Asyl und sub­si­diä­rer Schutz – und der Prüf­um­fang bei Zweit­an­trä­gen

Die Prü­fung von Schutz­ge­su­chen ist bei Zweit­an­trä­gen iSd. § 71 a AsylVfG mate­ri­ell auf die gel­tend gemach­ten Wie­der­auf­grei­fens­grün­de beschränkt.

Asyl und sub­si­diä­rer Schutz – und der Prüf­um­fang bei Zweit­an­trä­gen

Nach § 71 a Abs. 1 AsylVfG ist nach erfolg­lo­sem Abschluss eines Asyl­ver­fah­rens in einem siche­ren Dritt­staat, für den Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft über die Zustän­dig­keit für die Durch­füh­rung von Asyl­ver­fah­ren gel­ten oder mit dem die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land dar­über einen völ­ker­recht­li­chen Ver­trag geschlos­sen hat, ein wei­te­res Asyl­ver­fah­ren nur durch­zu­füh­ren, wenn der Aus­län­der einen Asyl­an­trag (Zweit­an­trag) stellt, die Bun­des­re­pu­blik für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist und die Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Abs. 1 bis 3 VwVfG vor­lie­gen.

Der Anwend­bar­keit von § 71 a AsylVfG steht nicht schon ent­ge­gen, dass das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge im ange­grif­fe­nen Bescheid still­schwei­gend die Vor­aus­set­zun­gen für ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens ange­nom­men hat. Ob Wie­der­auf­grei­fens­grün­de vor­lie­gen, ist eine Zuläs­sig­keits­fra­ge für die Sach­prü­fung, die – eben­so wie im Rah­men einer unmit­tel­ba­ren Anwen­dung des § 51 VwVfG – in jedem Sta­di­um des Ver­fah­rens durch die jeweils zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Stel­le von Amts wegen zu beach­ten ist. Inso­fern ent­fal­tet die Ent­schei­dung des Bun­des­amts im gericht­li­chen Ver­fah­ren kei­ne Bin­dungs­wir­kung1.

Nach § 51 Abs. 1 VwVfG hat die Behör­de auf Antrag des Betrof­fe­nen über die Auf­he­bung oder Ände­rung eines unan­fecht­ba­ren Ver­wal­tungs­akts zu ent­schei­den, wenn sich die dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de lie­gen­de Sach- und Rechts­la­ge nach­träg­lich zu Guns­ten des Betrof­fe­nen geän­dert hat (Nr. 1), neue Beweis­mit­tel vor­lie­gen, die eine dem Betrof­fe­nen güns­ti­ge­re Ent­schei­dung her­bei­ge­führt haben wür­den (Nr. 2) oder wenn Wie­der­auf­nah­me­grün­de ent­spre­chend § 580 der Zivil­pro­zess­ord­nung gege­ben sind (Nr. 3).

Im hier ent­schie­de­nen Fall bezieht sich das Vor­brin­gen des Asyl­be­wer­bers auf Ver­fol­gungs­hand­lun­gen, die er vor sei­ner Ein­rei­se in die Nie­der­lan­de im Jahr 2003 erlebt haben will. Die­se Umstän­de hat er bereits in dem Asyl­ver­fah­ren in den Nie­der­lan­den vor­tra­gen kön­nen; sie sind auf­grund von § 51 Abs. 2 VwVfG als Wie­der­auf­grei­fens­grün­de unbe­acht­lich. Eine nach­träg­li­che Ände­rung der Sach­la­ge im Sin­ne von § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG ist aller­dings inso­fern anzu­neh­men, als sich die Sicher­heits­la­ge in sei­nem Hei­mat­staat seit­dem aus­weis­lich einer Rei­se­war­nung des Aus­wär­ti­gen Amtes erheb­lich ver­schlech­tert hat. Die­se Ände­rung der Sach­la­ge, auf die sich der Umfang, in dem die Bestands­kraft durch das Wie­der­auf­grei­fen aus­ge­räumt und dadurch die Zweit­ent­schei­dung mög­lich ist, beschränkt, wirkt sich aller­dings auf die begehr­te Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft nicht aus, weil die geschil­der­te Ent­wick­lung kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung des Asyl­be­wer­bers als Per­son oder als eines Ange­hö­ri­gen einer Grup­pe von Per­so­nen im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 3 b AsylVfG begrün­det. Sie begrün­det vor­lie­gend jedoch beacht­li­che Wie­der­auf­grei­fens­grün­de im Sin­ne von § 71 a AsylVfG i. V. m. 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG hin­sicht­lich der begehr­ten Zuer­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes im Sin­ne von § 4 AsylVfG, die der Asyl­an­trag im Sin­ne der §§ 13 Abs. 2, 71 Abs. 1 und 71 a Abs. 1 AsylVfG mit erfasst.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2015 – 10 A 10743/​14

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 15.12.1987 – BVerwG 9 C 285.86 –, NVwZ 1988, 737 zum Fol­ge­an­trag []