Aus­wei­tung des Wahl­rechts zur Bre­mi­schen Bür­ger­schaft

Mit der Bre­mi­schen Lan­des­ver­fas­sung ist eine Aus­wei­tung des Wahl­rechts zur Bre­mi­schen Bür­ger­schaft auf Uni­ons­bür­ger nicht ver­ein­bar.

Aus­wei­tung des Wahl­rechts zur Bre­mi­schen Bür­ger­schaft

Mit die­ser Begrün­dung hat der Staats­ge­richts­hof der Frei­en Han­se­stadt Bre­men in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Ver­ein­bar­keit eines am 24. Janu­ar 2013 in ers­ter Lesung beschlos­se­nen Gesetz­ent­wurfs der Bre­mi­schen Bür­ger­schaft mit der Bre­mi­schen Lan­des­ver­fas­sung ver­neint. Durch das Bre­mi­sche Gesetz zur Aus­wei­tung des Wahl­rechts soll das akti­ve und pas­si­ve Wahl­recht für Uni­ons­bür­ge­rin­nen und Uni­ons­bür­ger zur Wahl der Bür­ger­schaft (Land­tag) ein­ge­führt und das akti­ve und pas­si­ve Wahl­recht zu den Bei­rä­ten auf Ange­hö­ri­ge von Dritt­staa­ten aus­ge­dehnt wer­den. Die Bre­mi­sche Bür­ger­schaft hat dem Staats­ge­richts­hof die Fra­ge vor­ge­legt, ob das Gesetz zur Aus­wei­tung des Wahl­rechts mit der Bre­mi­schen Lan­des­ver­fas­sung ver­ein­bar ist.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Staats­ge­richts­hof der Frei­en Han­se­stadt Bre­men dar­auf ver­wie­sen, dass der Begriff des Vol­kes in Arti­kel 66 Absatz 1 der Bre­mi­schen Lan­des­ver­fas­sung dem Begriff des Staats­volks ent­spricht, den das Grund­ge­setz ver­wen­det. Danach ist das Wahl­recht grund­sätz­lich an die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit geknüpft. Die Bre­mer Lan­des­ver­fas­sung hat in die­ser Hin­sicht die Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes zu beach­ten, die für alle drei staat­li­chen Ebe­nen – Bund, Län­der und Gemein­den – von einem ein­heit­li­chen Begriff des Wahl­vol­kes aus­ge­hen. Das hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wie­der­holt bekräf­tigt. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber hat in die­ser Hin­sicht kei­nen eige­nen Rege­lungs­spiel­raum.

Uni­ons­bür­gern steht ein Wahl­recht nur zu, soweit das Grund­ge­setz dies aus­drück­lich vor­sieht. Eine sol­che aus­drück­li­che Rege­lung ent­hält Arti­kel 28 Absatz 1 Satz 3 Grund­ge­setz. Nach die­ser Vor­schrift, die 1992 in das Grund­ge­setz auf­ge­nom­men wur­de, sind bei Wah­len "in Krei­sen und Gemein­den" auch Per­so­nen, die die Staats­an­ge­hö­rig­keit eines Mit­glieds­staats der Euro­päi­schen Gemein­schaft besit­zen, nach Maß­ga­be von Recht der Euro­päi­schen Gemein­schaft wahl­be­rech­tigt und wähl­bar. Aus Wort­laut, Geset­zes­sys­te­ma­tik und Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift erge­be sich unmiss­ver­ständ­lich, dass das Grund­ge­setz Uni­ons­bür­gern nur inner­halb des so gezo­ge­nen Rah­mens eine Betei­li­gung an den Wah­len ein­räumt.

Die vor­ge­se­he­ne Aus­deh­nung des akti­ven und pas­si­ven Wahl­rechts zu den Bei­rä­ten auf Ange­hö­ri­ge von Dritt­staa­ten ver­sto­ße eben­falls gegen Arti­kel 66 Absatz 1 der Bre­mi­schen Lan­des­ver­fas­sung. Einen sol­chen Ver­stoß hat­te der Staats­ge­richts­hof bereits in sei­ner Ent­schei­dung vom 8. Juli 1991 1 fest­ge­stellt. Der Staats­ge­richts­hof ist nach ein­ge­hen­der Prü­fung zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­la­gen, auf denen die­se Ent­schei­dung beruht, wei­ter­hin gel­ten. Die inzwi­schen erfolg­te Auf­wer­tung der Bei­rä­te durch Ein­räu­mung zusätz­li­cher Kom­pe­ten­zen bestä­ti­ge viel­mehr, dass sie Staats­ge­walt aus­üb­ten, d. h. die Wahl zu ihnen sich des­halb an den Anfor­de­run­gen mes­sen las­sen müs­se, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Legi­ti­ma­ti­on von Staats­ge­walt ent­wi­ckelt habe. Die Ein­fü­gung von Satz 3 in Arti­kel 28 Absatz 1 Grund­ge­setz ver­deut­li­che, dass die Aus­wei­tung des Wahl­rechts auf Kom­mu­nal­ebe­ne sich von Ver­fas­sungs wegen allein auf Uni­ons­bür­ge­rin­nen und Uni­ons­bür­ger erstre­cken soll­te.

Der Staats­ge­richts­hof hat her­vor­ge­ho­ben, dass nach der Kon­zep­ti­on des Grund­ge­set­zes das Staats­an­ge­hö­rig­keits­recht das rich­ti­ge Instru­ment sei, um einem Aus­ein­an­der­fal­len von Wahl­volk und Wohn­be­völ­ke­rung ent­ge­gen­zu­steu­ern. Das Staats­an­ge­hö­rig­keits­recht sei für die Zusam­men­set­zung des Staats­vol­kes offen und gestat­te es, Anpas­sun­gen an den gesell­schaft­li­chen Wan­del vor­zu­neh­men und damit auch das Wahl­volk aus­zu­wei­ten.

Die Ent­schei­dung ist mit sechs Stim­men gegen eine Stim­me ergan­gen. Der Ent­schei­dung ist ein Son­der­vo­tum der Rich­te­rin Prof. Dr. Sack­s­of­sky bei­gefügt. Dar­in wird aus­ge­führt, dass die stren­gen Anfor­de­run­gen, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Jahr 1990 an die Aus­ge­stal­tung des Wahl­rechts in den Län­dern gestellt habe, nach Ein­fü-gung von Arti­kel 28 Absatz 1 Satz 3 Grund­ge­setz nicht mehr maß­geb­lich sei­en. Das Grund­ge­setz hin­de­re des­halb den Lan­des­ge­setz­ge­ber nicht an der mit dem Gesetz­ent­wurf vor­ge­se­he­nen Aus­wei­tung des Wahl­rechts.

Staats­ge­richts­hof der Frei­en Han­se­stadt Bre­men, Urteil vom 31. Janu­ar 2014 – St 1/​13

  1. StGH Bre­men, vom 08.07.1991 – St 2/​91[]