Das abge­schlos­se­ne Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren – und der Aus­kunfts­an­spruch der Presse

Wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig jetzt ent­schie­den hat, muss das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz einem Jour­na­lis­ten Aus­kunft aus einem abge­schlos­se­nen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren erteilen.

Das abge­schlos­se­ne Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren – und der Aus­kunfts­an­spruch der Presse

Der Kxlä­ger, ein Jour­na­list, bean­sprucht von der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Aus­kunft zu einem abge­schlos­se­nen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, das gegen einen ehe­ma­li­gen Refe­rats­lei­ter beim Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (BfV) geführt wur­de. Dem Beam­ten wur­de vor­ge­wor­fen, nach Bekannt­wer­den der rechts­ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung „Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund“ (NSU) die Ver­nich­tung von Akten ange­ord­net zu haben.

Das neun Punk­te umfas­sen­de Aus­kunfts­be­geh­ren hat­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Köln zum über­wie­gen­den Teil Erfolg [1]. Auf die Beru­fung der Bun­des­re­pu­blik hat dage­gen das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter das Aus­kunfts­be­geh­ren teil­wei­se zurück­ge­wie­sen [2]. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun die Revi­si­on der Bun­des­re­pu­blik zum ganz über­wie­gen­den Teil und die Anschluss­re­vi­si­on des Jour­na­lis­ten voll­stän­dig zurückgewiesen:

Der Aus­kunfts­an­spruch des Jour­na­lis­ten fin­det sei­ne Rechts­grund­la­ge im Per­so­nal­ak­ten­recht. Die danach gemäß § 111 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 des Bun­des­be­am­ten­ge­set­zes (BBG) erfor­der­li­che Inter­es­sen­ab­wä­gung zwi­schen dem infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mungs­recht des betrof­fe­nen Beam­ten und dem Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Pres­se fällt zuguns­ten der Pres­se aus, soweit der Jour­na­list die Fra­gen hin­rei­chend kon­kret bezeich­net hat. Eine jour­na­lis­ti­sche Rele­vanz­prü­fung fin­det dabei nicht statt; es ist Sache der Pres­se zu ent­schei­den, wel­che Infor­ma­tio­nen sie für erfor­der­lich hält, um ein bestimm­tes The­ma zum Zweck einer Bericht­erstat­tung auf­zu­be­rei­ten. Dem Aus­kunfts­an­spruch ste­hen das dis­zi­pli­nar­recht­li­che Ver­wer­tungs­ver­bot und die Pflicht zur Ver­nich­tung der Dis­zi­pli­nar­ak­te gemäß § 16 Abs. 1 und 3 des Bun­des­dis­zi­pli­nar­ge­set­zes (BDG) nicht ent­ge­gen. Sie füh­ren nicht zu einem abso­lu­ten, abwä­gungs­re­sis­ten­ten Schutz­an­spruch des betrof­fe­nen Beam­ten. Es ist nicht mög­lich, die­sen sich durch Zeit­ab­lauf ver­dich­ten­den Schutz­an­spruch unter sche­ma­ti­scher Über­nah­me sol­cher ein­fach­recht­li­chen Rege­lun­gen zu bestim­men. Die Fris­ten des Bun­des­dis­zi­pli­nar­ge­set­zes sind jedoch ein bedeut­sa­mer Fak­tor, der auf Sei­ten des Rechts der infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mung zu Guns­ten des betrof­fe­nen Beam­ten in die Inter­es­sen­ab­wä­gung ein­zu­stel­len ist.

Hier ist dem pres­se­spe­zi­fi­schen Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se ange­sichts der hohen Bedeu­tung der Auf­ar­bei­tung der Ver­bre­chen des NSU für das Gemein­we­sen ein der­art über­ra­gend gro­ßes Gewicht bei­zu­mes­sen, dass auch unter Berück­sich­ti­gung des dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Ver­wer­tungs­ver­bots und der dar­aus fol­gen­den Pflicht zur Ver­nich­tung der Dis­zi­pli­nar­ak­te eine ande­re Ent­schei­dung als die Aus­kunfts­er­tei­lung aus­ge­schlos­sen ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 13. Okto­ber 2020 – 2 C 41.18

Das abgeschlossene Disziplinarverfahren - und der Auskunftsanspruch der Presse
  1. VG Köln, Urteil vom 12.11.2015 – 6 K 5143/​14[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 20.09.2018 – 15 A 3070/​15[]

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