Aus­fuhr­ver­bot für Ori­gi­nal­hand­schrif­ten von Bach und Men­dels­sohn-Bar­thol­dy

Für die Leip­zi­ger Musik­bi­blio­thek Peters, die u.a. wert­vol­le Ori­gi­nal­hand­schrif­ten von Johann Sebas­ti­an Bach und Felix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy ent­hält, durf­te der Frei­staat Sach­sen ein Ver­fah­ren zur Ein­tra­gung in das Ver­zeich­nis natio­nal wert­vol­ler Kul­tur­gü­ter nach dem Kul­tur­gut­schutz­ge­setz mit der Fol­ge eines abso­lu­ten Aus­fuhr­ver­bots ein­lei­ten, wie das Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den jetzt ent­schie­den hat.

Aus­fuhr­ver­bot für Ori­gi­nal­hand­schrif­ten von Bach und Men­dels­sohn-Bar­thol­dy

Zur qua­li­ta­tiv und quan­ti­ta­tiv bedeut­sa­men Musik­bi­blio­thek Peters mit ca. 24.000 Ein­zel­stü­cken gehö­ren u. a. wert­vol­le Ori­gi­nal­hand­schrif­ten bedeu­ten­der Musi­ker wie Johann Sebas­ti­an Bach und Felix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy, die in Pres­se­mel­dun­gen als »das Tafel­sil­ber der Musik­stadt Leip­zig« bezeich­net wur­den. Die Samm­lung gehör­te seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts jüdi­schen Eigen­tü­mern, die auf­grund ihrer Ver­diens­te um die Musik­bi­blio­thek mit der Ehren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Leip­zig aus­ge­zeich­net wur­den. Die Musik­bi­blio­thek wur­de 1938/​39 von den Natio­nal­so­zia­lis­ten ent­eig­net und befand sich seit­dem im Besitz der Stadt Leip­zig. Zahl­rei­che Fami­li­en­mit­glie­der der Eigen­tü­mer­fa­mi­lie wur­den in der Fol­ge­zeit ermor­det. 1993 wur­de das Eigen­tum an der Musik­bi­blio­thek durch das Säch­si­sche Lan­des­amt zur Rege­lung offe­ner Ver­mö­gens­fra­gen an die Erben der jüdi­schen Ent­eig­nungs­op­fer zurück­über­tra­gen. Die­se schlos­sen zunächst unent­gelt­li­che Leih- und Ver­wah­rungs­ver­trä­ge mit der Stadt­bi­blio­thek Leip­zig und dem Bach-Archiv Leip­zig ab. Nach Teil­kün­di­gung der Ver­trä­ge wur­den wert­vol­le Stü­cke zur deut­schen Abtei­lung eines inter­na­tio­na­len Auk­ti­ons­hau­ses in Ber­lin ver­bracht. In die­sem Zusam­men­hang lei­te­te das Säch­si­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft und Kunst das Ver­fah­ren nach dem Kul­tur­gut­schutz­ge­setz ein.

Hier­ge­gen klag­ten die jüdi­schen Eigen­tü­mer. Da bereits die Ein­lei­tung des Ein­tra­gungs­ver­fah­rens nach dem Kul­tur­gut­schutz­ge­setz zu einem abso­lu­ten Aus­fuhr­ver­bot bis zur rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung über die Ein­tra­gung führt, sahen sich die in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, in Groß­bri­tan­ni­en und in Kana­da leben­den Klä­ger an der Inbe­sitz­nah­me ihres Eigen­tums und an einer Ver­äu­ße­rung zu Welt­markt­prei­sen gehin­dert.

Dem­ge­gen­über ver­tra­ten die Rich­ter des Ver­wal­tungs­ge­richts Dres­den nun­mehr die Auf­fas­sung, dass die Ein­lei­tung des Ver­fah­rens zur Ein­tra­gung der Musik­bi­blio­thek Peters in das Ver­zeich­nis natio­nal wert­vol­ler Kul­tur­gü­ter nach dem Gesetz zum Schutz deut­schen Kul­tur­gu­tes gegen Abwan­de­rung – Kul­tur­gut­schutz­ge­setz – recht­lich nicht zu bean­stan­den sei. Die Anwend­bar­keit des Kul­tur­gut­schutz­ge­set­zes wer­de durch die erfolg­te Eigen­tums­rück­über­tra­gung an jüdi­sche Alt­ei­gen­tü­mer nach dem Ver­mö­gens­ge­setz nicht aus­ge­schlos­sen. Ein sol­cher Aus­schluss erge­be sich weder aus inter­na­tio­na­len Ver­ein­ba­run­gen noch aus völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen im Zusam­men­hang mit der Her­stel­lung der Ein­heit Deutsch­lands. Das rück­über­tra­ge­ne Eigen­tum an Kul­tur­gü­tern unter­lie­ge nach dem Grund­ge­setz wie jedes ande­re Eigen­tum einer Sozi­al­bin­dung, die durch das Kul­tur­gut­schutz­ge­setz kon­kre­ti­siert wer­de. Eine Ver­fü­gung inner­halb der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land blei­be den Eigen­tü­mern wäh­rend des Ein­tra­gungs­ver­fah­rens und nach einer Ein­tra­gung in das Ver­zeich­nis natio­nal wert­vol­ler Kul­tur­gü­ter mög­lich. Die Ver­fah­rens­ein­lei­tung sei schließ­lich nicht rechts­miss­bräuch­lich, da sie offen­sicht­lich dem Schutz wert­vol­ler Kul­tur­gü­ter gegen Abwan­de­rung die­ne. Die Stadt Leip­zig wer­de aller­dings im Hin­blick auf den Stand­ort der Musik­samm­lung durch das Kul­tur­gut­schutz­ge­setz nicht geschützt. Sie sei viel­mehr dar­auf ange­wie­sen, die Musik­samm­lung etwa mit Unter­stüt­zung von Bund, Län­dern und Spon­so­ren im Rah­men lau­fen­der Eini­gungs­be­mü­hun­gen mit den Eigen­tü­mern zu erwer­ben.

Die Ent­schei­dung ist nicht rechts­kräf­tig, gegen das Urteil wur­de Beru­fung zum Säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ein­ge­legt.

Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den, Urteil vom 5. Novem­ber 2008 – 5 K 1837/​05