Asyl – und das unwil­li­ge OVG

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt war jetzt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de einer syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen kur­di­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit und ihrer bei­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der gegen die Ableh­nung des Antrags auf Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­te und auf Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft erfolg­reich.

Asyl – und das unwil­li­ge OVG

Die 1978 gebo­re­ne Syre­rin und ihre bei­den 2008 und 2011 gebo­re­nen Kin­der bean­trag­ten nach ihrer Ein­rei­se in die Bun­des­re­pu­blik Asyl. Das Bun­des­amt lehn­te den Antrag auf Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­te und auf Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft ab und stell­te das Vor­lie­gen eines Abschie­be­ver­bots nach § 60 Abs. 2 Auf­en­thG fest. Bei einer Rück­kehr nach Syri­en sei mit einer Rück­kehr­erbe­fra­gung zu rech­nen, die mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine kon­kre­te Gefähr­dung in Form men­schen­rechts­wid­ri­ger Behand­lung bis hin zur Fol­ter aus­lö­se.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Düs­sel­dorf wies die hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge ab 1, das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len lehn­te den Antrag auf Zulas­sung der Beru­fung ab 2. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt wur­de die Syre­rin per­sön­lich ange­hört und gab an, dass sie zwi­schen­zeit­lich auf Inter­net­sei­ten der syri­schen Oppo­si­ti­on zwei regime­kri­ti­sche Arti­kel ver­öf­fent­licht habe, in denen sie das Régime unter ande­rem wegen der Ermor­dung von Kin­dern und des Ein­sat­zes von Gift­gas kri­ti­siert habe. Als Kur­den wür­den sie und ihre Kin­der in Syri­en sowohl von den Isla­mis­ten als auch von der Regie­rung ver­folgt.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung an und gab ihr statt:

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG für eine statt­ge­ben­de Kam­mer­ent­schei­dung lie­gen vor. Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zur Durch­set­zung des Grund­rechts des Beschwer­de­füh­rers aus Art.19 Abs. 4 GG ange­zeigt. Die für die Beur­tei­lung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de maß­geb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits geklärt. Die zuläs­si­ge Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist in einem die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz der Kam­mer eröff­nen­den Sinn offen­sicht­lich begrün­det.

Die Nicht­zu­las­sung der Beru­fung durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ver­letzt die Beschwer­de­füh­rer in ihrem Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz aus Art.19 Abs. 4 GG. Die­ses gewähr­leis­tet zwar kei­nen Anspruch auf die Ein­rich­tung eines bestimm­ten Rechts­zu­ges 3. Hat der Gesetz­ge­ber jedoch meh­re­re Instan­zen geschaf­fen, darf der Zugang zu ihnen nicht in unzu­mut­ba­rer und durch Sach­grün­de nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 4. Das glei­che gilt, wenn das Pro­zess­recht – wie hier der § 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylG – den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit gibt, die Zulas­sung eines Rechts­mit­tels zu erstrei­ten 5. Aus die­sem Grun­de dür­fen die Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung der Zulas­sungs­grün­de nicht der­art erschwert wer­den, dass sie auch von einem durch­schnitt­li­chen, nicht auf das gera­de ein­schlä­gi­ge Rechts­ge­biet spe­zia­li­sier­ten Rechts­an­walt mit zumut­ba­rem Auf­wand nicht mehr erfüllt wer­den kön­nen und die Mög­lich­keit, die Zulas­sung eines Rechts­mit­tels zu erstrei­ten, für den Rechts­mit­tel­füh­rer leer­läuft 6. Dies gilt nicht nur hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung der Zulas­sungs­grün­de gemäß § 78 Abs. 4 Satz 4 AsylG bezie­hungs­wei­se § 124a Abs. 4 Satz 4 VwGO, son­dern in ent­spre­chen­der Wei­se für die Aus­le­gung und Anwen­dung der Zulas­sungs­grün­de des § 78 Abs. 3 AsylG bezie­hungs­wei­se § 124 Abs. 2 VwGO selbst 7.

