Auf­nah­me­ersu­chen im Dub­lin-Ver­fah­ren – und der Rechts­schutz für den Asyl­be­wer­ber

Die Anfech­tungs­kla­ge ist die allein statt­haf­te Kla­ge­art, wenn ein Asyl­be­wer­ber die Auf­he­bung einer Ent­schei­dung über die Unzu­stän­dig­keit Deutsch­lands für die Prü­fung sei­nes Asyl­an­trags nach den uni­ons­recht­li­chen Rege­lun­gen der Dub­lin II-Ver­ord­nung 1 begehrt.

Auf­nah­me­ersu­chen im Dub­lin-Ver­fah­ren – und der Rechts­schutz für den Asyl­be­wer­ber

Der Erhe­bung einer auf die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft gerich­te­ten Ver­pflich­tungs­kla­ge nach § 42 Abs. 1 Alt. 2 VwGO steht ent­ge­gen, dass die Dub­lin II-Ver­ord­nung – Dub­lin II-VO – ein von der mate­ri­el­len Prü­fung eines Asyl­an­trags geson­der­tes behörd­li­ches Ver­fah­ren für die Bestim­mung des hier­für zustän­di­gen Staats vor­sieht (Art. 2 Buchst. e). Die Tren­nung der Ver­fah­ren zur Zustän­dig­keits­be­stim­mung und zur mate­ri­el­len Prü­fung des Asyl­be­geh­rens darf nicht dadurch umgan­gen wer­den, dass das Ver­wal­tungs­ge­richt im Fall der Auf­he­bung der Zustän­dig­keits­ent­schei­dung sogleich über die Begründ­etheit des Asyl­an­trags ent­schei­det 2. Viel­mehr for­dert das Dub­lin-Rege­lungs­werk, dass im Fall einer vom Gericht für feh­ler­haft erach­te­ten Ver­pflich­tung eines ande­ren Staats die für das Dub­lin-Ver­fah­ren zustän­di­ge Behör­de – hier das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bun­des­amt) – die Mög­lich­keit erhält, einen ande­ren Mit­glied- oder Ver­trags­staat, der nach­ran­gig zustän­dig ist, um die Auf­nah­me oder Wie­der­auf­nah­me des Asyl­an­trag­stel­lers zu ersu­chen 3. Die Stel­lung eines sol­chen Ersu­chens, das den Lauf von zustän­dig­keits­be­grün­den­den Fris­ten aus­löst, ist eine dem Bun­des­amt zuge­wie­se­ne Auf­ga­be, die das Gericht im Fall des Durch­ent­schei­dens nicht erfül­len könn­te 4.

Das Bun­des­amt hat in dem ange­foch­te­nen Bescheid auch eine rechts­ge­stal­ten­de Rege­lung über die Zuläs­sig­keit der Asyl­an­trä­ge nach § 27a AsylG getrof­fen, deren Auf­he­bung mit der Anfech­tungs­kla­ge begehrt wer­den kann. Unge­ach­tet der gewähl­ten For­mu­lie­rung des Bun­des­amts ("Die Asyl­an­trä­ge sind unzu­läs­sig") liegt nicht ledig­lich eine Fest­stel­lung vor, son­dern eine rechts­ge­stal­ten­de Ent­schei­dung über die Ableh­nung des Asyl­an­trags als unzu­läs­sig, wie das § 31 Abs. 6 AsylG ver­langt 5. Auch für die Auf­he­bung der in Zif­fer 2 des Bescheids getrof­fe­nen Abschie­bungs­an­ord­nung nach § 34a AsylG ist die Anfech­tungs­kla­ge die statt­haf­te Kla­ge­art.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Okto­ber 2015 – 1 C 32.2014 -

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 343/​2003 des Rates vom 18.02.2003 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Asyl­an­trags zustän­dig ist – ABl. L 50 S. 1[]
  2. so auch VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16.04.2014 – A 11 S 1721/​13InfAuslR 2014, 293 18[]
  3. vgl. EuGH, Urtei­le vom 21.12 2011 – C‑411/​10 u.a. [ECLI:EU:C:2011:865], N.S. u.a., Rn. 96; und vom 14.11.2013 – C‑4/​11 [ECLI:EU:C:2013:740], Puid, Rn. 33[]
  4. zur Not­wen­dig­keit der Siche­rung der dem Bun­des­amt zuge­wie­se­nen Steue­rungs­funk­ti­on im Fall der gericht­li­chen Über­prü­fung einer Ein­stel­lungs­ent­schei­dung nach §§ 32, 33 AsylG vgl. schon BVerwG, Urteil vom 07.03.1995 – 9 C 264.94, Buch­holz 402.25 § 33 AsylVfG Nr. 12[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.09.2015 – 1 C 26.14[]