Beru­fungs­ver­fah­ren vor dem Dienst­ge­richts­hof für Rich­ter – im Prü­fungs­ver­fah­ren

Die nach §§ 83, 66 Abs. 1 Satz 1 DRiG ange­ord­ne­te sinn­ge­mä­ße Gel­tung der Vor­schrif­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung für das Prü­fungs­ver­fah­ren (§ 62 Abs. 1 Nr. 3 und 4 DRiG) erfasst grund­sätz­lich auch die Bestim­mung des § 130a VwGO über die ein­stim­mi­ge Ent­schei­dung durch Beschluss im Beru­fungs­ver­fah­ren 1.

Beru­fungs­ver­fah­ren vor dem Dienst­ge­richts­hof für Rich­ter – im Prü­fungs­ver­fah­ren

Der Bun­des­ge­richts­hof hält in Abgren­zung zu sei­ner jün­ge­ren Recht­spre­chung zur ent­spre­chen­den bzw. sinn­ge­mä­ßen Anwen­dung des § 84 VwGO 2 dar­an fest, dass über die Beru­fung in Prü­fungs­ver­fah­ren grund­sätz­lich gemäß § 130a VwGO ent­schie­den wer­den kann 3. Die durch § 83 Satz 1, § 66 Abs. 1 Satz 1 DRiG und § 56 Satz 1 LRiG NRW bestimm­te sinn­ge­mä­ße bzw. ent­spre­chen­de Gel­tung der Vor­schrif­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung für das Prü­fungs­ver­fah­ren nach § 62 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. c DRiG, § 37 Nr. 3 Buchst. c LRiG NRW erfasst § 130a VwGO.

Nach § 83 DRiG sind durch den Lan­des­ge­setz­ge­ber Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, Ver­set­zungs­ver­fah­ren und Prü­fungs­ver­fah­ren ent­spre­chend § 63 Abs. 2, § 64 Abs. 1, §§ 65 bis 68 DRiG zu regeln. Nach § 66 Abs. 1 Satz 1 DRiG gel­ten für die Prü­fungs­ver­fah­ren die Vor­schrif­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung sinn­ge­mäß. Die­se bun­des­recht­li­chen Vor­ga­ben setzt § 56 Satz 1 LRiG NRW um, indem er unter ande­rem für Prü­fungs­ver­fah­ren nach § 37 Nr. 3 und 4 LRiG NRW die Vor­schrif­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung für ent­spre­chend anwend­bar erklärt, soweit das nord­rhein­west­fä­li­sche Lan­des­rich­ter­ge­setz nichts ande­res bestimmt.

Gemäß § 66 Abs. 1 Satz 1 DRiG, § 56 Satz 1 LRiG NRW gilt § 130a VwGO sinn­ge­mäß bzw. ent­spre­chend, da sich die Anwen­dung des § 130a VwGO mit der Aus­ge­stal­tung des Prü­fungs­ver­fah­rens im Deut­schen Rich­ter­ge­setz ver­ein­ba­ren lässt.

Das dienst­ge­richt­li­che Prü­fungs­ver­fah­ren dient der Siche­rung der Unab­hän­gig­keit der Rich­ter. Der Gesetz­ge­ber hat die­sem in Art. 97 GG ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Prin­zip beson­de­re Bedeu­tung bei­gemes­sen und das dienst­ge­richt­li­che Ver­fah­ren im Deut­schen Rich­ter­ge­setz geson­dert gere­gelt. Der Beson­der­heit des Prü­fungs­ver­fah­rens als eigen­stän­di­ges, durch die ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­te Unab­hän­gig­keit der Rich­ter (Art. 97 Abs. 1 GG) bestimm­tes Ver­fah­ren ist bei der Fest­le­gung des Umfangs, in dem die Vor­schrif­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung (sinn­ge­mäß) anzu­wen­den sind, Rech­nung zu tra­gen 4. Der Gesetz­ge­ber hat das Prü­fungs­ver­fah­ren wie auch das Ver­set­zungs­ver­fah­ren dadurch gegen­über den sons­ti­gen dienst­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren her­vor­ge­ho­ben, dass nach § 80 Abs. 2 DRiG in Ver­set­zungs- und Prü­fungs­ver­fah­ren stets eine Zulas­sung der Revi­si­on zum Dienst­ge­richt des Bun­des vor­ge­se­hen ist. Die­sem Umstand lässt sich die Wer­tung des Gesetz­ge­bers ent­neh­men, dass die Ver­set­zungs- und Prü­fungs­ver­fah­ren aus sei­ner Sicht grund­sätz­lich sehr bedeut­sam sind 5.

