Asyl­recht wegen geschlechts­spe­zi­fi­scher Ver­fol­gung in Afgha­ni­stan

Das Asyl­recht einer Afgha­nin darf wegen wei­ter­hin dro­hen­der geschlechts­spe­zi­fi­scher Ver­fol­gung nicht wider­ru­fen wer­den. Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart der Kla­ge einer afgha­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wegen des Wider­rufs ihrer Asyl­an­er­ken­nung statt­ge­ge­ben. Der Klä­ge­rin droht als „west­lich“ gepräg­te Frau immer noch geschlechts­spe­zi­fi­sche Ver­fol­gung durch die (die Mud­ja­hed­din ablö­sen­den) Tali­ban oder sons­ti­ge kon­ser­va­tiv – isla­mi­sche Kräf­te, wes­halb ihre Asyl­an­er­ken­nung nicht wider­ru­fen wer­den darf.

Asyl­recht wegen geschlechts­spe­zi­fi­scher Ver­fol­gung in Afgha­ni­stan

Die 37 Jah­re alte, in Kabul gebo­re­ne Klä­ge­rin reis­te 1992 nach Deutsch­land ein, war mit einem inzwi­schen ver­stor­be­nen afgha­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen ver­hei­ra­tet und hat von die­sem drei Kin­der. Seit 1993 ist sie aner­kann­te Asyl­be­rech­tig­te. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge wider­rief im Okto­ber 2008 ihre Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­te, weil die Mud­ja­hed­din ihre Macht in Afgha­ni­stan ver­lo­ren hät­ten und sei­tens der neu­en afgha­ni­schen Regie­rung eine Ver­fol­gung der Klä­ge­rin in asyl­erheb­li­cher Wei­se nicht zu erwar­ten sei. Mit ihrer hier­ge­gen erho­be­nen Kla­ge mach­te die Klä­ge­rin gel­tend, in Afgha­ni­stan habe sie wegen ihrer Tätig­keit beim Radio und TV Angst vor den Mud­ja­hed­din gehabt. Bei einer Rück­kehr hät­te sie Angst vor den Tali­ban. Im Prin­zip habe sich nichts geän­dert. Die Gesin­nung der Tali­ban sei radi­kal. Was die Frau­en betref­fe, sei ihre Ziel­set­zung gleich. Auch in Kabul könn­te sie als Frau allein nicht leben. Sie habe sich an den Lebens­stil einer west­li­chen Frau gewöhnt. Zudem habe sie drei Kin­der, die deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge sei­en.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart folg­te die­sen Argu­men­ten: Der Wider­ruf der Asyl­be­rech­ti­gung der Klä­ge­rin sei rechts­wid­rig, da bei ihr das Risi­ko einer gleich­ar­ti­gen Ver­fol­gung bei einer Rück­kehr nach Afgha­ni­stan bestehe. Zwar hät­ten die Mud­ja­hed­din ihre Macht in Afgha­ni­stan ver­lo­ren. Dafür hät­ten aber die Tali­ban ihre Macht­po­si­ti­on nach und nach – auch in Kabul – wie­der aus­ge­baut und auch sie bedroh­ten Frau­en mit „west­li­chem“ Lebens­stil. Zudem sei die Situa­ti­on afgha­ni­scher Frau­en schon vor dem Tali­ban-Régime durch sehr stren­ge Scha­ria-Aus­le­gun­gen und archa­isch – patri­ar­cha­li­sche Ehren­ko­di­zes geprägt gewe­sen. Auch jetzt noch lie­ge die Ver­wirk­li­chung der Frau­en­rech­te für den größ­ten Teil der afgha­ni­schen Frau­en in wei­ter Fer­ne. Daher bezeich­ne UNHCR u.a. Frau­en als beson­ders schutz­be­dürf­tig. Wenn die Klä­ge­rin also als „west­lich“ gepräg­te Frau – noch dazu ohne männ­li­che Beglei­tung – nach Afgha­ni­stan (auch Kabul) zurück­keh­ren wür­de, wären geschlechts­spe­zi­fi­sche Ver­fol­gun­gen durch Tali­ban oder sons­ti­ge kon­ser­va­tiv – isla­mi­sche Kräf­te kei­nes­falls aus­zu­schlie­ßen, son­dern sogar wahr­schein­lich, ohne dass der afgha­ni­sche Staat dage­gen ein­schrei­ten wür­de oder könn­te.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 15. Juni 2010 – A 6 K 3896/​08