Von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung im Sin­ne des – hier in Rede ste­hen­den – Zulas­sungs­grun­des nach § 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylG ist eine Rechts­sa­che, wenn es maß­ge­bend auf eine kon­kre­te, über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen­de Rechts­fra­ge ankommt, deren Klä­rung im Inter­es­se der Ein­heit oder der Fort­bil­dung des Rechts oder sei­ner ein­heit­li­chen Aus­le­gung und Anwen­dung gebo­ten erscheint 8. Vom Vor­lie­gen einer grund­sätz­li­chen Bedeu­tung ist regel­mä­ßig dann aus­zu­ge­hen, wenn eine bun­des­recht­li­che Rechts­fra­ge in der Recht­spre­chung der Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te unein­heit­lich beur­teilt wird und es an einer Klä­rung durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fehlt 9. Bei Tat­sa­chen­fra­gen kommt es regel­mä­ßig nur auf die Klä­rung des im Instan­zen­zug über­ge­ord­ne­ten Ober­ver­wal­tungs­ge­richts an, weil wegen der Bin­dung des Revi­si­ons­ge­richts an die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts, § 137 Abs. 2 VwGO, eine wei­ter­ge­hen­de Ver­ein­heit­li­chung der Recht­spre­chung durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus­schei­det.

Gemes­sen an die­sen Maß­stä­ben hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt das Vor­lie­gen einer klä­rungs­be­dürf­ti­gen grund­sätz­li­chen Fra­ge zu Unrecht ver­neint. Es ist – wie sich auch aus sei­nem in Bezug genom­me­nen Beschluss vom 27.06.2013 10 ergibt – davon aus­ge­gan­gen, dass ledig­lich eine tat­säch­li­che Fra­ge im Raum ste­he. Das ist jedoch nicht der Fall. Viel­mehr wirft die Zulas­sungs­schrift die Rechts­fra­ge auf, ob auf der Grund­la­ge der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len in sei­nem Urteil vom 14.02.2012 11sub­si­diä­rer Schutz – so das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt – oder die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft gemäß § 60 Abs. 1 Auf­en­thG (heu­te § 3 AsylG) – so der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg 12 – zu gewäh­ren ist. In sei­nem Urteil vom 14.02.2012 ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len davon aus­ge­gan­gen, dass nicht nur poli­tisch Ver­däch­ti­gen, son­dern allen nach Syri­en zurück­keh­ren­den Asyl­be­wer­bern mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit ein Ver­hör unter Anwen­dung von gra­vie­ren­der Fol­ter dro­he. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg begrün­det sei­ne – bei als iden­tisch ange­nom­me­ner Tat­sa­chen­grund­la­ge – vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len abwei­chen­de Rechts­auf­fas­sung mit einer ein­ge­hen­den Aus­wer­tung der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, nach der es uner­heb­lich ist, ob der Asyl­be­wer­ber tat­säch­lich poli­tisch aktiv war, soweit nur die Behör­den des Hei­mat­staats von einer sol­chen Betä­ti­gung aus­gin­gen 13. Damit stand eine bun­des­recht­li­che Rechts­fra­ge im Raum, die nicht – jeden­falls nicht im Sin­ne der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len – geklärt war. Ihre Ein­stu­fung als – zudem geklär­te – Tat­sa­chen­fra­ge erschwert den Zugang zur Beru­fungs­in­stanz in einer durch Sach­grün­de nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Novem­ber 2016 – 2 BvR 31/​14

  1. VG Düs­sel­dorf, Urteil vom 08.10.2013 – 17 K 3965/​13.A[]
  2. OVG NRW, Beschluss vom 09.12 2013 – 14 A 2663/​13.A[]
  3. vgl. BVerfGE 92, 365, 410; 104, 220, 231; 125, 104, 136 f.; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 77, 275, 284; 78, 88, 99; 84, 366, 369 f.; 125, 104, 137[]
  5. vgl. BVerfGE 125, 104, 137[]
  6. vgl. zuletzt BVerfGE 125, 104, 137 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerfGE 125, 104, 137; BVerfGK 5, 369, 375 f.; 10, 208, 213; 15, 37, 46 f.[]
  8. vgl. BVerfGE 125, 104, 140; BVerfGK 10, 208, 214[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.01.1993 – 2 BvR 1058/​92, 2 BvR 1059/​92, NVwZ 1993, S. 465 f.[]
  10. BVerwG, Beschluss vom 27.06.2013 – 14 A 1517/​13.A[]
  11. OVG NRW, Urteil vom 14.02.2012 – 14 A 2708/​10.A 36 ff.[]
  12. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 19.06.2013 – A 11 S 927/​13[]
  13. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 19.06.2013 – A 11 S 927/​13[]