Anhö­rungs­rü­ge, Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und der Grund­satz der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät

Inhalt und Gren­zen einer auf die Ver­let­zung recht­li­chen Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) gestütz­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de wer­den durch die im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren erho­be­ne Anhö­rungs­rü­ge bestimmt

Anhö­rungs­rü­ge, Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und der Grund­satz der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät

Der Grund­satz der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät (§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) erfor­dert, dass der Beschwer­de­füh­rer vor Erhe­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de den Rechts­weg nicht nur for­mell, son­dern auch in der gehö­ri­gen Wei­se unter Nut­zung der gege­be­nen Mög­lich­kei­ten durch­läuft, um auf die Ver­mei­dung oder Kor­rek­tur des gerüg­ten Grund­rechts­ver­sto­ßes hin­zu­wir­ken 1.

Der Beschwer­de­füh­rer muss das ihm Mög­li­che tun, damit eine Grund­rechts­ver­let­zung im fach­ge­richt­li­chen Instan­zen­zug unter­bleibt oder besei­tigt wird, und alle nach Lage der Din­ge zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten ergrei­fen, um die gel­tend gemach­te Grund­rechts­ver­let­zung in dem unmit­tel­bar mit ihr zusam­men­hän­gen­den sach­nächs­ten Ver­fah­ren zu ver­hin­dern oder zu besei­ti­gen 2.

Inhalt und Gren­zen einer auf Art. 103 Abs. 1 GG gestütz­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de wer­den daher durch die im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren erho­be­ne Anhö­rungs­rü­ge bestimmt 3. Sinn und Zweck der Anhö­rungs­rü­ge, die Kor­rek­tur von Gehörsver­let­zun­gen vor­ran­gig inner­halb des fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens zu ermög­li­chen, könn­ten jeden­falls dann nicht erfüllt wer­den, wenn die Rüge von Gehörsver­stö­ßen mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nur davon abhin­ge, dass über­haupt ein als Anhö­rungs­rü­ge bezeich­ne­ter Rechts­be­helf ein­ge­legt wur­de, ohne dass ein ernst­haf­ter Ver­such unter­nom­men wird, die gerüg­te Ver­let­zung inhalt­lich zu behe­ben 4.

Im Übri­gen ver­pflich­tet Art. 103 Abs. 1 GG das Gericht (ledig­lich), die Aus­füh­run­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 5, nicht jedoch, auch ihrer (Rechts-)Auffassung zu fol­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 10. Febru­ar 2020 – 2 BvR 336/​19

  1. vgl. BVerfGE 112, 50, 60; BVerfG, Beschluss vom 22.05.2017 – 2 BvR 1107/​16, Rn. 13[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 04.07.2016 – 2 BvR 1552/​14, Rn. 5; Beschluss vom 10.03.2016 – 2 BvR 408/​16, Rn. 3; Beschluss vom 22.05.2017 – 2 BvR 1453/​16, Rn. 3; stRspr[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.06.2007 – 1 BvR 1470/​07, Rn. 14; Beschluss vom 22.05.2017 – 2 BvR 1107/​16, Rn. 13; Beschluss vom 28.11.2018 – 2 BvR 882/​17, Rn. 12[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.05.2017 – 2 BvR 1107/​16, Rn. 13[]
  5. vgl. BVerfGE 42, 364, 367 f.; 47, 182, 187; BVerfG, Beschluss vom 29.08.2017 – 2 BvR 863/​17, Rn. 15; Beschluss vom 01.10.2019 – 1 BvR 552/​18, Rn. 8; Beschluss vom 18.07.2019 – 2 BvR 1082/​18, Rn. 14; Beschluss vom 19.06.2019 – 2 BvR 2579/​17, Rn. 23[]