Baye­ri­sche Abitur­zeug­nis­se – und die Nicht­be­wer­tung von Recht­schreibleis­tun­gen

Der Hin­weis auf eine Nicht­be­wer­tung von Recht­schreibleis­tun­gen in baye­ri­schen Abitur­zeug­nis­sen von Leg­asthe­ni­kern kann nach zwei aktu­el­len Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zumin­dest für die Ver­gan­gen­heit bestehen blei­ben. Für die Zukunft ver­neint das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aller­dings die Gewäh­rung eines ent­spre­chen­den Noten­schut­zes über­haupt, sofern nicht eine gesetz­li­che Rege­lung hier­zu geschaf­fen wird.

Baye­ri­sche Abitur­zeug­nis­se – und die Nicht­be­wer­tung von Recht­schreibleis­tun­gen

Schü­ler mit einer fach­ärzt­lich fest­ge­stell­ten Lese- und Recht­schreib­stö­rung (Leg­asthe­nie), deren Recht­schreibleis­tun­gen auf­grund eines Erlas­ses der baye­ri­schen Schul­ver­wal­tung für die Beno­tung im Abitur nicht bewer­tet wur­den, kön­nen hier­nach nicht ver­lan­gen, dass ein Hin­weis auf die­se abwei­chen­de Leis­tungs­be­wer­tung im Abitur­zeug­nis gestri­chen wird.

In dem ers­ten der bei­den jetzt ent­schie­de­nen Fäll­te besuch­te der kla­gen­de Schü­ler ein Gym­na­si­um in Bay­ern. Er lei­det an einer fach­ärzt­lich fest­ge­stell­ten Leg­asthe­nie. Er erhielt des­halb auf sei­nen Antrag wäh­rend der Ober­stu­fe ein­schließ­lich der Abitur­prü­fun­gen einen Zeit­zu­schlag von 10 % für die Bear­bei­tung schrift­li­cher Prü­fungs­ar­bei­ten. Sei­ne Lese- und Recht­schreibleis­tun­gen wur­den bei der Noten­ge­bung nicht berück­sich­tigt. Sein Abitur­zeug­nis ent­hält die Bemer­kung: „Auf­grund einer fach­ärzt­lich fest­ge­stell­ten Leg­asthe­nie wur­den Recht­schreibleis­tun­gen nicht bewer­tet. In den Fremd­spra­chen wur­den die schrift­li­chen und münd­li­chen Prü­fun­gen im Ver­hält­nis 1:1 bewer­tet.“ Die­se Maß­nah­men beru­hen auf einem Erlass des Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums für Unter­richt und Kul­tus.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen hat den beklag­ten Frei­staat Bay­ern ver­pflich­tet, dem Schü­ler ein Abitur­zeug­nis zu ertei­len, in dem nur der Hin­weis auf die fach­ärzt­lich fest­ge­stell­te Leg­asthe­nie als Grund für die feh­len­de Bewer­tung der Recht­schreibleis­tun­gen gestri­chen ist 1, im Übri­gen hat es die Kla­ge abge­wie­sen. Auf die Beru­fung des Schü­lers hat der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Mün­chen den Frei­staat Bay­ern ver­pflich­tet, dem Schü­ler ein Abitur­zeug­nis ohne die bean­stan­de­ten Bemer­kun­gen zu ertei­len 2: Der Ver­zicht auf die Bewer­tung der Recht­schreibleis­tun­gen leg­asthe­ner Schü­ler und der Hin­weis hier­auf im Zeug­nis bedürf­ten einer gesetz­li­chen Grund­la­ge, an der es in Bay­ern feh­le.

Auf die Revi­si­on des beklag­ten Frei­staats hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das erst­in­stanz­li­che Urteil wie­der­her­ge­stellt: Ob die Recht­schreibleis­tun­gen leg­asthe­ner Schü­ler mit Rück­sicht auf deren Behin­de­rung bei der Noten­ge­bung ins­be­son­de­re in der Abitur­prü­fung nicht bewer­tet wer­den sol­len, hat der Gesetz­ge­ber zu ent­schei­den; ein blo­ßer Erlass der Schul­ver­wal­tung (hier des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums) reicht dafür nicht aus. Mit die­ser als Noten­schutz bezeich­ne­ten Maß­nah­me wer­den all­ge­mein­gül­ti­ge, von der Per­son des Schü­lers unab­hän­gi­ge Anfor­de­run­gen durch indi­vi­du­el­le Anfor­de­run­gen ersetzt, deren Bezugs­punkt das Leis­tungs­ver­mö­gen des ein­zel­nen Schü­lers ist. Eine Fach­no­te, die durch die Anwen­dung von Noten­schutz zustan­de gekom­men ist, ent­hält nicht mehr die Aus­sa­ge, dass der Schü­ler den der jewei­li­gen Note ent­spre­chen­den Anfor­de­run­gen genügt. Auf­grund der unter­schied­li­chen Bewer­tungs­maß­stä­be inner­halb einer Prü­fung sind die Prü­fungs­er­geb­nis­se nicht mehr ver­gleich­bar. Dadurch unter­schei­det sich der Noten­schutz von ande­ren Maß­nah­men, wie etwa die Ver­län­ge­rung der Bear­bei­tungs­zeit, durch die behin­de­rungs­be­ding­te Erschwer­nis­se aus­ge­gli­chen wer­den sol­len, die es einem behin­der­ten Schü­ler erschwe­ren, sein an all­ge­mein­gül­ti­gen Maß­stä­ben gemes­se­nes tat­säch­lich vor­han­de­nes Leis­tungs­ver­mö­gen wie ein nicht behin­der­ter Schü­ler dar­zu­stel­len. Ein sol­cher Nach­teils­aus­gleich bedarf kei­ner gesetz­li­chen Rege­lung und sei­ne Gewäh­rung darf auch nicht im Zeug­nis ver­merkt wer­den. Anders als ein Noten­schutz stellt er kei­ne Bevor­zu­gung behin­der­ter Schü­ler dar, son­dern soll nur mög­lichst glei­che äuße­re Prü­fungs­be­din­gun­gen für die Erbrin­gung der von allen gefor­der­ten Leis­tung sicher­stel­len.

Fehlt es für den Noten­schutz an einer gesetz­li­chen Grund­la­ge, gilt dies auch für sei­ne Fol­ge, die ent­spre­chen­de Bemer­kung im Zeug­nis. Bei­de sind rechts­wid­rig. Der Schü­ler kann aber nicht ver­lan­gen, dass die rechts­wid­rig zustan­de gekom­me­ne Note bestehen bleibt und nur der Ver­merk getilgt wird, der die Abwei­chung von den sonst gel­ten­den Leis­tungs­an­for­de­run­gen doku­men­tiert. Es besteht auch aus dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­bot, behin­der­te Men­schen wegen ihrer Behin­de­rung zu benach­tei­li­gen (Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG), kein Anspruch auf Noten­schutz ohne des­sen Doku­men­ta­ti­on im Zeug­nis. Jeden­falls für die in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Fäl­le bleibt es des­halb bei der bis­he­ri­gen Pra­xis.

In einem wei­te­ren Fall, in dem die Kla­ge sich gegen eine ent­spre­chen­de Bemer­kung im Abitur­zeug­nis einer Schu­le in pri­va­ter Trä­ger­schaft rich­te­te, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eben­so ent­schie­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 29. Juli 2015 – 6 C 33.2014 – und 6 C 352015 -

  1. VG Mün­chen, Urteil vom 26.02.3013 – M 3 K 11.2963[]
  2. BayVGH, Urteil vom 26.02.2013 – M 3 K 11.2963[]