Berück­sich­ti­gung von dienst­li­chen Beur­tei­lungs­bei­trä­gen

Nach den Beur­tei­lungs­richt­li­ni­en der nie­der­säch­si­schen Poli­zei (BRL­Pol) muss ein Beur­tei­lungs­bei­trag schrift­lich vor­lie­gen, schon bevor der Erst­be­ur­tei­ler sein Gesamt­ur­teil fest­legt.

Berück­sich­ti­gung von dienst­li­chen Beur­tei­lungs­bei­trä­gen

Dienst­li­che Beur­tei­lun­gen sind von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten nur beschränkt nach­prüf­bar. Nur der Dienst­herr oder der für ihn han­deln­de jewei­li­ge Vor­ge­setz­te soll nach dem erkenn­ba­ren Sinn der Rege­lung über die dienst­li­che Beur­tei­lung (vgl. § 30 PolNLVO [1]) ein per­sön­lich­keits­be­ding­tes Wert­ur­teil dar­über abge­ben, ob und inwie­weit der Beam­te den – eben­falls vom Dienst­herrn zu bestim­men­den – zahl­rei­chen fach­li­chen und per­sön­li­chen Anfor­de­run­gen des kon­kre­ten Amtes und der Lauf­bahn ent­spricht. Bei einem der­ar­ti­gen, dem Dienst­herrn vor­be­hal­te­nen, Akt wer­ten­der Erkennt­nis steht die­sem eine der gesetz­li­chen Rege­lung imma­nen­te Beur­tei­lungs­er­mäch­ti­gung zu. Ihr gegen­über hat sich die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le dar­auf zu beschrän­ken, ob die Ver­wal­tung den anzu­wen­den­den Begriff oder den gesetz­li­chen Rah­men ver­kannt hat, in dem sie sich frei bewe­gen kann, ob sie von einem unrich­ti­gen Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen ist, all­ge­mein­gül­ti­ge Wert­maß­stä­be nicht beach­tet, sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt oder gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­sto­ßen hat. Wenn der Dienst­herr Richt­li­ni­en für die Erstel­lung und Bekannt­ga­be dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen – wie hier die Beur­tei­lungs­richt­li­ni­en für die Poli­zei des Lan­des Nie­der­sach­sen [2] (BRL­Pol) – erlas­sen hat, kann das Gericht nur prü­fen, ob die Richt­li­ni­en ein­ge­hal­ten wor­den sind und ob sie mit den gesetz­li­chen Rege­lun­gen, spe­zi­ell denen der Lauf­bahn­ver­ord­nung, und mit sons­ti­gen gesetz­li­chen Vor­schrif­ten im Ein­klang ste­hen. Die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Nach­prü­fung kann dem­ge­gen­über nicht dazu füh­ren, dass das Gericht die fach­li­che und per­sön­li­che Beur­tei­lung des Beam­ten durch sei­nen Dienst­herrn in vol­lem Umfang nach­voll­zieht oder die­se gar durch eine eige­ne Beur­tei­lung ersetzt [3].

Zwar ist uner­heb­lich, dass die Drei­mo­nats­frist der Zif­fer 11.3 BRL­Pol nicht ein­ge­hal­ten wur­de. Es ist nicht zu erken­nen, wel­ches sub­jek­tiv-öffent­li­che Recht des Klä­gers durch die gering­fü­gi­ge Ver­zö­ge­rung des Abschlus­ses sei­nes Beur­tei­lungs­ver­fah­rens ver­letzt wor­den sein könn­te. Ins­be­son­de­re ist nicht erkenn­bar, war­um auf­grund die­ser Fris­t­über­schrei­tung eine sach­ge­rech­te Dif­fe­ren­zie­rung und Ver­gleich­bar­keit mit den Beam­ten und Beam­tin­nen sei­ner Ver­gleichs­grup­pe nicht mehr gewähr­leis­tet gewe­sen sein soll­te. Dass die zeit­li­che Abfol­ge der Schrit­te des Beur­tei­lungs­ver­fah­rens nicht ein­ge­hal­ten wor­den wäre, ist sei­tens des Klä­gers nicht vor­ge­tra­gen wor­den und anhand der vor­ge­leg­ten Unter­la­gen auch sonst nicht ersicht­lich [4].

