Aus­wahler­mes­sen und Punk­te­sys­tem bei der Ver­set­zung von Beam­ten

Ent­schließt sich der Dienst­herr bei einer Ver­set­zungs­maß­nah­me, die eine Viel­zahl von Be­am­ten be­trifft, im Rah­men sei­nes Aus­wahler­mes­sens die auf­grund der be­am­ten­recht­li­chen Für­sor­ge­pflicht zu be­rück­sich­ti­gen­den Be­lan­ge an­hand eines Punk­te­sys­tems zu er­fas­sen und zu be­wer­ten, um dar­aus eine Rang­fol­ge der zu ver­set­zen­den Be­am­ten zu er­stel­len, so muss die­ses Punk­te­sys­tem so ge­stal­tet sein, dass da­durch kein auf­grund der Für­sor­ge­pflicht zu be­ach­ten­der Um­stand der pri­va­ten Le­bens­füh­rung des ein­zel­nen Be­am­ten un­be­rück­sich­tigt bleibt.

Aus­wahler­mes­sen und Punk­te­sys­tem bei der Ver­set­zung von Beam­ten

§ 86 Abs. 1 des Beam­ten­ge­set­zes für das Land Bran­den­burg in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 8. Okto­ber 1999 (LBG a.F.) 1 ermäch­tigt die zustän­di­ge Behör­de zur Ver­set­zung eines Beam­ten. Danach kann ein Beam­ter in ein ande­res Amt einer Lauf­bahn, für die er die Befä­hi­gung besitzt, ver­setzt wer­den, wenn ein dienst­li­ches Bedürf­nis besteht. Die Ver­set­zung bedarf nicht der Zustim­mung des Beam­ten, wenn, wie hier, das neue Amt zum Bereich des­sel­ben Dienst­herrn gehört, der­sel­ben Lauf­bahn ange­hört wie das bis­he­ri­ge Amt und mit min­des­tens dem­sel­ben End­grund­ge­halt ver­bun­den ist.

Die Fra­ge, wonach sich das der Behör­de bei der Ent­schei­dung über eine Ver­set­zung eröff­ne­te Ermes­sen („kann“) im Sin­ne von § 40 des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­zes für das Land Bran­den­burg in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 9. März 2004 (VwVfG­Bbg a.F.) 2 zu rich­ten hat, ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt. Der Dienst­herr muss sich bei der Aus­übung des Ver­set­zungs­er­mes­sens von der ihm gegen­über dem ein­zel­nen Beam­ten oblie­gen­den Für­sor­ge­pflicht lei­ten las­sen 3.

Nach § 45 Abs. 1 LBG a.F. sorgt der Dienst­herr im Rah­men des Dienst- und Treue­ver­hält­nis­ses für das Wohl des Beam­ten und sei­ner Fami­lie. Fer­ner schützt er ihn bei sei­ner amt­li­chen Tätig­keit in sei­ner Stel­lung als Beam­ter. Wegen der ein­sei­ti­gen Anord­nungs­be­fug­nis gegen­über sei­nen Beam­ten ist der Dienst­herr auf­grund der Für­sor­ge­pflicht gehal­ten, die ihm unter­ge­be­nen Beam­ten mit Gerech­tig­keit zu behan­deln, ihnen die Erfül­lung ihrer Diens­te nach Mög­lich­keit zu erleich­tern und ihre Belan­ge wohl­wol­lend zu berück­sich­ti­gen und zu wah­ren 4.

Bei der Ent­schei­dung über eine Ver­set­zung eines Beam­ten sind danach als Aus­fluss der Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn ins­be­son­de­re sub­stan­ti­ier­te Anhalts­punk­te für eine Schä­di­gung der kör­per­li­chen oder see­li­schen Gesund­heit des Beam­ten zu berück­sich­ti­gen 5. Das folgt auch aus dem vom Dienst­herrn zu wah­ren­den öffent­li­chen Inter­es­se an der mög­lichst lan­gen Erhal­tung der Dienst­fä­hig­keit des Beam­ten. In die Ent­schei­dung ein­zu­be­zie­hen sind aber auch beson­de­re Schutz­be­dürf­nis­se des Beam­ten aus dem von Art. 6 GG geschütz­ten Bereich von Ehe und Fami­lie sowie ande­re mit dem Wech­sel des Dienstor­tes ver­bun­de­ne Nach­tei­le für die pri­va­te Lebens­füh­rung des Beam­ten 6.

