Asyl­an­trag – und das vor­läu­fig ein­ge­stell­te Asyl­ver­fah­ren im Aus­land

Ein asyl­recht­li­cher Zweit­an­trag, der bei Feh­len neu­en Vor­brin­gens ohne Sach­prü­fung als unzu­läs­sig abge­lehnt wer­den kann, liegt nicht vor, wenn das vor Zustän­dig­keits­über­gang auf Deutsch­land in einem ande­ren Mit­glied­staat ohne Sach­ent­schei­dung ein­ge­stell­te Asyl­ver­fah­ren nach dor­ti­ger Rechts­la­ge wie­der­auf­ge­nom­men wer­den kann und dann zur umfas­sen­den Prü­fung des Asyl­an­tra­ges führt.

Asyl­an­trag – und das vor­läu­fig ein­ge­stell­te Asyl­ver­fah­ren im Aus­land

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall reis­te eine Fami­lie afgha­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit im Juli 2012 nach Deutsch­land ein und bean­trag­te ihre Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­te. Zuvor hat­ten sie bereits in Ungarn Asyl­an­trä­ge gestellt, deren Bear­bei­tung nach ihrem Fort­zug ein­ge­stellt wor­den war. Ungarn stimm­te einem Wie­der­auf­nah­me­ersu­chen des Bun­des­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) zu, doch wur­de die Fami­lie inner­halb der Über­stel­lungs­frist nach der Dub­lin II-Ver­ord­nung nicht dort­hin über­stellt. Das Bun­des­amt lehn­te die Durch­füh­rung von wei­te­ren Asyl­ver­fah­ren ab, weil es sich bei den Asyl­an­trä­gen nach der erfolg­lo­sen Durch­füh­rung eines Asyl­ver­fah­rens in Ungarn um Zweit­an­trä­ge han­de­le und die afgha­ni­schen Flücht­lin­ge kei­ne Grün­de für ein Wie­der­auf­grei­fen des Asyl­ver­fah­rens – ins­be­son­de­re kei­ne nach­träg­lich ver­än­der­te Sach­la­ge – gel­tend gemacht hät­ten.

Die Anfech­tungs­kla­ge der afgha­ni­schen Fami­lie hat­te in den Vor­in­stan­zen Erfolg vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen 1 und dem Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof 2 Erfolg. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Revi­si­on des BAMF zurück­ge­wie­sen:

In Fort­ent­wick­lung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung geht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun­mehr davon aus, dass die Ableh­nung der Durch­füh­rung eines wei­te­ren Asyl­ver­fah­rens bei Fol­ge- und Zweit­an­trä­gen, die nach aktu­el­ler Rechts­la­ge als Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 5 AsylG ergeht, mit der Anfech­tungs­kla­ge anzu­grei­fen ist. Es besteht in die­sen Fäl­len kei­ne gericht­li­che Pflicht zum "Durch­ent­schei­den" über den Asyl­an­trag; viel­mehr hat das BAMF nach Auf­he­bung der Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung ein Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren.

Die Kla­ge der afgha­ni­schen Fami­lie hat­te auch in der Sache Erfolg:

Die Ableh­nung der Durch­füh­rung eines wei­te­ren Asyl­ver­fah­rens durch das BAMF ist rechts­wid­rig, weil es sich hier nicht um Zweit­an­trä­ge im Sin­ne von § 71a Abs. 1 AsylG han­delt. Die Behand­lung als Zweit­an­trag setzt ein erfolg­los abge­schlos­se­nes Asyl­ver­fah­ren in einem siche­ren Dritt­staat vor­aus. Ein sol­ches liegt nicht vor, wenn das in die­sem Staat betrie­be­ne und ohne Sach­ent­schei­dung ein­ge­stell­te Asyl­ver­fah­ren nach des­sen Rechts­ord­nung in der Wei­se wie­der­auf­ge­nom­men wer­den kann, dass eine vol­le sach­li­che Prü­fung des Antrags statt­fin­det. So lag der Fall hier: Nach den Fest­stel­lun­gen des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs hat­te die Flücht­lings­fa­mi­lie in Ungarn nach der im maß­geb­li­chen Zeit­punkt gel­ten­den Rechts­la­ge die Mög­lich­keit, das dort ein­ge­lei­te­te Asyl­ver­fah­ren ohne inhalt­li­che Beschrän­kung ihres Vor­trags wie ein Erst­ver­fah­ren wei­ter­zu­be­trei­ben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 14. Dezem­ber 2016 – 1 C 4.16

  1. VG Mün­chen, Urteil vom 16.12.2015 – M 24 K 14.30795[]
  2. BayVGH, Urteil vom 03.12.2015 – 13a B 15.50069[]