Es kann dahin­ste­hen, ob die Bewer­tung des aktu­el­len Dienst­pos­tens mit A 11 (statt A 9 bis A 11, wie die Beklag­te vor­trägt) in der ange­foch­te­nen Beur­tei­lung die­se rechts­wid­rig macht und dadurch die Rech­te des Klä­gers ver­letzt. Eben­so kann dahin­ste­hen, ob die zeit­li­che „Lücke“ in Zif­fer 4.1 der ange­foch­te­nen Beur­tei­lung (für die Zeit vom 20.04.2007 bis zum 25.11.2007) recht­li­che Aus­wir­kun­gen hat.

Denn die­se Beur­tei­lung ist wegen eines ande­ren Ver­fah­rens­feh­lers rechts­wid­rig. Vor­lie­gend schrei­ben die Beur­tei­lungs­richt­li­ni­en für die Poli­zei des Lan­des Nie­der­sach­sen (BRL­Pol) unter Zif­fer 10 („Vor­be­rei­tung der Beur­tei­lung“) vor, dass der nach Zif­fer 10.2 zu erstel­len­de Beur­tei­lungs­bei­trag unter Berück­sich­ti­gung des Beur­tei­lungs­zeit­raums und ‑maß­sta­bes in die Beur­tei­lung ein­zu­be­zie­hen ist. Das ist vor­lie­gend nicht hin­rei­chend gesche­hen. Der aus­drück­lich für den Zeit­raum vom 19.11.2007 bis zum 31.08.2008 erstell­te Beur­tei­lungs­bei­trag des Erst­be­ur­tei­lers anläss­lich der Abord­nung des Klä­gers zur Ermitt­lungs­grup­pe P. bei der Poli­zei­in­spek­ti­on L. /​Q. datiert vom 15.12.2008. Der Zweit­be­ur­tei­ler hat sei­ne Unter­schrift am 16.12.2008 bei­gefügt. Bespro­chen wor­den ist die­ser Beur­tei­lungs­bei­trag mit dem Klä­ger am 18.12.2008. Nach dem inso­weit über­ein­stim­men­den Vor­brin­gen des Klä­gers und sei­nes Erst­be­ur­tei­lers für die streit­be­fan­ge­ne Beur­tei­lung über­brach­te der Klä­ger den schrift­li­chen Beur­tei­lungs­bei­trag frü­hes­tens am 18.12.2008, jeden­falls aber bis Weih­nach­ten.

Erst- und Zweit­be­ur­tei­ler des Klä­gers haben sich am 01.12.2008 über die Beur­tei­lung des Klä­gers abge­stimmt. Der Erst­be­ur­tei­ler des Klä­gers hat aus­weis­lich von Blatt 5 der Beur­tei­lung am 15.12.2008 sein Gesamt­ur­teil fest­ge­legt. Eben­falls am 15.12.2008 hat der Erst­be­ur­tei­ler der auf­neh­men­den Dienst­stel­le für die Abord­nung des Klä­gers den Beur­tei­lungs­bei­trag unter­zeich­net. Erst am 16.12.2008 ist die Unter­schrift des Zweit­be­ur­tei­lers bei­gefügt wor­den. Damit war der Beur­tei­lungs­bei­trag rechts­wirk­sam erst mit der Bei­fü­gung der Unter­schrift des Zweit­be­ur­tei­len­den der auf­neh­men­den Dienst­stel­le am 16.12.2008. Das ergibt sich aus Satz 2 von Zif­fer 10.2 BRL­Pol, wonach der Zweit­be­ur­tei­len­de der auf­neh­men­den Dienst­stel­le vor der Wei­ter­lei­tung des Beur­tei­lungs­bei­tra­ges zu betei­li­gen ist. Damit konn­te der Erst­be­ur­tei­ler des Klä­gers am 15.12.2008 allen­falls von einem ihm mög­li­cher­wei­se der Ten­denz nach tele­fo­nisch über­mit­tel­ten Inhalt eines Beur­tei­lungs­bei­trags­ent­wurfs aus­ge­gan­gen sein, als er sein Gesamt­ur­teil für die Beur­tei­lung des Klä­gers fest­ge­legt hat.

