, eine Anpas­sung an die öffent­li­chen Schu­len in einem der Sache nicht gebo­te­nen Umfang zu ver­an­las­sen, legt den Gesetz­ge­ber nicht auf ein ein­zel­nes Mit­tel fest, son­dern belässt ihm Wahl­mög­lich­kei­ten.

Ein Ver­stoß gegen Art. 7 Abs. 4 GG kann nicht dar­aus her­ge­lei­tet wer­den, dass gemäß § 10 Abs. 2 Satz 2 PSchG BW die Schul­auf­sichts­be­hör­de die Zusam­men­set­zung der Prü­fungs­aus­schüs­se bestimmt. Selbst wenn man mit der Klä­ge­rin aus dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 14.11.1969 – 1 BvL 24/​64 – als Grund­satz her­lei­ten woll­te, der Vor­be­halt staat­li­cher Befug­nis­se in Bezug auf die Prü­fungs­durch­füh­rung limi­tie­re die Rege­lungs­spiel­räu­me, über die der Lan­des­ge­setz­ge­ber hin­sicht­lich der Aner­ken­nungs­vor­aus­set­zun­gen ver­fü­ge, wären jeden­falls die ent­spre­chen­den Gren­zen unter den vor­lie­gen­den Umstän­den nicht über­schrit­ten.

Dies ergibt sich bereits dar­aus, dass die staat­li­chen Befug­nis­se, die hier in Rede ste­hen, sub­stan­ti­ell begrenzt sind. In § 18 TAVO 2005 ist vor­ge­se­hen, dass dem Prü­fungs­aus­schuss Lehr­kräf­te der Schu­le ange­hö­ren. Die obe­re Schul­auf­sichts­be­hör­de kann als Vor­sit­zen­den des Prü­fungs­aus­schus­ses eine ande­re Per­son als den Schul­lei­ter bestim­men sowie neben den in § 18 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 TAVO 2005 auf­ge­führ­ten schul­ei­ge­nen Lehr­kräf­ten wei­te­re Mit­glie­der beru­fen, soweit dies für die Durch­füh­rung der Prü­fung erfor­der­lich ist (§ 18 Abs. 1 Satz 3 TAVO 2005). Lehr­kräf­te der Schu­le sind somit im Prü­fungs­aus­schuss zwin­gend ver­tre­ten. Trifft die obe­re Schul­auf­sichts­be­hör­de nicht aus­drück­lich eine gegen­tei­li­ge Bestim­mung, gehö­ren dem Prü­fungs­aus­schuss kei­ne schul­frem­den Per­so­nen an. Es kommt hin­zu, dass die Lei­tung der schrift­li­chen Prü­fung dem Schul­lei­ter oder einer von ihm beauf­trag­ten Lehr­kraft obliegt (§ 19 Abs. 1 TAVO 2005), die schrift­li­chen Arbei­ten von der Fach­lehr­kraft der Klas­se und einer wei­te­ren Fach­lehr­kraft bewer­tet wer­den (§ 19 Abs. 5 Satz 1 TAVO 2005), schul­ei­ge­ne Lehr­kräf­te regel­mä­ßig eine aus­schlag­ge­ben­de Rol­le in der Durch­füh­rung prak­ti­scher und münd­li­cher Prü­fun­gen spie­len (vgl. § 18 Abs. 3 TAVO 2005) und die sog. Anmel­de­no­ten über­wie­gend zu einem Drit­tel in die End­no­ten ein­flie­ßen (§ 22 Abs. 2 TAVO 2005) bzw. in Fächern, in denen nicht geprüft wur­de, als End­no­ten in das Zeug­nis über­nom­men wer­den (§ 22 Abs. 3 TAVO 2005).

Aus der Gesamt­heit die­ser Bestim­mun­gen tritt her­vor, dass der Schu­le ein weit­rei­chen­des Maß an Eigen­ver­ant­wor­tung und auto­no­mer Hand­lungs­be­fug­nis im Rah­men der Prü­fungs­durch­füh­rung ver­bleibt, so dass von einer "Staat­lich­keit der Prü­fung" nicht die Rede sein kann. Eine Limi­tie­rung der Rege­lungs­spiel­räu­me des Gesetz­ge­bers hin­sicht­lich der Aner­ken­nungs­vor­aus­set­zun­gen der­ge­stalt, dass im vor­lie­gen­den Fall kein Raum für eine Vor­schrift wie Num­mer 12 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. f VVPSchG BW ver­blie­be, wäre danach nicht gerecht­fer­tigt. Der Stand­punkt des Ver­ord­nungs­ge­bers, es sei unge­ach­tet der Bestim­mungs­be­fug­nis aus § 10 Abs. 2 Satz 2 PSchG BW sach­lich gebo­ten, die Ersatz­schu­le auf die Stan­dards der Per­so­nal­ein­stel­lung des öffent­li­chen Schul­diens­tes zu ver­pflich­ten, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Unab­hän­gig hier­von ist zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass der Ersatz­schu­le unge­ach­tet der in Num­mer 12 Abs. 1 VVPSchG BW nor­mier­ten Anfor­de­run­gen sub­stan­ti­el­le Mög­lich­kei­ten der Selbst­be­stim­mung – ins­be­son­de­re in metho­disch-didak­ti­scher Hin­sicht – ver­blei­ben. Zudem erzeugt selbst die hier in Rede ste­hen­de Anfor­de­rung aus Num­mer 12 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. f VVPSchG BW inso­fern nur einen begrenz­ten Anpas­sungs­druck, als sie nach der vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zugrun­de geleg­ten Aus­le­gung eine Anstel­lungs­fä­hig­keit für den öffent­li­chen Schul­dienst für ledig­lich zwei Drit­tel der Lehr­kräf­te vor­schreibt. Der aner­kann­ten Ersatz­schu­le ver­bleibt danach ein höhe­res Maß an per­so­nal­wirt­schaft­li­cher Fle­xi­bi­li­tät als den öffent­li­chen Schu­len.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 1. Okto­ber 2015 – 6 B 152015 -

  1. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 14.11.1969 – 1 BvL 24/​64, BVerfGE 27, 195, 201 – 209; und vom 11.06.1974 – 1 BvR 82/​71, BVerfGE 37, 314, 324; BVerwG, Urtei­le vom 18.11.1983 – 7 C 114.81, BVerw­GE 68, 185, 187 f.; und vom 13.12 2000 – 6 C 5.00, BVerw­GE 112, 263, 270 f.[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 14.11.1969 – 1 BvL 24/​64, BVerfGE 27, 195, 208 f.[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.11.1969 – 1 BvL 24/​64, BVerfGE 27, 195, 209 zur Gestal­tung des Zulas­sungs­ver­fah­rens[]