Auf­ent­halts­be­schrän­ken­de Auf­la­gen in Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­sen für jü­di­sche Zu­wan­de­rer

Auf­ent­halts­be­schrän­ken­de Auf­la­gen in Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­sen für jü­di­sche Zu­wan­de­rer aus der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on gemäß § 23 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG sind nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts grund­sätz­lich ge­eig­net und er­for­der­lich zur an­ge­mes­se­nen Ver­tei­lung der öf­fent­li­chen Fi­nan­zie­rungs­las­ten für So­zi­al­leis­tun­gen. Sie kön­nen je­doch ins­be­son­de­re dann im Ein­zel­fall un­ver­hält­nis­mä­ßig sein, wenn die Adres­sa­ten das Ren­ten­al­ter er­reicht haben, fa­mi­liä­re Bin­dun­gen au­ßer­halb des be­schränk­ten Auf­ent­halts­be­reichs auf­wei­sen und sich schon län­ge­re Zeit im Bun­des­ge­biet auf­hal­ten.

Auf­ent­halts­be­schrän­ken­de Auf­la­gen in Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­sen für jü­di­sche Zu­wan­de­rer

Kla­gen gegen der­ar­ti­ge auf­ent­halts­be­schrän­ken­den Auf­la­gen sind als Anfech­tungs­kla­gen zuläs­sig: Die Klä­ger wen­den sich gegen die ihren Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­sen bei­gefüg­ten Neben­be­stim­mun­gen, durch die ihnen eine Wohn­sitz­nah­me nur im Land Sach­sen-Anhalt gestat­tet ist. Die­se wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­gen sind als selbst­stän­di­ge Ver­wal­tungs­ak­te anfecht­bar 1.

Da Wohn­sitz­auf­la­gen Dau­er­ver­wal­tungs­ak­te dar­stel­len, kommt es hin­sicht­lich des für die Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge maß­geb­li­chen Zeit­punkts nicht – wie bei Anfech­tungs­kla­gen üblich – auf den Zeit­punkt der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung, son­dern auf den Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung in der Tat­sa­chen­in­stanz an. Rechts­än­de­run­gen wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens sind aller­dings zu beach­ten, wenn das Beru­fungs­ge­richt – ent­schie­de es anstel­le des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts – sie zu berück­sich­ti­gen hät­te 2. Maß­geb­lich sind des­halb die Bestim­mun­gen des Auf­ent­halts­ge­set­zes in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 25.02.2008 3, zuletzt geän­dert durch Art. 1 des Geset­zes zur Umset­zung der Hoch­qua­li­fi­zier­ten-Richt­li­nie der Euro­päi­schen Uni­on vom 01.06.2012 4, das am 1.08.2012 in Kraft getre­ten ist. Hier­durch hat sich die Rechts­la­ge hin­sicht­lich der ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen aber nicht geän­dert.

Die ange­grif­fe­nen Wohn­sitz­auf­la­gen fin­den ihre Rechts­grund­la­ge in § 9 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. 23 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG. Danach kann eine Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nach § 23 Abs. 2 Auf­en­thG mit einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge ver­se­hen wer­den. Die Klä­ger wur­den in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 1 Abs. 1 des Geset­zes über Maß­nah­men für im Rah­men huma­ni­tä­rer Hilfs­ak­tio­nen auf­ge­nom­me­ne Flücht­lin­ge vom 22.07.1980 5 – Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz (Hum­HAG) – in Deutsch­land auf­ge­nom­men und erhiel­ten nach der Ein­rei­se unbe­fris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis­se. Die­se gel­ten nach der Über­gangs­re­ge­lung in § 101 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG seit dem 1.01.2005 als Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­se nach § 23 Abs. 2 Auf­en­thG fort. Ob eine Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nach § 23 Abs. 2 Auf­en­thG mit einer Auf­la­ge ver­bun­den wird, steht im Ermes­sen der zustän­di­gen Aus­län­der­be­hör­de. Die­se Ent­schei­dung ist nur dar­auf über­prüf­bar, ob die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrit­ten oder von dem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht wur­de (§ 114 Satz 1 VwGO).

