Das been­de­te Beam­ten­ver­hält­nis – und die Urlaubs­ab­gel­tung

Für den uni­ons­recht­li­chen Anspruch auf finan­zi­el­le Abgel­tung nicht genom­me­nen Urlaubs kommt es hin­sicht­lich des Begriffs der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses im Sin­ne von Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG nicht dar­auf an, auf wes­sen Ver­an­las­sung das Dienst­ver­hält­nis been­det wor­den ist oder in wes­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich der jewei­li­ge Been­di­gungs­grund fällt. Des­halb erfül­len sämt­li­che Been­di­gungs­grün­de der § 30 BBG und § 21 BeamtStG das Merk­mal der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses 1.

Das been­de­te Beam­ten­ver­hält­nis – und die Urlaubs­ab­gel­tung

Rechts­grund­la­ge des Anspruchs der (hier: auf ihren Antrag aus dem Beam­ten­ver­hält­nis ent­las­se­nen) ehe­ma­li­gen Beam­tin auf Abgel­tung des von ihr krank­heits­be­dingt nicht in Anspruch genom­me­nen Min­dest­jah­res­ur­laubs ist Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 04.11.2003 über bestimm­te Aspek­te der Arbeits­zeit­ge­stal­tung 2.

Nach der für die natio­na­len Gerich­te ver­bind­li­chen Aus­le­gung des Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG durch den EuGH haben auch Beam­te auf­grund die­ser nach Ablauf der Umset­zungs­frist unmit­tel­bar anwend­ba­ren Bestim­mung grund­sätz­lich einen Anspruch auf Abgel­tung des von ihnen nicht in Anspruch genom­me­nen Min­dest­jah­res­ur­laubs von vier Wochen 3. Eine Aus­nah­me vom Anwen­dungs­be­reich der RL 2003/​88/​EG nach Maß­ga­be ihres Art. 1 Abs. 3 liegt ange­sichts der Tätig­keit der Klä­ge­rin in der Per­so­nal­ver­wal­tung des BND nicht vor 4.

Die Been­di­gung des Beam­ten­ver­hält­nis­ses durch die antrags­ge­mä­ße Ent­las­sung nach § 33 BBG ist eine Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses im Sin­ne des Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on umfasst der Begriff der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses sämt­li­che Umstän­de, die die recht­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer aus dem Arbeits­ver­hält­nis, d.h. ins­be­son­de­re die Dienst­leis­tungs­pflicht des Arbeit­neh­mers sowie die Ent­gelt­pflicht des Arbeit­ge­bers, been­den, so dass der Arbeit­neh­mer kei­nen bezahl­ten Jah­res­ur­laub mehr neh­men kann 5. Da es danach für den Begriff der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses im Sin­ne von Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG nicht dar­auf ankommt, auf wes­sen Ver­an­las­sung das Dienst­ver­hält­nis been­det wor­den ist oder in wes­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich der jewei­li­ge Been­di­gungs­grund fällt, erfül­len sämt­li­che Been­di­gungs­grün­de der § 30 BBG und § 21 BeamtStG die­ses Merk­mal der Anspruchs­grund­la­ge.

Die­se Aus­le­gung ent­spricht auch dem Zweck des Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG. Nach der Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs ist der Anspruch eines Arbeit­neh­mers auf bezahl­ten Jah­res­ur­laub ein beson­ders bedeut­sa­mer Grund­satz des Sozi­al­rechts der Gemein­schaft, von dem nicht abge­wi­chen wer­den darf und den die zustän­di­gen natio­na­len Stel­len nur in den in der maß­geb­li­chen Richt­li­nie selbst aus­drück­lich gezo­ge­nen Gren­zen umset­zen dür­fen. Der Anspruch auf bezahl­ten Jah­res­ur­laub bezweckt es, dem Arbeit­neh­mer zu ermög­li­chen, sich zu erho­len und über einen Zeit­raum für Ent­span­nung und Frei­zeit zu ver­fü­gen 6. Der Anspruch auf Jah­res­ur­laub und der Anspruch auf Zah­lung des Urlaubs­ent­gelts sind zwei Aspek­te eines ein­zi­gen Anspruchs. Durch das Erfor­der­nis der Zah­lung des Urlaubs­ent­gelts soll der Arbeit­neh­mer wäh­rend des Jah­res­ur­laubs in eine Lage ver­setzt wer­den, die in Bezug auf das Ent­gelt mit den Zei­ten geleis­te­ter Arbeit ver­gleich­bar ist 7. Wird das Arbeits­ver­hält­nis been­det, ist es dem Arbeit­neh­mer nicht mehr mög­lich, tat­säch­lich bezahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men. Um zu ver­hin­dern, dass dem Arbeit­neh­mer wegen die­ser Unmög­lich­keit jeder Genuss des Anspruchs auf bezahl­ten Jah­res­ur­laub, selbst in finan­zi­el­ler Form, ver­wehrt wird, sieht Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG vor, dass der Arbeit­neh­mer Anspruch auf eine finan­zi­el­le Ver­gü­tung hat 8.

