Bei­hil­fe und Pra­xis­ge­bühr

Gemäß § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV min­dert sich die Bei­hil­fe jeweils um einen Eigen­be­halt von 10 € je Kalen­der­vier­tel­jahr je Bei­hil­fe­be­rech­ti­gen und je berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Ange­hö­ri­gen, wenn und sobald eine ambu­lan­te ärzt­li­che, zahn­ärzt­li­che oder psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Leis­tung in Anspruch genom­men wird.

Bei­hil­fe und Pra­xis­ge­bühr

In die­ser Höhe besteht daher kein Anspruch des Beam­ten auf Gewäh­rung wei­te­rer Bei­hil­fe­leis­tun­gen. Nach § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV min­dert sich die Bei­hil­fe um einen Betrag von 10 € je Kalen­der­vier­tel­jahr je Bei­hil­fe­be­rech­tig­ten und je berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Ange­hö­ri­gen für jede ers­te Inan­spruch­nah­me von ambu­lan­ten ärzt­li­chen, zahn­ärzt­li­chen oder psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Leis­tun­gen, sofern – wie hier – kein Fall von § 12 Abs. 1 Satz 3 BhV gege­ben ist (§ 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 2 BhV). § 12 BhV ist in dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall anzu­wen­den, da die streit­ge­gen­ständ­li­chen Auf­wen­dun­gen im ers­ten und zwei­ten Quar­tal des Jah­res 2004 ent­stan­den sind. Bei­hil­fe­recht­li­che Strei­tig­kei­ten sind grund­sätz­lich nach der Sach- und Rechts­la­ge zum Zeit­punkt des Ent­ste­hens der Auf­wen­dun­gen, für die Bei­hil­fen ver­langt wer­den, zu beur­tei­len 1.

Die Bei­hil­fe­vor­schrif­ten des Bun­des ver­sto­ßen nicht gegen den Vor­be­halt des Geset­zes ver­sto­ßen und sind auch nicht des­halb nich­tig. Sie sind für Auf­wen­dun­gen, die vor Inkraft­tre­ten der Bun­des­bei­hil­fe­ver­ord­nung vom 13. Febru­ar 2009 2 ent­stan­den sind, wei­ter­hin anzu­wen­den waren, soweit sie im Übri­gen mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar sind 3. Dies ist in Bezug auf § 12 Abs. 1 Satz 2 BhV der Fall. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat ent­schie­den, dass die Bestim­mung ins­be­son­de­re sowohl mit dem Ali­men­ta­ti­ons­grund­satz als auch mit der Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn in Ein­klang steht: So unter­liegt der Gesetz­ge­ber bei der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung der Bei­hil­fe kei­nen Bin­dun­gen durch das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip. Für den Fall, dass Absen­kun­gen des Bei­hil­fe­st­an­dards im Zusam­men­wir­ken mit ande­ren Besol­dungs­ein­schnit­ten die Amts-ange­mes­sen­heit der Ali­men­ta­ti­on in Fra­ge stel­len, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht die Anpas­sung der Bei­hil­fen, son­dern eine ent­spre­chen­de Kor­rek­tur der Besol­dungs­ge­set­ze, die das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip kon­kre­ti­sie­ren, gebo­ten 4. Auch das ver­fas­sungs­recht­li­che Für­sor­ge­prin­zip ver­langt nicht, dass Auf­wen­dun­gen der Beam­ten in Krank­heits­fäl­len durch ergän­zen­de Bei­hil­fen voll­stän­dig gedeckt wer­den oder von der Bei­hil­fe nicht erfass­te Kos­ten in vol­lem Umfang ver­si­cher­bar sind. Wenn die pau­scha­le Min­de­rung der Bei­hil­fe durch die sog. Pra­xis­ge­bühr die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten des Beam­ten über­for­dert, hat der Dienst­herr mit der Här­te­fall­re­ge­lung des § 12 Abs. 2 BhV nor­ma­ti­ve Vor­keh­run­gen getrof­fen, die sicher­stel­len, dass dem Beam­ten nicht erheb­li­che Auf­wen­dun­gen ver­blei­ben, die im Hin­blick auf die Höhe der Ali­men­ta­ti­on nicht mehr zumut­bar sind 5.