Ein Ermes­sens­feh­ler ergibt sich nicht bereits dar­aus, dass Aus­gangs- und Wider­spruchs­be­hör­de sich zur Begrün­dung der Auf­la­gen vor allem auf den Erlass des Minis­te­ri­ums des Innern des Lan­des Sach­sen-Anhalt vom 13.01.2006 gestützt haben, der in Über­ein­stim­mung mit der inzwi­schen anzu­wen­den­den All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern zum Auf­ent­halts­ge­setz vom 26.10.2009 – AVwV-Auf­en­thG – eine bun­des­ein­heit­li­che Ver­fah­rens­wei­se bei wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­gen gewähr­leis­ten soll. Danach sind sowohl bei Inha­bern von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen nach Kapi­tel 2 Abschnitt 5 des Auf­ent­halts­ge­set­zes – vor­be­halt­lich der Son­der­re­ge­lung für Asyl­be­rech­tig­te und Flücht­lin­ge (vgl. Nr. 12.2.5.2.3 der AVwV-Auf­en­thG) – als auch bei Inha­bern von Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­sen nach § 23 Abs. 2 Auf­en­thG Wohn­sitz­auf­la­gen zu ertei­len und auf­recht­zu­er­hal­ten, soweit und solan­ge sie Leis­tun­gen nach dem SGB II oder XII oder dem Asyl­bLG bezie­hen (vgl. Nr. 12.2.5.2.2 der AVwV-Auf­en­thG); auch die Strei­chung oder Ände­rung einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge zur Ermög­li­chung eines den Zustän­dig­keits­be­reich der Aus­län­der­be­hör­de über­schrei­ten­den Wohn­ort­wech­sels unter­liegt beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen (vgl. Nr. 12.2.5.2.4 ff. der AVwV-Auf­en­thG).

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist es grund­sätz­lich nicht zu bean­stan­den, dass das behörd­li­che Ermes­sen – wie hier – durch bun­des­ein­heit­li­che Län­der­erlas­se und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten gelenkt wird. Die hier­durch bewirk­te – ver­wal­tungs­in­ter­ne – Ermes­sens­bin­dung geht aber nicht so weit, dass wesent­li­chen Beson­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les von der zustän­di­gen Aus­län­der­be­hör­de nicht mehr Rech­nung getra­gen wer­den könn­te und müss­te. Das Erfor­der­nis einer indi­vi­du­el­len Ermes­sens­ent­schei­dung gebie­tet es viel­mehr, die Belan­ge und Inter­es­sen des betrof­fe­nen Aus­län­ders von Amts wegen bei der Ent­schei­dung über die Ertei­lung einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge zu berück­sich­ti­gen 6.

Zu Recht ist das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, dass die Wohn­sitz­auf­la­gen nicht gegen die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on – GFK – ver­sto­ßen. Nach der Recht­spre­chung des Senats genü­gen Wohn­sitz­auf­la­gen gegen­über aner­kann­ten Flücht­lin­gen nicht den Anfor­de­run­gen an eine zuläs­si­ge Beschrän­kung der Frei­zü­gig­keit nach Art. 26 GFK, wenn sie zum Zwe­cke der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung der öffent­li­chen Sozi­al­hil­fel­as­ten ver­fügt wur­den und des­halb nicht mit Art. 23 GFK ver­ein­bar sind 7. Die­se Bestim­mun­gen der Kon­ven­ti­on fin­den auf die Klä­ger, die als jüdi­sche Zuwan­de­rer aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on im Bun­des­ge­biet Auf­nah­me gefun­den haben, weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar Anwen­dung.

