Aus­län­der­recht­li­che Wohn­sitz­auf­la­gen

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on soll die Zuläs­sig­keit aus­län­der­recht­li­cher Wohn­sitz­auf­la­gen klä­ren. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt in drei Ver­fah­ren, in denen es um die Recht­mä­ßig­keit von Wohn­sitz­auf­la­gen gegen­über Aus­län­dern mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus geht, Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Uni­ons­ge­richts­hof in Luxem­burg zur Aus­le­gung der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 2011/​95/​EU vom 13.12 2011 gerich­tet.

Aus­län­der­recht­li­che Wohn­sitz­auf­la­gen

Es wird gemäß Art. 267 AEUV eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu fol­gen­den Fra­gen ein­ge­holt:

  1. Stellt die Auf­la­ge, den Wohn­sitz in einem räum­lich begrenz­ten Bereich (Gemein­de, Land­kreis, Regi­on) des Mit­glied­staats zu neh­men, eine Ein­schrän­kung der Bewe­gungs­frei­heit im Sin­ne von Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU dar, wenn der Aus­län­der sich ansons­ten im Staats­ge­biet des Mit­glied­staats frei bewe­gen und auf­hal­ten kann?
  2. Ist eine Wohn­sitz­auf­la­ge gegen­über Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus mit Art. 33 und/​oder Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar, wenn sie dar­auf gestützt wird, eine ange­mes­se­ne Ver­tei­lung öffent­li­cher Sozi­al­hil­fel­as­ten auf deren jewei­li­ge Trä­ger inner­halb des Staats­ge­biets zu errei­chen?
  3. Ist eine Wohn­sitz­auf­la­ge gegen­über Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus mit Art. 33 und/​oder Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar, wenn sie auf migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­sche Grün­de gestützt wird, etwa um sozia­le Brenn­punk­te durch die gehäuf­te Ansied­lung von Aus­län­dern in bestimm­ten Gemein­den oder Land­krei­sen zu ver­hin­dern? Rei­chen inso­weit abs­trak­te migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­sche Grün­de aus oder müs­sen sol­che Grün­de kon­kret fest­ge­stellt wer­den?

Die Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie der Euro­päi­schen Uni­on dient unter ande­rem dazu, ein­heit­li­che Rege­lun­gen über den Schutz zu tref­fen, den aner­kann­te Flücht­lin­ge und Per­so­nen mit Anrecht auf sub­si­diä­ren Schutz inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on genie­ßen. Der deut­sche Gesetz­ge­ber hat die Richt­li­nie mit Wir­kung zum 1.12 2013 umge­setzt.

Die Klä­ger der Aus­gangs­ver­fah­ren stam­men aus Syri­en und sind in den Jah­ren 1998 und 2001 nach Deutsch­land ein­ge­reist. Ihnen wur­de zwar nicht die Flücht­lings­ei­gen­schaft, wohl aber der Sta­tus von Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz zuer­kannt. Wegen des Bezu­ges von Sozi­al­leis­tun­gen nach dem SGB II wur­de ihre Auf­ent­halts­er­laub­nis mit der Auf­la­ge ver­bun­den, ihren Wohn­sitz in einer bestimm­ten Stadt bzw. in einem bestimm­ten Land­kreis zu neh­men. Die Aus­län­der­be­hör­den haben die ver­füg­ten Wohn­sitz­auf­la­gen auf die All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern gestützt, wonach mit Hil­fe einer regio­na­len Bin­dung u.a. eine über­mä­ßi­ge finan­zi­el­le Belas­tung ein­zel­ner Län­der und Kom­mu­nen ver­hin­dert wer­den soll.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter hält der­ar­ti­ge Wohn­sitz­auf­la­gen für unver­ein­bar mit Uni­ons­recht 1. Ihnen stün­den die Rege­lun­gen der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie ent­ge­gen, die sich auf die Bewe­gungs­frei­heit im Staats­ge­biet (Art. 33) und auf die Gewäh­rung von Sozi­al­hil­fe bezie­hen (Art. 29). Für Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus gel­te inso­weit nichts ande­res als für aner­kann­te Flücht­lin­ge, bei denen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on der­ar­ti­ge Auf­la­gen ver­bie­te. Dem­ge­gen­über hält das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Wohn­sitz­auf­la­gen für ver­ein­bar mit Uni­ons­recht. Die maß­geb­li­chen Rege­lun­gen in der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie wichen inhalt­lich von der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ab und blie­ben im Schutz­ni­veau dahin­ter zurück. Daher dürf­ten Wohn­sitz­auf­la­gen gegen­über sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten ver­fügt wer­den.

Die Ver­ein­bar­keit von Wohn­sitz­auf­la­gen für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te mit der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 2011/​95/​EU wirft euro­pa­recht­li­che Zwei­fels­fra­gen auf. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat daher eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on beschlos­sen. Bis zur Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Revi­si­ons­ver­fah­ren aus­ge­setzt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 19. August 2014 – 1 C 1.2014 – ; 1 C 3.2014 – und 1 C 7.2014 -

  1. OVG NRW, Urteil vom 21.11.2013 – 18 A 1291/​13[]