Bun­des­mi­nis­te­ri­en – und ihre NS-Ver­gan­gen­heit

Einem Jour­na­lis­ten muss Ein­sicht in ein Gut­ach­ten über die poli­ti­sche Belas­tung ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter des Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums in der NS-Zeit gewährt wer­den, soweit die Mit­ar­bei­ter bereits ver­stor­ben sind. Einen Anspruch auf Ein­sicht bezüg­lich noch leben­der Mit­ar­bei­ter hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dage­gen ver­neint.

Bun­des­mi­nis­te­ri­en – und ihre NS-Ver­gan­gen­heit

Im Rah­men der Auf­ar­bei­tung sei­ner Ver­gan­gen­heit ließ das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um zur Klä­rung der Fra­ge, ob es unter Wür­di­gung des Ver­hal­tens ehe­ma­li­ger Bediens­te­ter in der NS-Zeit ange­zeigt erscheint, die­se nach ihrem Tod mit einer Kranz­spen­de oder einem Nach­ruf zu ehren, ein wis­sen­schaft­li­ches Gut­ach­ten erstel­len. Dar­in wur­den die Lebens­läu­fe von 62 ehe­ma­li­gen Bediens­te­ten des Minis­te­ri­ums, die zum Zeit­punkt der Ver­ga­be des Gut­ach­ten­auf­trags noch leb­ten, im Hin­blick auf eine natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­gan­gen­heit unter­sucht und bewer­tet. Dem Antrag des Klä­gers, eines Jour­na­lis­ten, ihm auf der Grund­la­ge des Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes bzw. nach Maß­ga­be des pres­se­recht­li­chen Aus­kunfts­an­spruchs Ein­sicht in das 2009 fer­tig­ge­stell­te Gut­ach­ten zu gewäh­ren, ent­sprach das Minis­te­ri­um nur unter Schwärzung von Tei­len des Gut­ach­tens, soweit sie per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten betra­fen.

Die dage­gen gerich­te­te Kla­ge hat­te vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter teil­wei­se Erfolg 1: Soweit sich die im Gut­ach­ten ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen auf noch leben­de Per­so­nen bezö­gen, kom­me eine Ein­sicht wegen der Schutz­wür­dig­keit per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten nur bei Ein­wil­li­gung der Betrof­fe­nen in Betracht. Das Minis­te­ri­um sei zu einer ent­spre­chen­den Nach­fra­ge ver­pflich­tet. Hin­sicht­lich der bereits ver­stor­be­nen ehe­ma­li­gen Bediens­te­ten sei Ein­sicht in das Gut­ach­ten zu gewäh­ren, soweit die­se Per­so­nen dar­in als 'deut­lich kri­tik­wür­dig' oder 'nicht ehr­wür­dig' bezeich­net wür­den oder ihr Todes­zeit­punkt min­des­tens drei Jah­re zurück­lie­ge.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts im Ergeb­nis bestä­tigt, soweit sie die noch leben­den ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter betrifft:

Vor­be­halt­lich einer Ein­wil­li­gung der Betrof­fe­nen steht der Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten der Ein­sicht auf der Grund­la­ge des Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes zwin­gend ent­ge­gen. Soweit nach den beam­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten die vom Grund­recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung grund­sätz­lich gefor­der­te Ver­trau­lich­keit der Per­so­nal­ak­ten­da­ten zum Schutz höher­ran­gi­ger Inter­es­sen aus­nahms­wei­se durch­bro­chen und Ein­sicht gewährt wer­den kann, kommt hier dem Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Pres­se kein Vor­rang zu.

Dem­ge­gen­über geht die­ses Inter­es­se vor, soweit im Gut­ach­ten die Lebens­läu­fe bereits ver­stor­be­ner Mit­ar­bei­ter behan­delt wer­den. Der post­mor­ta­le Per­sön­lich­keits­schutz gebie­tet auch bei Wür­di­gung der Belan­ge der Hin­ter­blie­be­nen nicht, den Zugang zu die­sen Unter­la­gen wäh­rend eines Zeit­raums von drei Jah­ren nach dem Tod zu sper­ren.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Juni 2017 – 7 C 24.15

  1. OVG NRW, Urteil vom 10.08.2015 – 8 A 2410/​13[]