Die Fra­ge, wel­che Belan­ge des von der Aus­wahl­ent­schei­dung poten­ti­ell betrof­fe­nen Beam­ten in die Ent­schei­dung ein­zu­stel­len sind und wel­ches Gewicht der Dienst­herr ihnen jeweils bei­zu­mes­sen hat, ist rechts­grund­sätz­lich geklärt. Der Dienst­herr hat alle Umstän­de der pri­va­ten Lebens­füh­rung des Beam­ten, die durch sei­ne Ver­set­zung nach­tei­lig betrof­fen sein kön­nen, zu ermit­teln und mit dem ihnen zukom­men­den Gewicht in die Abwä­gung ein­zu­stel­len. Eine wei­ter­ge­hen­de rechts­grund­sätz­li­che Klä­rung ist wegen des Bedeu­tungs­ge­halts der Für­sor­ge­pflicht weder mög­lich noch erfor­der­lich. Die Für­sor­ge­pflicht nach § 45 Abs. 1 LBG a.F., die die Aus­wahl­ent­schei­dung nach § 86 Abs. 1 LBG a.F. steu­ert, ist eine Gene­ral­klau­sel. Sie ist wegen der Viel­ge­stal­tig­keit der Sach­ver­hal­te einer Kon­kre­ti­sie­rung durch eine gene­rel­le Rege­lung nicht zugäng­lich 7. Die aus der Für­sor­ge­pflicht fol­gen­den Ein­zel­pflich­ten und die Art ihrer Erfül­lung sind nicht abschlie­ßend fest­ge­legt, son­dern unter Ein­be­zie­hung der gesam­ten Rechts­ord­nung zu kon­kre­ti­sie­ren und kön­nen alle Berei­che der Rechts­stel­lung des Beam­ten und sei­ner Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen betref­fen 8. Danach ist es nicht mög­lich, den Kreis der vom Dienst­herrn auf­grund der ihm oblie­gen­den Für­sor­ge­pflicht bei der Ver­set­zungs­ent­schei­dung zu beach­ten­den Belan­ge vor­ab fest­zu­le­gen und den indi­vi­du­el­len Inter­es­sen der poten­ti­ell Betrof­fe­nen abs­trakt ein bestimm­tes Gewicht zuzu­ord­nen. Dass die Vor­schrift des § 1 Abs. 3 KSchG auf die im Ermes­sen des Dienst­herrn ste­hen­de Ent­schei­dung über die Ver­set­zung eines Beam­ten weder unmit­tel­bar noch ent­spre­chend anzu­wen­den ist, liegt auf der Hand und gibt des­halb nicht Anlass zur Durch­füh­rung des Revi­si­ons­ver­fah­rens.

Das Beam­ten­ver­hält­nis ist ein umfas­sen­des gegen­sei­ti­ges Treue­ver­hält­nis. Der beson­de­ren Treue­pflicht des Beam­ten steht die beson­de­re Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn gegen­über dem ein­zel­nen Beam­ten als nach Art. 33 Abs. 5 GG zu beach­ten­der Grund­satz gegen­über 9. Jeder ein­zel­ne Beam­te kann nach § 45 Abs. 1 LBG a.F. bean­spru­chen, dass der Dienst­herr bei der Ent­schei­dung über die Ver­set­zung sei­ne indi­vi­du­el­len Inter­es­sen ermit­telt und die­se bei der Aus­wahl ange­mes­sen berück­sich­tigt. Die­se Ver­pflich­tung wird nicht dadurch rela­ti­viert, dass eine gro­ße Zahl von Beam­ten für eine aus dienst­li­chen Grün­den gebo­te­ne Ver­set­zung in Betracht kommt. Die Kom­ple­xi­tät der Aus­wahl­ent­schei­dung bei einer Viel­zahl von Kan­di­da­ten recht­fer­tigt es nicht, vom Gebot des § 45 Abs. 1 LBG a.F. abzu­wei­chen, alle rele­van­ten Umstän­de der betrof­fe­nen Beam­ten bei der Ent­schei­dung ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen. Auf wel­che Wei­se der Dienst­herr die­ser gesetz­li­chen Ver­pflich­tung nach­kommt, bleibt sei­nem Orga­ni­sa­ti­ons­er­mes­sen über­las­sen. Er darf der Ent­schei­dung auch ein Punk­te­sys­tem zugrun­de legen, solan­ge die­ses die umfas­sen­de Ermitt­lung und ange­mes­se­ne Gewich­tung der indi­vi­du­el­len Belan­ge der Beam­ten gewähr­leis­tet.

