Auf­he­bung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft – und das abge­lei­te­te uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht

Die Auf­he­bung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft mit einem Uni­ons­bür­ger hin­dert nicht das Ent­ste­hen eines abge­lei­te­ten uni­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts.

Auf­he­bung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft – und das abge­lei­te­te uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht

Ein abge­lei­te­tes uni­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht kann bei einem dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Ehe­gat­ten eines in Deutsch­land leben­den frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Uni­ons­bür­gers auch nach Auf­he­bung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft ent­ste­hen. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hei­ra­te­te der Klä­ger, ein nige­ria­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, 2008 in Grie­chen­land eine bul­ga­ri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Die Ehe­leu­te reis­ten 2012 gemein­sam zum Zwe­cke der Erwerbs­tä­tig­keit in das Bun­des­ge­biet ein. 2014 trenn­ten sie sich, und die Ehe­frau des Klä­gers ver­zog allein nach Bul­ga­ri­en. Seit August 2015 lebt sie – vom Klä­ger wei­ter­hin getrennt – wie­der in Deutsch­land. 2016 wur­de die Ehe geschie­den. Nach dem Weg­zug der Ehe­frau stell­te die Aus­län­der­be­hör­de fest, dass der Klä­ger sein Frei­zü­gig­keits­recht nach dem Gesetz über die all­ge­mei­ne Frei­zü­gig­keit von Uni­ons­bür­gern (FreizügG/​EU) in Ver­bin­dung mit der Richt­li­nie 2004/​38/​EG (sog. Uni­ons­bür­ger-Richt­li­nie) ver­lo­ren hat.

Die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge hat­te in den Vor­instanzen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 2 kei­nen Erfolg. Das OVG Ber­lin-Bran­den­burg ist davon aus­ge­gan­gen, dass das Auf­ent­halts­recht des Klä­gers als Ehe­gat­te einer Uni­ons­bür­ge­rin mit deren Weg­zug erlo­schen und mit ihrer Wie­der­ein­rei­se man­gels Wie­der­auf­nah­me einer ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft nicht neu ent­stan­den ist. Auf die Revi­si­on des Klä­gers hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Ent­schei­dung des OVG Ber­lin-Bran­den­burg auf­ge­ho­ben:

Zwar ist in Anwen­dung der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) das mit dem gemein­sa­men Zuzug ent­stan­de­ne abge­lei­te­te Auf­ent­halts­recht des Klä­gers als dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger Ehe­gat­te einer frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Uni­ons­bür­ge­rin mit dem Weg­zug sei­ner Ehe­frau erlo­schen. Es ist aber mit ihrer erneu­ten Auf­ent­halts­nah­me im Bun­des­ge­biet neu ent­stan­den, wenn und soweit die Ehe­frau nach ihrer Rück­kehr (wei­ter­hin) frei­zü­gig­keits­be­rech­tigt war. Unter die­ser Vor­aus­set­zung geht es mit der Schei­dung der Ehe nach § 3 Abs. 5 Nr. 1 FreizügG/​EU in Ver­bin­dung mit Art. 13 Abs. 2 Buchst. a Richt­li­nie 2004/​38/​EG in ein eigen­stän­di­ges Auf­ent­halts­recht über.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Ehe­leu­te nach der Rück­kehr der Ehe­frau wei­ter­hin getrennt gelebt haben. Denn nach der Recht­spre­chung des EuGH muss der Ehe­gat­te eines Uni­ons­bür­gers nicht not­wen­di­ger­wei­se stän­dig bei dem Uni­ons­bür­ger woh­nen, um Inha­ber eines abge­lei­te­ten Auf­ent­halts­rechts zu sein. Für ein „Beglei­ten“ bzw. „Nach­zie­hen“ im Sin­ne des Uni­ons­rechts genügt es viel­mehr, dass sich bei­de Ehe­leu­te in dem Mit­glied­staat auf­hal­ten, in dem der Uni­ons­bür­ger von sei­nem Recht auf Frei­zü­gig­keit Gebrauch gemacht hat. Dies gilt bis zur Gren­ze des Rechts­miss­brauchs oder Betrugs (ein­schließ­lich des Ein­ge­hens einer Schein­ehe).

Damit unter­schei­det sich das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht des Ehe­gat­ten eines Uni­ons­bür­gers vom natio­na­len Nach­zugs­recht, nach dem Auf­ent­halts­er­laub­nis­se aus fami­liä­ren Grün­den (nur) zur Her­stel­lung und Wah­rung der fami­liä­ren Lebens­ge­mein­schaft erteilt wer­den. Auch bedarf es für das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht bei getrennt leben­den Ehe­leu­ten nicht einer im Sin­ne des Ehe- und Fami­li­en­schut­zes über das for­ma­le Band der Ehe hin­aus­ge­hen­den schutz­wür­di­gen Bezie­hung.

Da das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen hat, ob die Ehe­frau des Klä­gers bei Schei­dung der Ehe frei­zü­gig­keits­be­rech­tigt war, konn­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht abschlie­ßend ent­schei­den und war der Rechts­streit zur wei­te­ren Auf­klä­rung an das OVG Ber­lin-Bran­den­burg zurück­zu­ver­wei­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 28. März 2019 – Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt – 1 C 9.18

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 04.02.2016 – 24 K 45.15[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 13.09.2017 – 3 B 5.16[]