Antrags­frist für einen Nor­men­kon­troll­an­trag bei Sat­zungs­än­de­run­gen

Bei Norm­än­de­run­gen beginnt die Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO nur für die geän­der­ten Bestim­mun­gen neu, nicht jedoch für die unver­än­dert geblie­be­nen Bestim­mun­gen, auch wenn sie vom Sat­zungs­ge­ber erneut in sei­nen Wil­len auf­ge­nom­men wor­den sein soll­ten. Eine abge­lau­fe­ne Antrags­frist nach § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO wird durch Ände­rung einer Sat­zung nur dann erneut in Gang gesetzt, wenn die Ände­rungs­sat­zung neue Rechts­vor­schrif­ten ent­hält, die nun ange­grif­fen wer­den und eine zusätz­li­che Beschwer durch die bis­her gel­ten­den, für sich genom­men nicht mehr angreif­ba­ren Vor­schrif­ten bewir­ken, etwa weil sie deren Anwen­dungs­be­reich oder mate­ri­el­len Gehalt ändern. Eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nach § 60 VwGO ist bezüg­lich der Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO aus­ge­schlos­sen.

Antrags­frist für einen Nor­men­kon­troll­an­trag bei Sat­zungs­än­de­run­gen

Nach § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO in der Fas­sung des Art. 1 Nr. 2 Buchst. a des Geset­zes vom 1. Novem­ber 1996 1, das am 1. Janu­ar 1997 in Kraft getre­ten ist, war ein Nor­men­kon­troll­an­trag inner­halb einer Frist von zwei Jah­ren nach Bekannt­ma­chung der Rechts­vor­schrift zu stel­len. Nach Art. 10 Abs. 4 des Geset­zes vom 01.11.1996 – einer Über­lei­tungs­vor­schrift – begann für Rechts­vor­schrif­ten, die vor dem 1. Janu­ar 1997 bekannt gemacht wor­den sind, die Frist nach § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO mit Inkraft­tre­ten des Geset­zes vom 01.11.1996 zu lau­fen.

Zum 1. Janu­ar 2007 wur­de die Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO durch Art. 3 Nr. 1 Buchst. a des Geset­zes vom 21.12.2006 2 auf ein Jahr ver­kürzt. Nach der hier­zu erlas­se­nen Über­gangs­vor­schrift des § 195 Abs. 7 VwGO galt für Rechts­vor­schrif­ten, die vor dem 1. Janu­ar 2007 bekannt gemacht wur­den, die Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO in der bis zum 31.12.2006 gel­ten­den Fas­sung.

Die Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO wur­de auch nicht durch Bekannt­ma­chung der inner­halb der Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO ange­grif­fe­nen Ände­rungs­sat­zung für die übri­gen hier rele­van­ten (bereits frü­her erlas­se­nen) Sat­zungs­be­stim­mun­ge­nen neu in Lauf gesetzt. Bei Norm­än­de­run­gen beginnt die Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO nur für die geän­der­ten Bestim­mun­gen neu, nicht jedoch für die unver­än­dert geblie­be­nen Bestim­mun­gen, auch wenn sie vom Sat­zungs­ge­ber erneut in sei­nen Wil­len auf­ge­nom­men wor­den sein soll­ten. Durch Ände­rung einer Sat­zung wird eine abge­lau­fe­ne Antrags­frist nach § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO nur dann erneut in Gang gesetzt, wenn die Ände­rungs­sat­zung neue Rechts­vor­schrif­ten ent­hält, die nun ange­grif­fen wer­den und die eine zusätz­li­che Beschwer durch die bis­her gel­ten­den, für sich genom­men nicht mehr angreif­ba­ren Vor­schrif­ten bewir­ken, etwa weil sie deren Anwen­dungs­be­reich oder mate­ri­el­len Gehalt ändern 3. Eine sol­che Aus­nah­me liegt hier indes nicht vor. Die Antrag­stel­le­rin macht nicht gel­tend, dass die Vor­schrif­ten der Ände­rungs­sat­zung die belas­ten­de Wir­kung der zuvor vom Antrags­geg­ner erlas­se­nen Sat­zungs­be­stim­mun­gen, bezüg­lich derer die Antrags­frist bereits abge­lau­fen ist, erwei­tern. Die aus Sicht der Antrag­stel­le­rin zu engen Vor­aus­set­zun­gen der Sat­zung, die in ihrem Fall, das heißt bei kur­zer und been­de­ter Mit­glied­schaft, eine Anwart­schaft aus­schlie­ßen, blie­ben durch die Ände­rungs­sat­zung unbe­rührt. Daher kann sie nun auch kei­ne hier­auf bezo­ge­ne Norm­ergän­zung mehr gel­tend machen 4.

Eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nach § 60 VwGO kommt nicht in Betracht. Die­se ist bezüg­lich der Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO aus­ge­schlos­sen, sonst hät­ten alle Per­so­nen, die erst nach Ablauf der Antrags­frist von der Vor­schrift betrof­fen wer­den, einen Anspruch auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand. Damit wür­de die gesetz­ge­be­ri­sche Absicht einer Befris­tung der prin­zi­pa­len Nor­men­kon­trol­le weit­ge­hend obso­let 5.

Die Ein­stu­fung der Frist des § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO als Aus­schluss­frist und der damit ein­her­ge­hen­de Aus­schluss einer Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand erscheint auch nicht im Hin­blick auf das aus Art.19 Abs. 4 GG fol­gen­de Gebot der Gewähr­leis­tung eines effek­ti­ven Recht­schut­zes gegen Akte öffent­li­cher Gewalt bedenk­lich. Beden­ken bestün­den allen­falls dann, wenn ein Betrof­fe­ner nach Ablauf der Aus­schluss­frist kei­ne Mög­lich­keit mehr hät­te, sich gegen eine Rechts­ver­let­zung durch die oder auf­grund der Norm zur Wehr zu set­zen 6. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Nor­men­kon­trol­le gemäß § 47 VwGO ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht gebo­ten 7. Es genügt auch, wenn die Mög­lich­keit der inzi­den­ten Rechts­kon­trol­le – bei­spiels­wei­se im Rah­men einer Fest­stel­lungs­kla­ge – besteht 8.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 12. Dezem­ber 2012 – 9 S 2933/​11

  1. BGBl. I S. 1626[]
  2. BGBl. I S. 3316[]
  3. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 07.02.1961 – 2 BvR 23/​61, BVerfGE 12, 139, 141; vom 19.03.1968 – 1 BvR 554/​65, BVerfGE 23, 229, 237; und vom 06.06.1989 – 1 BvR 921/​85, BVerfGE 80, 137, 149; Beschluss vom 30.07.2003 – 1 BvR 646/​02; BVerwG, Urteil vom 21.01.2004 – 8 CN 1/​02, BVerw­GE 120, 82; VGH Bad.-Württ., Urteil vom 27.10.2010 – 5 S 1292/​10, DVBl.2011, 239; Bay. VGH, Urtei­le vom 02.10.2001 – 23 N 01.723, BayVBl.2002, 531; und vom 15.06.2005 – 4 N 03.1045, BayVBl.2006, 16; OVG Rh.-Pf., Urteil vom 18.06.2003 – 8 C 12003/​02; Sächs. OVG, Urteil vom 20.08.2008 – 5 D 24/​06; OVG NRW, Urteil vom 12.12.2005 – 10 D 27/​03.NE; Wysk, in: ders., Hrsg., VwGO, 2011, § 47 Rn. 23; Kopp/​Schenke, VwGO, 17. Aufl.2011, § 47 Rn. 83; Zie­kow, in: Sodan/​ders., Hrsg., VwGO, 3. Aufl.2010, § 47 Rn. 289a; Heusch/​Sennekamp, in: Umbach/​Clemens/​Dollinger, Hrsg., BVerfGG, 2. Aufl.2005, § 93 Rn. 90[]
  4. vgl. zur Norm­ergän­zung: Kopp/​Schenke, a.a.O., § 47 Rn. 14; Schmidt, in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl.2010, § 47 Rn.20[]
  5. vgl. Kopp/​Schenke, a.a.O., § 47 Rn. 83; Bay. VGH, Urteil vom 17.11.2009 – 1 N 08.2796, BayVBl.2010, 439, OVG LSA Urteil vom 26.10.2011 – 2 K 10/​10; noch offen gelas­sen: VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 13.07.2001 – 5 S 2711/​99[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 21.11.1996 – 1 BvR 1862/​96, NJW 1997, 650[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.07.1971 – 2 BvR 4434/​70, BVerfGE 31, 364, 367 f.; Bay. VGH, Urteil vom 17.11.2009 – 1 N 08.2796, BayVBl.2010, 439[]
  8. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 17.01.2006 – 1 BvR 541/​02 u.a., BVerfGE 115, 81[]