Aus­wei­sung – und die Berück­sich­ti­gung des Kin­des­wohls

Bei der im Rah­men der Ermes­sens­ent­schei­dung zu prü­fen­den Ver­hält­nis­mä­ßig­keit einer Aus­wei­sung bedarf es einer ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Wür­di­gung und Abwä­gung des für die Aus­wei­sung spre­chen­den öffent­li­chen Belan­ge und der gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen des Aus­län­ders unter Beach­tung der ins­be­son­de­re vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu Art. 8 EMRK ent­wi­ckel­ten Kri­te­ri­en 1.

Aus­wei­sung – und die Berück­sich­ti­gung des Kin­des­wohls

Zwar genießt das Fami­li­en­le­ben auch nach der Grund­rech­te-Char­ta beson­de­ren Schutz. In Art. 7 GR-Char­ta, der Rech­te ent­hält, die den in Art. 8 Abs. 1 EMRK garan­tier­ten Rech­ten ent­spre­chen, wird das Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens aner­kannt. Die­se Vor­schrift ist zudem in Ver­bin­dung mit der Ver­pflich­tung zur Berück­sich­ti­gung des Kin­des­wohls nach Art. 24 Abs. 2 GR-Char­ta und unter Beach­tung des in deren Art. 24 Abs. 3 nie­der­ge­leg­ten Erfor­der­nis­ses zu lesen, dass das Kind regel­mä­ßig per­sön­li­che Bezie­hun­gen zu bei­den Eltern unter­hält 2. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on 3 hat in die­sem Zusam­men­hang aus­ge­führt, dass ein ange­mes­se­ner Aus­gleich zwi­schen den ein­an­der gegen­über­ste­hen­den Inter­es­sen des Ein­zel­nen und der Gesell­schaft her­bei­zu­füh­ren ist, aber sich hier­aus ein das Ermes­sen auf Null redu­zie­ren­der, grund­sätz­li­cher Vor­rang des Kin­des­wohls nicht ergibt.

Inhalt­lich ent­spricht das Recht nach Art. 7 und 24 GR-Char­ta den in Art. 8 Abs. 1 EMRK gewähr­leis­te­ten Rech­ten in ihrer Aus­le­gung durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) 4. Art. 7 und 24 GR-Char­ta ist somit die glei­che Bedeu­tung und Trag­wei­te bei­zu­mes­sen wie Art. 8 Abs. 1 EMRK.

und 24 GR-Char­ta ist daher kein unbe­ding­ter Vor­rang des Kin­des­wohls vor ent­ge­gen­ste­hen­den öffent­li­chen Inter­es­sen zu ent­neh­men.

Die EMRK garan­tiert einem Aus­län­der nicht gene­rell das Recht, in einen bestimm­ten Dritt­staat ein­zu­rei­sen, sich dort auf­zu­hal­ten oder – vor­be­halt­lich des in Art. 4 des 4. Zusatz­pro­to­kolls zur EMRK ver­bürg­ten Schut­zes vor Kol­lek­tiv­aus­wei­sun­gen – nicht aus­ge­wie­sen zu wer­den, sodass die Ver­trags­staa­ten grund­sätz­lich das Recht haben, die Ein­rei­se, den Auf­ent­halt und die Aus­wei­sung von Aus­län­dern zu regeln 5.

Ins­be­son­de­re ver­leiht Art. 8 EMRK Aus­län­dern, die als Erwach­se­ne bzw. in frü­her Kind­heit in das Gast­land ein­ge­reist oder sogar dort gebo­ren sind, kein abso­lu­tes Recht, nicht aus dem Hoheits­ge­biet aus­ge­wie­sen zu wer­den. Die Aus­wei­sung eines Aus­län­ders nach einer straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung stellt auch kei­ne Dop­pel­be­stra­fung dar, weder im Sin­ne des Art. 4 des Zusatz­pro­to­kolls Nr. 7 zur EMRK noch im all­ge­mei­ne­ren Sin­ne 6.

Die Ver­trags­staa­ten haben viel­mehr das Recht, gegen­über Per­so­nen, die wegen Straf­ta­ten ver­ur­teilt wor­den sind, Maß­nah­men zum Schutz der Gesell­schaft zu tref­fen, vor­aus­ge­setzt, die­se Maß­nah­men sind, sofern sie die nach Art. 8 Abs. 1 EMRK zuge­si­cher­ten Rech­te beein­träch­ti­gen, auf jeden Fall in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft not­wen­dig und in Bezug auf das ver­folg­te Ziel ver­hält­nis­mä­ßig. Sol­che Ver­wal­tungs­maß­nah­men sind prä­ven­ti­ver Natur und nicht als Bestra­fung zu wer­ten 7.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 21. Juli 2015 – 1 B 262015 -

  1. BVerwG, Urteil vom 22.10.2009 – 1 C 26.08, BVerw­GE 135, 137 Rn. 28 m.w.N.[]
  2. EuGH, Urtei­le vom 27.06.2006 – C‑540/​03 [ECLI:EU:C:2006:429], Rn. 58; und vom 06.12 2012 – C‑356/​11 [ECLI:EU:C:20:12:776] u.a., Rn. 76[]
  3. BVerwG, Urteil vom 27.06.2006 – C‑540/​03, Rn. 59[]
  4. EuGH, Urteil vom 15.11.2011 – C‑256/​11 [ECLI:EU:2011:734], Dere­ci u.a., Rn. 70; BVerwG, Urteil vom 13.06.2013 – 10 C 16.12, Buch­holz 402.242 § 5 Auf­en­thG Nr. 14 Rn. 23[]
  5. EGMR, Urteil vom 06.02.2001 – Nr. 44599/​98 [ECLI:CE:ECHR:2001:0206JUD004459998], Ben­said[]
  6. EGMR, Urtei­le vom 28.06.2007 – Nr. 31753/​02 [ECLI:CE:ECHR:2007:0628JUD003175302], Kaya, Rn. 52; und vom 18.10.2006 – Nr. 46410/​99 [ECLI:CE:ECHR:2006:1018JUD004641099], Ümer, Rn. 56[]
  7. EGMR, Urteil vom 18.10.2006 – Nr. 46410/​99, Rn. 56[]