Unge­ach­tet des­sen, dass der Erst­be­ur­tei­ler für die streit­be­fan­ge­ne Regel­be­ur­tei­lung des Klä­gers selbst gar nicht vor­ge­tra­gen hat, ihm sei vor der Über­ga­be des schrift­li­chen Beur­tei­lungs­bei­tra­ges im Ein­zel­nen die Ver­ga­be der Wert­stu­fen bei den Leis­tungs­merk­ma­len bekannt gewe­sen, war es ihm recht­lich unmög­lich, einen Beur­tei­lungs­bei­trag im Sin­ne von Zif­fer 10.2 BRL­Pol in die Beur­tei­lung ein­zu­be­zie­hen, denn die­se Bestim­mung schreibt aus­drück­lich vor, dass ein Beur­tei­lungs­bei­trag schrift­lich erstellt wer­den muss. Sogar die Form eines sol­chen Bei­tra­ges („Anla­ge 3″) ist vor­ge­schrie­ben.

Auf­grund die­ses Ver­fah­rens­feh­lers liegt ein Ver­stoß gegen Zif­fer 10.2 letz­ter Satz BRL­Pol vor. Die­se Vor­schrift ist (im Gegen­satz zu Zif­fer 11.3 BRPol – Dau­er des Beur­tei­lungs­ver­fah­rens) unmit­tel­bar dar­auf gerich­tet, die Rech­te des Beur­teil­ten, vor­lie­gend also des Klä­gers, zu wah­ren. Es kann näm­lich nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Erst­be­ur­tei­ler bei Kennt­nis des schrift­li­chen und ver­fah­rens­ge­mäß erstell­ten Beur­tei­lungs­bei­tra­ges zu einem ande­ren und für den Klä­ger güns­ti­ge­ren Urteil in ein­zel­nen Leis­tungs­merk­ma­len oder ins­be­son­de­re auch im Gesamt­ur­teil, etwa bei der Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung, gekom­men wäre.

Am vor­ste­hend gefun­de­nen Ergeb­nis ändert der Umstand nichts, dass die umfas­sen­den Dar­le­gun­gen des Erst­be­ur­tei­lers noch im Beur­tei­lungs­ver­fah­ren unter dem 14.01.2009 und spä­ter im gericht­li­chen Ver­fah­ren, ins­be­son­de­re unter dem 03.08.2010, bei umfas­sen­der Wür­di­gung aller Gesamt­um­stän­de durch­aus nach­voll­zieh­bar das (ver­fah­rens­mä­ßig „zu früh“) gefun­de­ne Gesamt­ur­teil im Nach­hin­ein mög­li­cher­wei­se recht­fer­ti­gen könn­ten, denn ange­sichts der Form­stren­ge des Beur­tei­lungs­ver­fah­rens zur Gewähr­leis­tung eines fai­ren Beur­tei­lungs­ver­fah­rens für jeden Betrof­fe­nen kann inso­weit eine nach­träg­li­che „Hei­lung“ die­ses Ver­fah­rens­feh­ler im Rah­men des streit­be­fan­ge­nen Beur­tei­lungs­ver­fah­rens nicht mehr erfol­gen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Göt­tin­gen, Urti­el vom 21. März 2011 – 3 A 137/​09

  1. vom 07.08.1979, Nds. GVBl. S. 236, zuletzt geän­dert durch VO vom 15.10.2007, Nds. GVBl. S. 484[]
  2. vom 11.07.2008, Nds. MBl. 2008, 782[]
  3. Nds. OVG, Urteil vom 09.02.2010 – 5 LB 497/​07[]
  4. vgl. VG Göt­tin­gen, Urtei­le vom 09.08.2005 – 3 A 156/​04; und vom 22.07.2008 – 3 A 278/​06[]