Die Klä­ger sind weder als Asyl­be­rech­tig­te noch als Flücht­lin­ge aner­kannt. Zutref­fend ist das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, dass sie mit ihrer Auf­nah­me auch nicht kraft Geset­zes die Rechts­stel­lung eines Kon­tin­gent­flücht­lings nach § 1 Hum­HAG erwor­ben haben, der im Bun­des­ge­biet über § 1 Abs. 1 Hum­HAG die Rechts­stel­lung nach den Art. 2 bis 34 GFK genießt. Jüdi­sche Zuwan­de­rer aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on wur­den auf­grund des Beschlus­ses der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz 8 vom 09.01.1991 und der dar­auf auf­bau­en­den Auf­nah­me­pra­xis nicht als ver­folg­te oder durch ein Flücht­lings­schick­sal gekenn­zeich­ne­te Grup­pe, son­dern im Bewusst­sein der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus zur Erhal­tung der Lebens­fä­hig­keit jüdi­scher Gemein­den in Deutsch­land und zur Revi­ta­li­sie­rung des jüdi­schen Ele­ments im deut­schen Kul­tur- und Geis­tes­le­ben auf­ge­nom­men 9. Dahin­ste­hen kann, ob die Klä­ger mit der Auf­nah­me in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 1 Abs. 1 Hum­HAG die Rechts­stel­lung eines Kon­tin­gent­flücht­lings oder einen sons­ti­gen – den Schutz der Art. 23 und 26 GFK mit umfas­sen­den – "sta­tus sui gene­ris" erwor­ben haben. Denn die­se Rechts­stel­lung ist jeden­falls mit dem Inkraft­tre­ten des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes am 1.01.2005 erlo­schen. Aus den Über­gangs­re­ge­lun­gen des Auf­ent­halts­ge­set­zes ergibt sich, dass der Gesetz­ge­ber mit der Neu­re­ge­lung des § 23 Abs. 2 Auf­en­thG die zukünf­ti­ge Rechts­stel­lung auch der vor dem 1.01.2005 auf­ge­nom­me­nen jüdi­schen Zuwan­de­rer abschlie­ßend neu gere­gelt, von den sich aus der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on erge­ben­den Rechts­fol­gen abge­kop­pelt und rein auf­ent­halts­recht­lich aus­ge­stal­tet hat 10. Dem­zu­fol­ge kön­nen sich die Klä­ger jeden­falls seit dem Inkraft­tre­ten des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes nicht auf den Schutz der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on beru­fen.

