Be­wer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch und die Be­för­de­rungs­rang­lis­te

Bei Be­för­de­run­gen auf der Grund­la­ge einer Be­för­de­rungs­rang­lis­te er­streckt sich der Be­wer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch auf alle ak­tu­ell vor­ge­se­he­nen Be­för­de­run­gen. Wenn der un­be­rück­sich­tigt ge­blie­be­ne Be­am­te den einst­wei­li­gen Rechts­schutz­an­trag gegen meh­re­re vor­ge­se­he­ne Be­för­de­run­gen rich­tet, ist der Dienst­herr grund­sätz­lich ver­pflich­tet, alle von dem An­trag er­fass­ten Be­för­de­run­gen vor­läu­fig nicht vor­zu­neh­men.

Be­wer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch und die Be­för­de­rungs­rang­lis­te

Die Antrags­geg­ne­rin hat die teil­wei­se Erle­di­gung des Rechts­streits her­bei­ge­führt, soweit sie drei der vier Mit­be­wer­ber des Antrag­stel­lers, die sie für die Beför­de­rung in das Amt des Regie­rungs­di­rek­tors (Besol­dungs­grup­pe A 15) aus­ge­wählt hat, nach Ein­gang des Antra­ges auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung durch Aus­hän­di­gung der Ernen­nungs­ur­kun­den zu Regie­rungs­di­rek­to­ren ernannt hat (§ 10 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 BBG). Damit ist der Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung, der dar­auf gerich­tet gewe­sen war, die Ernen­nun­gen auch die­ser aus­ge­wähl­ten Mit­be­wer­ber bis zum Abschluss des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Anord­nungs­ver­fah­rens nach § 123 VwGO zu ver­hin­dern, gegen­stands­los gewor­den.

Die­ses Vor­ge­hen ent­spricht nicht den Anfor­de­run­gen der Art.19 Abs. 4 Satz 1, Art. 33 Abs. 2 GG. Die Antrags­geg­ne­rin hat durch die Ernen­nun­gen ver­hin­dert, dass der Antrag­stel­ler effek­ti­ven Rechts­schutz zur Durch­set­zung sei­nes Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruchs in Anspruch neh­men konn­te. Eine sol­che Ver­hin­de­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes durch den Dienst­herrn hat zur Fol­ge, dass die grund­rechts­wid­rig vor­ge­nom­me­nen Ernen­nun­gen nicht nach dem Grund­satz der Ämter­sta­bi­li­tät rechts­be­stän­dig sind. Der Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch des im Aus­wahl­ver­fah­ren unter­le­ge­nen Bewer­bers geht durch die Ernen­nun­gen nicht unter, son­dern kann im Wege der Anfech­tungs­kla­ge mit dem Rechts­schutz­ziel ihrer Auf­he­bung durch das Ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter ver­folgt wer­den. Dies hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bereits aus­ge­führt 1.

Eine Rechts­schutz­ver­hin­de­rung ist nicht nur in den Fäl­len gege­ben, in denen die ein­zi­ge Plan­stel­le oder – bei meh­re­ren vor­ge­se­he­nen Beför­de­run­gen – alle Plan­stel­len durch Ernen­nung besetzt wer­den, son­dern auch dann, wenn – wie hier – der Dienst­herr noch eine Plan­stel­le unbe­setzt lässt, der Antrag­stel­ler aber die vor­läu­fi­ge Unter­sa­gung wei­te­rer Beför­de­run­gen begehrt 2.

Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes nach Art.19 Abs. 4 GG garan­tiert einen tat­säch­lich wirk­sa­men Rechts­schutz 3. Das bedeu­tet bei meh­re­ren beab­sich­tig­ten Beför­de­run­gen, z.B. wenn – wie hier – eine Beför­de­rungs­rang­lis­te nach und nach durch Beför­de­run­gen "abge­ar­bei­tet" wird, dass der Beam­te bezüg­lich aller zur Beför­de­rung kon­kret anste­hen­den Beam­ten sei­nen Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch gel­tend machen kann. Er hat einen Anspruch dar­auf, dass über jede ein­zel­ne Beför­de­rung rechts­feh­ler­frei ent­schie­den wird. Die­ser Anspruch ver­än­dert sich nicht dadurch, dass über meh­re­re Beför­de­run­gen nicht nach­ein­an­der, son­dern zusam­men ent­schie­den wird. Das gilt unab­hän­gig davon, dass der Beam­te für sich selbst letzt­lich nur eine ein­zi­ge Beför­de­rung erstrebt und erstre­ben kann. Der Antrag des Beam­ten bestimmt bei meh­re­ren zeit­gleich beab­sich­tig­ten Beför­de­run­gen, ob er die Beför­de­rung nur eines aus­ge­wähl­ten Bewer­bers oder aber meh­re­rer oder aller aus­ge­wähl­ten Bewer­ber angreift.

Der Dienst­herr ist des­halb aus Art.19 Abs. 4 GG grund­sätz­lich ver­pflich­tet, vor­läu­fig alle Beför­de­run­gen zu unter­las­sen, auf den sich der Rechts­schutz­an­trag des unbe­rück­sich­tigt geblie­be­nen Beam­ten erstreckt. Ande­res kann gel­ten, wenn der auf vor­läu­fi­ge Unter­las­sung der Beför­de­rung einer Mehr­zahl – ggfs. sogar einer Viel­zahl – von Mit­be­wer­bern gerich­te­te Rechts­schutz­an­trag sich als rechts­miss­bräuch­lich dar­stellt, weil von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen ist, dass die Beför­de­rung der Mit­be­wer­ber den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch des Antrag­stel­lers ver­letzt, und der Angriff auf eine grö­ße­re Zahl von beab­sich­tig­ten Ernen­nun­gen von Mit­be­wer­bern ersicht­lich nicht der Wah­rung des Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruchs dient, son­dern Druck auf den Dienst­herrn aus­üben soll. Soweit dem Beschluss des Senats vom 10.11.1993 – 2 ER 301/​93, Buch­holz 232 § 8 BBG Nr. 50 etwas von den vor­ste­hen­den Dar­le­gun­gen Abwei­chen­des zu ent­neh­men ist, hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hier­an nicht fest.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Novem­ber 2012 – 2 VR 5.12

  1. BVerwG, Beschluss vom 03.07.2012 – 2 VR 3.12 Rn. 3; vgl. zum Gan­zen: BVerwG, Urteil vom 04.11.2010 – 2 C 16.09, BVerw­GE 138, 102 = Buch­holz 11 Art. 33 Abs. 2 GG Nr. 47 jeweils Rn. 36 f[]
  2. vgl. auch OVG NRW, Beschlüs­se vom 12.01.2011 – 1 B 1585/​10, ZBR 2011, 275; und vom 01.10.2012 – 1 B 691/​12; OVG Wei­mar, Beschluss vom 18.06.2012 – 2 EO 961/​11, IÖD 2012, 241; OVG Saar­land, Beschluss vom 29.05.2012 – 1 B 161/​12, NVwZ-RR 2012, 692; Hess. VGH, Beschlüs­se vom 18.02.1991 – 1 TG 85/​91, NVwZ-RR 1992, 34; und vom 23.04.2012 – 1 B 2284/​11 – RiA 2012, 167; Nds. OVG, Beschluss vom 14.01.2008 – 5 ME 317/​07, NVwZ-RR 2008, 552[]
  3. vgl. BVerfG, Urteil vom 20.02.2001 – 2 BvR 1444/​00, BVerfGE 103, 142, 156, Kam­mer­be­schluss vom 09.07.2007 – 2 BvR 206/​07, NVwZ 2007, 1178, 1179; BVerwG Urteil vom 21.08.2003 – 2 C 14.02, BVerw­GE 118, 370 = Buch­holz 11 Art. 33 Abs. 2 GG Nr. 27[]