Mit die­ser Wer­tung des Gesetz­ge­bers steht die sinn­ge­mä­ße bzw. ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 130a VwGO nicht in Wider­spruch. Nach § 130a Satz 1 VwGO kann das Beru­fungs­ge­richt über die Beru­fung durch Beschluss ent­schei­den, wenn es sie ein­stim­mig für begrün­det oder unbe­grün­det hält und eine münd­li­che Ver­hand­lung nicht für erfor­der­lich erach­tet. Von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen ist die Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung nicht abhän­gig. Der Beschluss nach § 130a Satz 1 VwGO stellt, wie sich aus § 130a Satz 2, § 125 Abs. 2 Satz 4 VwGO ergibt, einen in den Rechts­fol­gen im Grund­satz voll­wer­ti­gen Urteils­er­satz dar. Das Beru­fungs­ge­richt kann gemäß § 130a VwGO auch dann erken­nen, wenn der Sache Grund­satz­be­deu­tung zukommt 6. Anders als § 84 Abs. 1 VwGO, der nur Anwen­dung fin­det, wenn "die Sache kei­ne beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Art" auf­weist, ist dem Beru­fungs­ge­richt ein Ver­fah­ren nach § 130a VwGO nur dann ver­schlos­sen, wenn "in tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Hin­sicht außer­ge­wöhn­lich gro­ße Schwie­rig­kei­ten" bestehen 7. Zugleich muss der Beschluss ein­stim­mig und durch den gesam­ten Spruch­kör­per erge­hen 8. Damit unter­schei­det sich § 130a VwGO in sei­nen Vor­aus­set­zun­gen so wesent­lich von § 84 VwGO, dass die Vor­schrift anders als § 84 VwGO im Prü­fungs­ver­fah­ren Anwen­dung fin­den kann. ?

Der ent­spre­chen­den bzw. sinn­ge­mä­ßen Gel­tung des § 130a VwGO im Prü­fungs­ver­fah­ren steht der Grund­satz nicht ent­ge­gen, dass den Dienst­ge­richts­hö­fen neben den Dienst­ge­rich­ten die tatrich­ter­li­che Fest­stel­lung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts obliegt, die vom Dienst­ge­richt des Bun­des als Revi­si­ons­ge­richt nur in einem ein­ge­schränk­ten Umfang über­prüft wer­den kann 9. Zwar ist es wegen die­ses ein­ge­schränk­ten Über­prü­fungs­maß­stabs in der Revi­si­ons­in­stanz gebo­ten, dem Antrag­stel­ler eines Prü­fungs­ver­fah­rens die Mög­lich­keit einer münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz zu eröff­nen, damit er dort durch sei­nen münd­li­chen Vor­trag und das Rechts­ge­spräch mit dem Dienst­ge­richt und dem Antrags­geg­ner sei­ne Sicht­wei­se münd­lich erläu­tern kann. Hat aber eine (ver­fah­rens­feh­ler­freie) 10 münd­li­che Ver­hand­lung in ers­ter Instanz statt­ge­fun­den und sind in der Beru­fungs­in­stanz nur noch Rechts­fra­gen zu erör­tern, kann § 130a VwGO nach Maß­ga­be der dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen im Prü­fungs­ver­fah­ren Anwen­dung fin­den.

Im vor­lie­gen­den Fall unter­lag der Beschluss des Dienst­ge­richts­hofs gleich­wohl der Auf­he­bung, weil er auf der unrich­ti­gen Anwen­dung des § 130a VwGO beruh­te (§ 80 Abs. 3 DRiG). Der Dienst­ge­richts­hof hat­te durch Beschluss ent­schie­den, obwohl er die Betei­lig­ten vor­her nicht ord­nungs­ge­mäß nach § 130a Satz 2, § 125 Abs. 2 Satz 3 VwGO ange­hört hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. März 2015 – RiZ® 3/​14

  1. Abgren­zung zu BGH, Urteil vom 14.10.2013 RiZ® 5/​12, BGHZ 198, 285[]
  2. BGH, Urteil vom 14.10.2013 RiZ® 5/​12, BGHZ 198, 285 Rn. 14 ff.; Urteil vom 13.02.2014 RiZ® 5/​13, NJW-RR 2014, 702 Rn. 14 f.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 24.09.2009 RiZ® 6/​08, DRiZ 2010, 176, 177; Urteil vom 15.12 2011 RiZ® 8/​10 12, 17[]
  4. BGH, Urteil vom 14.10.2013 RiZ® 5/​12, BGHZ 198, 285 Rn.19 mwN[]
  5. vgl. Schmidt-Räntsch, Deut­sches Rich­ter­ge­setz, 6. Aufl., Ein­lei­tung Rn. 41a[]
  6. BVerwG, Beschluss vom 19.01.2001 3 B 113/​00 3; Redeker/​von Oert­zen, VwGO, 16. Aufl., § 130a Rn. 1a[]
  7. BVerw­GE 138, 289 Rn. 24 mwN[]
  8. BVerw­GE 111, 69, 70 ff.[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 16.12 2010 RiZ® 2/​10, NVwZ-RR 2011, 373 Rn. 32 ff., inso­weit nicht abge­druckt in BGHZ 188, 20 ff.; Urteil vom 14.10.2013 RiZ® 5/​12, BGHZ 198, 285 Rn.20[]
  10. dazu Eyermann/​Happ, VwGO, 14. Aufl., § 130a Rn. 5[]