Auch kön­nen die Klä­ger in Bezug auf die Anord­nung wohn­sitz­be­schrän­ken­der Auf­la­gen nicht aus Art. 3 Abs. 1 GG einen Anspruch auf Gleich­be­hand­lung mit Asyl­be­rech­tig­ten und aner­kann­ten Flücht­lin­gen her­lei­ten. Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG gebie­tet es, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln. Aus ihm erge­ben sich je nach Rege­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len unter­schied­li­che Gren­zen, die von gelo­cker­ten, auf das Will­kür­ver­bot beschränk­ten Bin­dun­gen bis hin zu stren­gen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­er­for­der­nis­sen rei­chen kön­nen. Dif­fe­ren­zie­run­gen bedür­fen stets der Recht­fer­ti­gung durch Sach­grün­de, die dem Dif­fe­ren­zie­rungs­ziel und dem Aus­maß der Ungleich­be­hand­lung ange­mes­sen sind. Art. 3 Abs. 1 GG gebie­tet nicht nur, dass die Ungleich­be­hand­lung an ein der Art nach sach­lich gerecht­fer­tig­tes Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um anknüpft, son­dern ver­langt auch für das Maß der Dif­fe­ren­zie­rung einen inne­ren Zusam­men­hang zwi­schen den vor­ge­fun­de­nen Ver­schie­den­hei­ten und der dif­fe­ren­zie­ren­den Rege­lung, der sich als sach­lich ver­tret­ba­rer Unter­schei­dungs­ge­sichts­punkt von hin­rei­chen­dem Gewicht erweist. Der Gleich­heits­satz ist ver­letzt, wenn eine Per­so­nen­grup­pe im Ver­gleich zu einer ande­ren Per­so­nen­grup­pe anders behan­delt wird, obwohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unter­schied­li­che Behand­lung recht­fer­ti­gen kön­nen. Dabei gilt ein am Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ori­en­tier­ter ver­fas­sungs­recht­li­cher Prü­fungs­maß­stab, des­sen Inhalt und Gren­zen sich nicht abs­trakt, son­dern nur nach den jeweils betrof­fe­nen unter­schied­li­chen Sach- und Rege­lungs­be­rei­chen bestim­men las­sen. Eine stren­ge­re Bin­dung ist ins­be­son­de­re anzu­neh­men, wenn die Dif­fe­ren­zie­rung an Per­sön­lich­keits­merk­ma­le anknüpft, wobei sich die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen umso mehr ver­schär­fen, je weni­ger die Merk­ma­le für den Ein­zel­nen ver­füg­bar sind oder je mehr sie sich denen des Art. 3 Abs. 3 GG annä­hern. Eine stren­ge­re Bin­dung kann sich auch aus den jeweils betrof­fe­nen Frei­heits­rech­ten erge­ben. Im Übri­gen hängt das Maß der Bin­dung unter ande­rem davon ab, inwie­weit die Betrof­fe­nen in der Lage sind, durch ihr Ver­hal­ten die Ver­wirk­li­chung der Kri­te­ri­en zu beein­flus­sen, nach denen unter­schie­den wird 11.

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze beruht die Ungleich­be­hand­lung der Klä­ger gegen­über Asyl­be­rech­tig­ten und aner­kann­ten Flücht­lin­gen auf hin­rei­chend gewich­ti­gen sach­li­chen Grün­den. Das Ver­bot frei­zü­gig­keits­be­schrän­ken­der Maß­nah­men allein zum Zwe­cke der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung der öffent­li­chen Sozi­al­hil­fel­as­ten ergibt sich bei Asyl­be­rech­tig­ten und aner­kann­ten Flücht­lin­gen aus der von der Bun­des­re­pu­blik ein­ge­gan­ge­nen völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tung, Per­so­nen, die sie sich aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung außer­halb ihres Her­kunfts­lands auf­hal­ten, die in der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ein­ge­räum­ten Rech­te zu gewäh­ren, solan­ge sie inter­na­tio­na­len Schut­zes bedür­fen. Alle ande­ren Inha­ber eines huma­ni­tä­ren Auf­ent­halts­ti­tels haben man­gels eines der­ar­ti­gen Ver­fol­gungs­schick­sals hin­sicht­lich der öffent­li­chen Für­sor­ge kei­nen völ­ker­recht­lich begrün­de­ten Anspruch auf Gleich­be­hand­lung mit Inlän­dern. Das gilt auch für die Per­so­nen­grup­pe der jüdi­schen Zuwan­de­rer aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on, die ihr Hei­mat­land nicht aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung, son­dern in einem gere­gel­ten Auf­nah­me­ver­fah­ren ver­las­sen haben. Zudem geht die Rechts­ord­nung davon aus, dass sich Asyl­be­rech­tig­te und aner­kann­te Flücht­lin­ge nur vor­über­ge­hend bis zum Weg­fall der Ver­fol­gungs­ge­fahr in Deutsch­land auf­hal­ten. Dem­ge­gen­über wird jüdi­schen Zuwan­de­rern aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on mit der Auf­nah­me in Deutsch­land ein dau­er­haf­tes, weder von einem Ver­fol­gungs­schick­sal noch von ande­ren Vor­aus­set­zun­gen abhän­gi­ges Auf­ent­halts­recht ein­ge­räumt. Die­se sach­li­chen Unter­schie­de recht­fer­ti­gen es, gera­de bei der Per­so­nen­grup­pe der jüdi­schen Zuwan­de­rer, die mit ihrer Auf­nah­me einen Anspruch auf dau­er­haf­ten Ver­bleib im Bun­des­ge­biet erwer­ben, einer Über­las­tung ein­zel­ner Bun­des­län­der und Kom­mu­nen durch ein Ver­tei­lungs­ver­fah­ren und ent­spre­chen­de Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen beim Bezug von Leis­tun­gen nach dem SGB II oder XII ent­ge­gen­zu­wir­ken. Zu Recht weist der Beklag­te dar­auf hin, dass die Per­so­nen­grup­pe der jüdi­schen Zuwan­de­rer eher mit der Grup­pe der Spät­aus­sied­ler zu ver­glei­chen ist, die aller­dings die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­zen und sich des­halb auf Art. 11 GG beru­fen kön­nen. Selbst bei die­ser Per­so­nen­grup­pe hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die frü­he­re Rege­lung in § 3a Wohn­ort­zu­wei­sungs­ge­setz – WoZuG -, nach der ein Spät­aus­sied­ler oder Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger, der abwei­chend von der Ver­tei­lung oder ent­ge­gen einer lan­des­in­ter­nen Zuwei­sung in einem ande­ren Bun­des­land oder an einem ande­ren als dem zuge­wie­se­nen Ort stän­di­gen Auf­ent­halt nahm, an die­sem Ort zumin­dest für eine gewis­se Dau­er kei­ne Leis­tun­gen nach dem Arbeits­för­de­rungs­ge­setz und in der Regel nur die nach den Umstän­den unab­weis­bar gebo­te­ne Hil­fe nach dem Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz erhielt, auch mit Blick auf die damit ver­bun­de­ne Schlech­ter­stel­lung gegen­über sozi­al­hil­fe­be­dürf­ti­gen Asyl­be­rech­tig­ten für ver­fas­sungs­ge­mäß erach­tet 12.