Wenn sich der Dienst­herr – hier wegen der Viel­zahl der in die Aus­wahl ein­zu­be­zie­hen­den Beam­ten – dafür ent­schei­det, die bei der Ver­set­zungs­ent­schei­dung zu berück­sich­ti­gen­den Belan­ge der in Betracht kom­men­den Beam­ten im Rah­men eines Punk­te­sys­tems zu erfas­sen und zu bewer­ten, muss die­ses Punk­te­sys­tem so gestal­tet sein, dass dadurch kein auf­grund der Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn zu beach­ten­der Umstand der pri­va­ten Lebens­füh­rung des Beam­ten unbe­rück­sich­tigt bleibt oder gar von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wird. Andern­falls wird die kon­kre­te Ermes­sens­ent­schei­dung von vorn­her­ein defi­zi­tär, weil in sie nicht alle Belan­ge ein­ge­stellt wor­den sind, die ein­zu­stel­len gewe­sen wären. Genau dies hat das Beru­fungs­ge­richt bean­stan­det.

Die aus der gesetz­li­chen Vor­schrift des § 45 Abs. 1 LBG a.F. fol­gen­de Ver­pflich­tung steht auch nicht unter dem Vor­be­halt, dass in einer Dienst­ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Dienst­herrn und der zustän­di­gen Per­so­nal­ver­tre­tung abschlie­ßend fest­ge­legt wer­den kann, wel­che per­sön­li­chen Umstän­de der betrof­fe­nen Beam­ten für die Aus­wahl­ent­schei­dung über­haupt Bedeu­tung erlan­gen kön­nen und wel­ches Gewicht (Punkt­wert) die­sen Aspek­ten jeweils zukom­men soll. Durch eine Dienst­ver­ein­ba­rung kann sich der Dienst­herr nicht von Ver­pflich­tun­gen befrei­en, die ihm im Ver­hält­nis zum ein­zel­nen Beam­ten von Ver­fas­sungs wegen oder kraft Geset­zes oblie­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Fe­bru­ar 2013 – 2 B 51.12

  1. GVBl S. 446[]
  2. GVBl I S. 78[]
  3. BVerwG, Urtei­le vom 15.08.1960 – 6 C 9.59, Buch­holz 237.3 § 27 BG Bre­men Nr. 1 S. 4, vom 25.01.1967 – 6 C 58.65, BVerw­GE 26, 65, 69 ff. = Buch­holz 232 § 26 BBG Nr. 8 S. 40 ff., vom 07.03.1968 – 2 C 137.67, Buch­holz 232 § 26 BBG Nr. 9 S. 50 f. = ZBR 1969, 47 und vom 13.02.1969 – 2 C 114.65, Buch­holz 232 § 26 BBG Nr. 11 S. 4 f., Beschluss vom 16.07.2012 – 2 B 16.12 – juris Rn. 18[]
  4. BVerfG, Beschlüs­se vom 15.12.1976 – 2 BvR 841/​73, BVerfGE 43, 154, 165 und vom 13.11.1990 – 2 BvF 3/​88, BVerfGE 83, 89, 100; BVerwG, Urteil vom 30.08.1962 – 2 C 16.60, BVerw­GE 15, 3, 7; BGH, Urteil vom 11.11.1954 – III ZR 120/​53, BGHZ 15, 185, 187; vgl. bereits RG, Urtei­le vom 07.12.1934 – III 178/​34, RGZ 146, 369, 373 und vom 22.06.1937 – III 233/​36, RGZ 155, 227, 232[]
  5. BVerwG, Urtei­le vom 07.03.1968 a.a.O. S. 50; und vom 13.02.1969 a.a.O. S. 4; vgl. zur Abord­nung eines Beam­ten, BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 23.05.2005 – 2 BvR 583/​05, NVwZ 2005, 926 f.[]
  6. zur Umset­zung eines Beam­ten, BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 30.01.2008 – 2 BvR 754/​07, NVwZ 2008, 547[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 15.12.1976 a.a.O. S. 165 f.; vgl. bereits RG, Urteil vom 19.09.1938 – III 45/​38, RGZ 158, 235, 239[]
  8. vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zum Beam­ten­sta­tus­ge­setz, BT-Drs. 16/​4027, § 46 S. 34[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 15.12.1976 a.a.O. S. 165[]