Antrags­be­grün­dung und Anhö­rung in Abschie­bungs­haft­sa­chen

Eine ord­nungs­ge­mä­ße Anhö­rung des Betrof­fe­nen ist nur nach Aus­hän­di­gung der schrift­li­chen Begrün­dung des Haft­an­trags, ein­schließ­lich etwai­ger Nach­trä­ge, gewähr­leis­tet.

Antrags­be­grün­dung und Anhö­rung in Abschie­bungs­haft­sa­chen

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss der Haft­an­trag dem Betrof­fe­nen vor sei­ner Anhö­rung in voll­stän­di­ger Abschrift aus­ge­hän­digt wer­den 1. Andern­falls kann näm­lich nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Betrof­fe­ne nicht in der Lage ist, zu sämt­li­chen Anga­ben der Behör­de Stel­lung zu neh­men 2, was zur Fol­ge hat, dass in dem Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren von einer Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG aus­ge­gan­gen wer­den muss.

Für einen von der Behör­de vor der Anhö­rung vor­ge­leg­ten Nach­trag zu dem Haft­an­trag gilt nichts ande­res. Ent­hält die­ser – wie hier – Aus­füh­run­gen nach § 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 FamFG zur Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung in den neu­en Ziel­staat (hier das König­reich Marok­ko), muss auch der Nach­trag dem Betrof­fe­nen aus­ge­hän­digt wer­den. Die im Pro­to­koll der Anhö­rung fest­ge­hal­te­ne blo­ße Bekannt­ma­chung und Erör­te­rung genügt nicht 3. Eine ord­nungs­ge­mä­ße Anhö­rung des Betrof­fe­nen (§ 420 Abs. 1 Satz 1 FamFG) ist nur nach einer Aus­hän­di­gung der gesam­ten schrift­li­chen Begrün­dung der Behör­de gewähr­leis­tet. Die Über­ga­be einer Abschrift des Haft­an­trags sowie etwai­ger schrift­li­cher Nach­trä­ge an den Betrof­fe­nen ist schon des­we­gen erfor­der­lich, damit die­ser im wei­te­ren Ver­lauf der Anhö­rung in die Schrift­sät­ze, die die Behör­de dem Haft­rich­ter vor­ge­legt hat, jeder­zeit ein­se­hen und die­se gege­be­nen­falls spä­ter einem Rechts­an­walt vor­le­gen kann 4.

Ist – wie hier – weder dem Pro­to­koll der Anhö­rung noch der Akte eine Aus­hän­di­gung des (Nach­trags zum) Haftantrag(s) zu ent­neh­men, ist davon aus­zu­ge­hen, dass dem Betrof­fe­nen nicht der gesam­te Antrags­in­halt bekannt gege­ben und des­sen Ver­fah­rens­grund­recht ver­letzt wor­den ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Okto­ber 2012 – V ZB 274/​11

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.07.2011 – V ZB 141/​11, FGPrax 2011, 257, 258 Rn. 8; und vom 14.06.2012 – V ZB 284/​11[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.07.2011 – V ZB 141/​11, aaO; und vom 14.06.2012 – V ZB 284/​11[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 21.07.2011 – V ZB 141/​11, FGPrax 2011, 257, 258 Rn. 8 und vom 14.06.2012 – V ZB 284/​11[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 14.06.2012 – V ZB 284/​11[]