Bun­des­ein­heit­li­che Län­der­erlas­se und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ent­he­ben die für die Auf­la­gen­er­tei­lung zustän­di­ge Aus­län­der­be­hör­de nicht von der Prü­fung, ob eine Wohn­sitz­be­schrän­kung auch unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls ver­hält­nis­mä­ßig ist. Dies ist hier nicht der Fall.

Im Gegen­satz zu Deut­schen kön­nen sich die jüdi­schen Zuwan­de­rer als Aus­län­der zwar nicht auf das Grund­recht auf Frei­zü­gig­keit nach Art. 11 GG beru­fen, das nur unter bestimm­ten in Art. 11 Abs. 2 GG ein­zeln auf­ge­führ­ten Vor­aus­set­zun­gen gesetz­lich ein­ge­schränkt wer­den darf. Bei Aus­län­dern berüh­ren Wohn­sitz­auf­la­gen aber den Schutz­be­reich des Art. 2 Abs. 1 GG. Die­ses Grund­recht gewähr­leis­tet die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit in einem umfas­sen­den Sin­ne. Sie ist aller­dings nur in den Schran­ken des 2. Halb­sat­zes des Art. 2 Abs. 1 GG garan­tiert und steht damit ins­be­son­de­re unter dem Vor­be­halt der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung, zu der auch die in § 23 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Ermäch­ti­gung zum Erlass wohn­sitz­be­schrän­ken­der Auf­la­gen gehört. Die Anwen­dung die­ser Vor­schrift muss aber ihrer­seits unter Beach­tung der Grund­rech­te erfol­gen und darf ins­be­son­de­re nicht gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ver­sto­ßen. Eine auf § 23 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG gestütz­te Wohn­sitz­auf­la­ge muss daher einen legi­ti­men Zweck ver­fol­gen und zur Errei­chung die­ses Zwecks nicht nur geeig­net und erfor­der­lich, son­dern auch ver­hält­nis­mä­ßig im enge­ren Sin­ne sein.