Der beson­de­ren recht­li­chen Form und Funk­ti­on der Bei­hil­fe­vor­schrif­ten ist bei deren Aus­le­gung dadurch Rech­nung zu tra­gen, dass sie in glei­cher Wei­se wie Nor­men aus­ge­legt wer­den und ihre Aus­le­gung in glei­cher Wei­se wie bei revi­si­blen Rechts­vor­schrif­ten revi­si­ons­ge­richt­lich nach­ge­prüft wird 6.

Der Wort­laut des § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV lässt nicht den Schluss zu, dass der Eigen­be­halt je Kalen­der­vier­tel­jahr nur ein­mal von der für die ers­te Inan­spruch­nah­me einer Leis­tung ermit­tel­ten Bei­hil­fe in Abzug zu brin­gen ist. Er legt viel­mehr nahe, dass eine unmit­tel­ba­re Ver­knüp­fung zwi­schen der ers­ten Inan­spruch­nah­me einer Leis­tung und der hier­für zu ermit­teln­den Bei­hil­fe nicht her­ge­stellt wer­den soll­te. Mit dem Beru­fungs­ge­richt ist die Rege­lung dahin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass sich die Bei­hil­fe jeweils um 10 € je Kalen­der­vier­tel­jahr je Bei­hil­fe­be­rech­tig­ten und je berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Ange­hö­ri­gen min­dert, wenn und sobald eine ambu­lan­te ärzt­li­che, zahn­ärzt­li­che oder psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Leis­tung in Anspruch genom­men wird. Dies gilt auch dann, wenn die hier­für ent­stan­de­nen Auf­wen­dun­gen weni­ger als 10 € betra­gen. Für die­ses Ver­ständ­nis strei­tet, dass die Wör­ter "für jede ers­te Inan­spruch­nah­me" im Satz­bau von dem Begriff der "Bei­hil­fe" deut­lich abge­setzt wur­den. Hät­te der Norm­ge­ber als Bezugs­grö­ße für den Abzug des Eigen­be­halts allein die für die ers­te Inan­spruch­nah­me einer ärzt­li­chen, zahn­ärzt­li­chen oder psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Leis­tung ermit­tel­te Bei­hil­fe vor­se­hen wol­len, so hät­te es sich auf­ge­drängt, die Norm der­ge­stalt zu fas­sen, dass sich die für die ers­te Inan­spruch­nah­me einer sol­chen Leis­tung im Kalen­der­vier­tel­jahr zu ermit­teln­de Bei­hil­fe um einen Betrag von 10 € min­dert.

Die Wör­ter "für jede ers­te Inan­spruch­nah­me" sind mit­hin nicht Anknüp­fungs­punkt für den Bei­hil­fe­be­trag, von dem der Eigen­be­halt in Abzug zu brin­gen ist. Sie stel­len viel­mehr im Inter­es­se eines prak­ti­ka­blen Rege­lungs­voll­zu­ges klar, dass die Bei­hil­fe für die ers­te Inan­spruch­nah­me jeder der in § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV abschlie­ßend auf­ge­führ­ten Leis­tun­gen grund­sätz­lich um einen Eigen­be­halt von jeweils 10 € zu min­dern ist.

Die vom Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung wird durch den Sinn und Zweck des § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV bestä­tigt: Gegen­stand der Rege­lung ist eine Kos­ten­dämp­fungs­maß­nah­me, mit der die Bei­hil­fe­emp­fän­ger über einen pau­scha­len Eigen­be­halt an den Kos­ten ihres Gesund­heits­ver­sor­gungs­sys­tems betei­ligt wer­den sol­len. Einer effi­zi­en­ten Umset­zung die­ses Norm­zwecks wür­de die Annah­me, der Eigen­be­halt sei ledig­lich ein­ma­lig von der für die ers­te Inan­spruch­nah­me einer der drei in der Bestim­mung auf­ge­führ­ten Leis­tun­gen ermit­tel­ten Bei­hil­fe in Abzug zu brin­gen, nicht gerecht. Dass der Norm­ge­ber die Kos­ten­dämp­fung von den Zufäl­lig­kei­ten einer Hand­ha­bung der Rege­lung abhän­gig machen woll­te, kann nicht ange­nom­men wer­den. Statt­des­sen strei­tet die mit der Rege­lung ver­folg­te Absicht, die Bei­hil­fe­emp­fän­ger an der Finan­zie­rung ihres Gesund­heits­ver­sor­gungs­sys­tems zu betei­li­gen, dafür, § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV mit dem Beru­fungs­ge­richt dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die ers­te Inan­spruch­nah­me einer ambu­lan­ten ärzt­li­chen, zahn­ärzt­li­chen bezie­hungs­wei­se psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Leis­tung im Kalen­der­vier­tel­jahr jeweils eine Min­de­rung der zu bean­spru­chen­den Bei­hil­fe um je 10 € aus­löst.

