Aus­lie­fe­rung auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls – und die Auf­klä­rungs­pflicht des Gerichts

Ein Ober­lan­des­ge­richt, das zur Begrün­dung sei­ner Aus­lie­fe­rungs­ent­schei­dung (hier: nach Ungarn) nur auf Ent­schei­dun­gen ande­rer Gerich­te ver­weist, ist mög­li­cher­wei­se in einer ver­fas­sungs­recht­lich zu bean­stan­den­den Art und Wei­se sei­ner Auf­klä­rungs­pflicht im aus­lie­fe­rungs­recht­li­chen Zuläs­sig­keits­ver­fah­ren nicht nach­ge­kom­men.

Aus­lie­fe­rung auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls – und die Auf­klä­rungs­pflicht des Gerichts

Der blo­ße Ver­weis auf die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Köln 1 ersetzt ersicht­lich nicht die Auf­klä­rung der kon­kre­ten Umstän­de im vor­lie­gen­den Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren. Es han­del­te sich hier­bei ohne­dies ledig­lich um eine Aus­lie­fe­rungs­haft­ent­schei­dung, in der das Ober­lan­des­ge­richt Köln zudem aus­drück­lich aus­führ­te, die Aus­lie­fe­rung sei nicht von vorn­her­ein unzu­läs­sig, weil die Anfra­ge an Ungarn, in wel­che kon­kre­te Haft­an­stalt der Betrof­fe­ne im Fal­le sei­ner Über­stel­lung ver­bracht wer­de und wel­che Haft­be­din­gun­gen ihn dort erwar­te­ten, noch unbe­ant­wor­tet sei. Die Beant­wor­tung die­ser Anfra­ge sah das Ober­lan­des­ge­richt Köln in nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se als Vor­aus­set­zung der Prü­fung an, ob die Ein­wen­dun­gen des Betrof­fe­nen, er befürch­te men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen in Ungarn, der Zuläs­sig­keit sei­ner Aus­lie­fe­rung ent­ge­gen­stün­den.

Auch die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 14.11.2017 in der Sache Dom­ján v. Ungarn 2 dürf­te kei­ne aus­sa­ge­kräf­ti­ge Erkennt­nis­quel­le für die Annah­me dar­stel­len, dass dem Beschwer­de­füh­rer kei­ne im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren zu bean­stan­den­den Haft­be­din­gun­gen im Ziel­staat dro­hen. Denn der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schied in die­ser Sache ledig­lich – unter Bekräf­ti­gung der all­ge­mei­nen Zuläs­sig­keits­an­for­de­run­gen, dass ein Gefan­ge­ner, der in Ungarn men­schen­rechts­wid­ri­gen Haft­be­din­gun­gen aus­ge­setzt war, gemäß Art. 35 Abs. 1 EMRK den natio­na­len Rechts­weg aus­schöp­fen müs­se, um eine Ent­schä­di­gung hier­für zu erlan­gen, bevor er sich mit einem sol­chen Begeh­ren an den Gerichts­hof wen­den kön­ne 3. Eine Ände­rung der Recht­spre­chung des EGMR dahin­ge­hend, dass sys­te­mi­sche Män­gel im unga­ri­schen Straf­voll­zug nicht mehr bestün­den und unmensch­li­che Haft­be­din­gun­gen nicht mehr droh­ten, ist nicht erkenn­bar.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 21. März 2018 – 2 BvR 237/​18

  1. OLG Köln, Beschluss vom 22.11.2017 – 6 Aus­lA 125/​17 – 102[]
  2. EGMR, Dom­ján v. Ungarn, Ent­schei­dung vom 14.11.2017, Nr. 5433/​17[]
  3. EGMR, Dom­ján v. Ungarn, Ent­schei­dung vom 14.11.2017, Nr. 5433/​17, Rn. 35 ff.[]