Beschrän­kun­gen des Wohn­sit­zes auf ein Bun­des­land beim Bezug von Leis­tun­gen nach dem SGB II oder XII die­nen ins­be­son­de­re bei der Per­so­nen­grup­pe der von der Bun­des­re­pu­blik dau­er­haft auf­ge­nom­me­nen jüdi­schen Zuwan­de­rer einer ange­mes­se­nen Ver­tei­lung der durch ihre Auf­nah­me ver­ur­sach­ten Las­ten. Schon der Beschluss der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz vom 09.01.1991 sah vor, dass die Auf­nah­me die­ser Per­so­nen­grup­pe in einem für Bund und Län­der ins­ge­samt zumut­ba­ren Maß ermög­licht wer­den soll­te. Ent­spre­chend wer­den die Zuwan­de­rer seit­dem nach dem so genann­ten König­stei­ner Schlüs­sel auf die Bun­des­län­der ver­teilt und erhal­ten dort unab­hän­gig von der Siche­rung des Lebens­un­ter­halts unbe­fris­te­te Auf­ent­halts­ti­tel. Die­sen wer­den aller­dings beim Bezug von Leis­tun­gen nach dem SGB II oder XII wohn­sitz­be­schrän­ken­de Auf­la­gen bei­gefügt.

Der­ar­ti­ge Auf­la­gen stel­len zusam­men mit dem vor­ge­la­ger­ten Auf­nah­me- und Ver­tei­lungs­ver­fah­ren bei jüdi­schen Zuwan­de­rern grund­sätz­lich ein geeig­ne­tes Mit­tel dar, um mit­tels einer regio­na­len Bin­dung eine über­pro­por­tio­na­le fis­ka­li­sche Belas­tung ein­zel­ner Län­der beim Bezug sozia­ler Leis­tun­gen zu ver­hin­dern. Dabei kann grund­sätz­lich davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Auf­la­gen von den Betrof­fe­nen ein­ge­hal­ten wer­den. Dies schließt eine ille­ga­le Bin­nen­wan­de­rung nicht aus, stellt die grund­sätz­li­che Eig­nung der Auf­la­ge aber auch nicht in Fra­ge, zumal Ver­stö­ßen auf ande­re Wei­se begeg­net wer­den kann.

Die streit­ge­gen­ständ­li­chen Auf­la­gen sind zur Errei­chung einer ange­mes­se­nen Las­ten­ver­tei­lung zwi­schen den Bun­des­län­dern auch erfor­der­lich. Ein mil­de­res, die Klä­ger weni­ger belas­ten­des, hin­sicht­lich des ver­folg­ten Ziels aber gleich effek­ti­ves Mit­tel ist nicht ersicht­lich. Soweit das Beru­fungs­ge­richt auf die Mög­lich­keit ent­spre­chen­der Aus­gleichs­zah­lun­gen ver­weist, han­delt es sich nicht um ein glei­cher­ma­ßen geeig­ne­tes Mit­tel. Denn das den Wohn­sitz­auf­la­gen zugrun­de lie­gen­de Prin­zip der ange­mes­se­nen Las­ten­ver­tei­lung bezieht sich auch auf infra­struk­tu­rel­le und inte­gra­ti­ve Maß­nah­men, die einer vor­aus­schau­en­den Pla­nung bedür­fen und einem Erstat­tungs­ver­fah­ren kaum zugäng­lich sind. Außer­dem wäre ein Erstat­tungs­ver­fah­ren nicht nur mit einem erheb­li­chen Ver­wal­tungs­auf­wand, son­dern auch mit der Gefahr anschlie­ßen­der Ver­wal­tungs­streit­ver­fah­ren ver­bun­den 13.