Die Rich­tig­keit die­ser Aus­le­gung wird durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 12 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 1 BhV gestützt: Die Rege­lung knüpft an § 28 Abs. 4 SGB V an. Danach leis­ten gesetz­lich Ver­si­cher­te, die das 18. Lebens­jahr voll­endet haben, je Kalen­der­vier­tel­jahr für jede ers­te Inan­spruch­nah­me eines an der ambu­lan­ten ärzt­li­chen, zahn­ärzt­li­chen oder psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Ver­sor­gung teil­neh­men­den Leis­tungs­er­brin­gers, die nicht auf Über­wei­sung aus dem­sel­ben Kalen­der­vier­tel­jahr erfolgt, als Zuzah­lung den sich nach § 61 Satz 2 SGB V erge­ben­den Betrag an den Leis­tungs­er­brin­ger. Ziel die­ser Norm 7 ist es, die Eigen­ver­ant­wor­tung der Ver­si­cher­ten zu stär­ken und einen Bei­trag zur Kon­so­li­die­rung der Finan­zen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu leis­ten 8.

Im Zuge der Reform der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung hat der Deut­sche Bun­des­tag die Bun­des­re­gie­rung auf­ge­for­dert, die Be- und Ent­las­tun­gen des GKV-Moder­ni­sie­rungs­ge­set­zes wir­kungs­gleich in die Bei­hil­fe- und Ver­sor­gungs­re­ge­lun­gen für Minis­ter und Beam­te zu über­tra­gen 9. Mit Art. 1 der 27. all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 17. Dezem­ber 2003 zur Ände­rung der Bei­hil­fe­vor­schrif­ten 10 wur­de dar­auf­hin als bei­hil­fe­recht­li­ches Pen­dant zur Pra­xis­ge­bühr in § 12 Abs. 1 Nr. 4 BhV a.F. ein pau­scha­ler Eigen­be­halt ein­ge­führt: Danach soll­ten sich die bei­hil­fe­fä­hi­gen Auf­wen­dun­gen bei Inan­spruch­nah­me von ärzt­li­chen, zahn­ärzt­li­chen oder psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Leis­tun­gen um einen Pausch­be­trag von 20 € je Kalen­der­jahr je Bei­hil­fe­be­rech­tig­ten und je berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Ange­hö­ri­gen min­dern. Durch Art. 1 der 28. all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift erhielt die Rege­lung rück­wir­kend zum 1. Janu­ar 2004 ihre vor­lie­gend maß­geb­li­che Fas­sung, ohne dass der Norm­ge­ber eine Abkehr von dem zeit­ab­schnitts­be­zo­ge­nen Ein­be­halt eines Pausch­be­tra­ges voll­zo­gen hät­te.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 14. Dezem­ber 2010 – 2 C 20.09

  1. BVerwG, Urteil vom 30.04.2009 – 2 C 127.07, Buch­holz 270 § 12 BhV Nr. 3 Rn. 7[]
  2. BGBl I S. 326[]
  3. BVerwG, Urteil vom 26.06.2008 – 2 C 2.07, BVerw­GE 131, 234, Rn. 9, Buch­holz 270 § 6 BhV Nr. 17[]
  4. BVerwG, Urteil vom 30.04.2009, a.a.O. Rn. 10[]
  5. BVerwG, Urteil vom 30.04.2009, a.a.O. Rn. 12[]
  6. vgl. zuletzt BVerwG, Urteil vom 15.12.2005 – 2 C 35.04, BVerw­GE 125, 21, 28, m.w.N.[]
  7. zu deren Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit: BSG, Urteil vom 25.06.2009 – B 3 KR 3/​08 R, BSGE 103, 275[]
  8. BT-Drs. 15/​1525, S. 83[]
  9. BT-Drs. 15/​1584, S. 10[]
  10. GMBl 2004, 227[]