Aus­län­di­sche Rechts­nor­men – und der Über­zeu­gungs­grund­satz

Gemäß § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO ent­schei­det das Gericht nach sei­ner frei­en, aus dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens gewon­ne­nen Über­zeu­gung.

Aus­län­di­sche Rechts­nor­men – und der Über­zeu­gungs­grund­satz

Die Sach­ver­halts- und Beweis­wür­di­gung einer Tat­sa­chen­in­stanz ist der Beur­tei­lung des Revi­si­ons­ge­richts nur inso­weit unter­stellt, als es um Ver­fah­rens­feh­ler im Sin­ne des § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO geht. Rüge­fä­hig ist damit nicht das Ergeb­nis der Beweis­wür­di­gung, son­dern nur ein Ver­fah­rens­vor­gang auf dem Weg dort­hin.

Der­ar­ti­ge Män­gel lie­gen ins­be­son­de­re vor, wenn das ange­grif­fe­ne Urteil von einem unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halt aus­geht. Das Gericht darf nicht in der Wei­se ver­fah­ren, dass es ein­zel­ne erheb­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen oder Beweis­ergeb­nis­se nicht in die recht­li­che Wür­di­gung ein­be­zieht, ins­be­son­de­re Umstän­de über­geht, deren Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit sich ihm hät­te auf­drän­gen müs­sen. In sol­chen Fäl­len fehlt es an einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die inne­re Über­zeu­gungs­bil­dung des Gerichts, auch wenn die dar­auf basie­ren­de recht­li­che Wür­di­gung als sol­che nicht zu bean­stan­den ist 1.

Zu der Ent­schei­dungs­grund­la­ge gehört auch die Klä­rung, wel­che aus­län­di­schen Rechts­nor­men für die Ent­schei­dungs­fin­dung maß­ge­bend und wie sie aus­zu­le­gen sind. Fest­stel­lun­gen zum Inhalt aus­län­di­schen Rechts sind einer­seits grund­sätz­lich irre­vi­si­bel, kön­nen aber ande­rer­seits Gegen­stand von Ver­fah­rens­rügen sein 2. § 173 VwGO i.V.m. § 293 ZPO begrün­det die Pflicht des Tat­sa­chen­ge­richts, aus­län­di­sches Recht unter Aus­nut­zung aller ihm zugäng­li­chen Erkennt­nis­quel­len von Amts wegen zu ermit­teln. Dabei hat es nicht nur die aus­län­di­schen Rechts­nor­men, son­dern auch ihre Umset­zung in der Rechts­pra­xis zu betrach­ten. Eine Beweis­erhe­bung zur Bestim­mung des aus­län­di­schen Rechts und der maß­geb­li­chen Rechts­pra­xis ist erfor­der­lich, wenn das aus­län­di­sche Recht dem Gericht unbe­kannt ist (vgl. § 293 Satz 1 ZPO), etwa weil es auf­grund sprach­li­cher Bar­rie­ren kei­nen unmit­tel­ba­ren Zugang dazu hat 3. Selbst wenn die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Fest­stel­lun­gen des Tat­sa­chen­ge­richts zum aus­län­di­schen Recht nicht in Fra­ge stel­len, kann das Gericht zu wei­te­ren Ermitt­lun­gen ver­pflich­tet sein. Dies gilt nicht nur bei der Fest­stel­lung offen­kun­di­ger Tat­sa­chen, son­dern auch dann, wenn zwar nicht eine rele­van­te Tat­sa­che selbst, son­dern die Erfor­der­lich­keit einer wei­te­ren Auf­klä­rung zur Ver­bes­se­rung einer unzu­rei­chen­den Ent­schei­dungs­grund­la­ge offen­kun­dig ist 4.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 5. März 2018 – 1 B 155.17

  1. stRspr, vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 22.12 2014 – 2 B 55.14, Buch­holz 237.6 § 25 NdsL­BG Nr. 1 Rn. 6; vom 22.03.2016 – 6 B 42.15, Buch­holz 402.41 All­ge­mei­nes Poli­zei­recht Nr. 109 Rn. 17 ff.; und vom 28.03.2017 – 2 B 9.16 16 f. m.w.N.[]
  2. BVerwG, Urtei­le vom 18.07.1974 – 3 C 4.73, BVerw­GE 45, 357, 365; und vom 08.05.1984 – 9 C 208.83, Buch­holz 310 § 108 VwGO Nr. 148 S. 42[]
  3. BVerwG, Urteil vom 19.07.2012 – 10 C 2.12, BVerw­GE 143, 369 Rn. 14[]
  4. BVerwG, Urteil vom 19.07.2012 – 10 C 2.12, BVerw­GE 143, 369 Rn. 15[]