Die Wohn­sitz­auf­la­gen sind unter den hier gege­be­nen Umstän­den aber nicht ver­hält­nis­mä­ßig im enge­ren Sin­ne. Den per­sön­li­chen Inter­es­sen des Aus­län­ders an einem unbe­schränk­ten Auf­ent­halts­recht kommt grund­sätz­lich umso höhe­res Gewicht zu, je län­ger die Beschrän­kung andau­ert. Dies gilt ins­be­son­de­re bei der Grup­pe der jüdi­schen Zuwan­de­rer aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on, die mit der Auf­nah­me im Bun­des­ge­biet ein unbe­fris­te­tes, von der eigen­stän­di­gen Siche­rung des Lebens­un­ter­halts unab­hän­gi­ges Auf­ent­halts­recht erlan­gen. Ob sich hier­aus in zeit­li­cher Hin­sicht eine abso­lu­te Gren­ze ergibt, jen­seits derer Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen schon allein auf­grund ihrer Dau­er unver­hält­nis­mä­ßig sind, bedarf vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung. Der Auf­ent­halt der Klä­ger ist – im maß­geb­li­chen Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Beru­fungs­ge­richt – bereits seit über 12 Jah­ren auf den Land­kreis W. bzw. auf das Land Sach­sen-Anhalt beschränkt. Inzwi­schen sind die Klä­ger alters­be­dingt nicht mehr in der Lage, ihren Lebens­un­ter­halt dau­er­haft aus eige­nen Kräf­ten zu sichern. Zudem bestehen, was im Hin­blick auf Art. 6 Abs. 1 GG bei der Ermes­sens­aus­übung zu Buche schlägt, fami­liä­re Anknüp­fungs­punk­te zu ihren Töch­tern, die außer­halb des Lan­des Sach­sen-Anhalt leben. Unter die­sen Umstän­den über­wiegt das per­sön­li­che Inter­es­se der Klä­ger, ihren Lebens­abend in der Nähe ihrer Kin­der zu ver­brin­gen, das mit den Wohn­sitz­auf­la­gen ver­folg­te öffent­li­che Inter­es­se an einer ange­mes­se­nen Las­ten­ver­tei­lung zwi­schen den Bun­des­län­dern. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die Klä­ger zugleich die Vor­aus­set­zun­gen erfül­len, unter denen der beklag­te Land­kreis in stän­di­ger Ver­wal­tungs­pra­xis in Anwen­dung der ein­schlä­gi­gen Erlas­se und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten von wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­gen trotz des Bezugs von Leis­tun­gen nach dem SGB II oder XII absieht.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 15. Janu­ar 2013 – 1 C 7.12

  1. BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 – 1 C 17.07, BVerw­GE 130, 148 Rn. 11 zu Wohn­sitz­auf­la­gen nach § 12 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG[]
  2. stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 01.11.2005 – 1 C 21.04, BVerw­GE 124, 276, 279 f.[]
  3. BGBl I S. 162[]
  4. BGBl I S. 1224[]
  5. BGBl I S. 1057[]
  6. BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 a.a.O. Rn. 15[]
  7. BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 a.a.O. Rn. 17 ff.[]
  8. Bespre­chung des Bun­des­kanz­lers mit den Regie­rungs­chefs der Län­der[]
  9. BVerwG, Urtei­le vom 22.03.2012 – 1 C 3.11, BVerw­GE 142, 179 Rn. 18 ff.; und vom 04.10.2012 – 1 C 12.11[]
  10. BVerwG, Urtei­le vom 22.03.2012 a.a.O. Rn. 27 ff.; und vom 04.10.2012 a.a.O Rn. 13[]
  11. stRspr des BVerfG, vgl. Beschluss vom 21.06.2011 – 1 BvR 2035/​07, BVerfGE 129, 49, 68 f. m.w.N.[]
  12. BVerfG, Urteil vom 17.03.2004 – 1 BvR 1266/​00, BVerfGE 110, 177, 198 f.[]
  13. vgl. BVerfG, Urteil vom 17.03.2004 a.a.O. S.195 zur frü­he­ren Rege­lung für Spät­aus­sied­ler in § 3a WoZuG[]