Der Ein­ho­lung einer Vor­ab­ent­schei­dung des EuGH nach Art. 267 Abs. 3 AEUV zur Fra­ge, ob auch die antrags­ge­mä­ße Ent­las­sung einer Beam­tin nach § 33 BBG als eine Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses im Sin­ne von Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG anzu­se­hen ist, bedarf es nach den Vor­ga­ben des Uni­ons­ge­richts­hofs 9 nicht. Aus­ge­hend von der Recht­spre­chung des EuGH zu dem aus Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG abge­lei­te­ten Abgel­tungs­an­spruch ist die rich­ti­ge Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts der­art offen­kun­dig, dass kei­ner­lei Raum für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel an der Beant­wor­tung der Fra­ge bleibt.

Weder aus dem Uni­ons­recht noch aus den inner­staat­li­chen beam­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten ergab sich für die bis zu ihrer Ent­las­sung durch­ge­hend dienst­un­fä­hig erkrank­te (ehe­ma­li­ge) Beam­tin die Oblie­gen­heit, ihren Ent­las­sungs­an­trag nach § 33 BBG so weit hin­aus­zu­schie­ben, dass sie ihren Min­dest­ur­laub im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 RL 2003/​88/​EG noch wäh­rend ihres akti­ven Diens­tes neh­men konn­te. Es bleibt bei der gesetz­li­chen Rege­lung des § 33 Abs. 2 Satz 1 BBG, wonach die Ent­las­sung jeder­zeit ver­langt wer­den kann.

Der uni­ons­recht­li­che Abgel­tungs­an­spruch nach Art. 7 Abs. 2 RL 2003/​88/​EG ist aber auf den Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wochen nach Art. 7 Abs. 1 RL 2003/​88/​EG beschränkt. Die Arbeits­zeit­richt­li­nie stellt ledig­lich Min­dest­vor­schrif­ten für Sicher­heit und Gesund­heits­schutz auf und über­lässt es den Mit­glied­staa­ten, den Beam­ten wei­ter­ge­hen­de Ansprü­che auf Urlaub und des­sen Abgel­tung ein­zu­räu­men 10. Für den Anspruch auf Abgel­tung des nicht genom­me­nen Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laubs nach § 125 Abs. 1 Satz 1 SGB IX bie­tet das inner­staat­li­che Recht für Beam­te kei­ne Grund­la­ge. § 7 Abs. 4 BUr­lG, der nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts Grund­la­ge auch für die Abgel­tung die­ses Urlaubs ist 11, ist auf Beam­te nicht anwend­bar 12.

Berech­nung der Urlaubs­ab­gel­tung

Bei der Berech­nung des Betrags, der dem Beam­ten für jeden nicht genom­me­nen Urlaubs­tag als Abgel­tung zusteht, ist auf die Besol­dung abzu­stel­len, die der Beam­te in den letz­ten drei Mona­ten vor der Been­di­gung des akti­ven Beam­ten­ver­hält­nis­ses erhal­ten hat. Der Beschäf­tig­te soll das Arbeits­ent­gelt erhal­ten, das er bekom­men hät­te, wenn er den Urlaub wäh­rend sei­ner akti­ven Dienst­zeit genom­men hät­te 13.

Ver­zugs­zin­sen

Anspruch auf Zah­lung von Ver­zugs­zin­sen hat die Klä­ge­rin nicht. Denn einen all­ge­mei­nen Grund­satz, der zur Zah­lung von Ver­zugs­zin­sen im öffent­li­chen Recht ver­pflich­tet, gibt es nicht 14.

Sofern, wie hier, das ein­schlä­gi­ge Fach­recht kei­ne abwei­chen­den Rege­lun­gen ent­hält, kön­nen aller­dings nach den auch im Ver­wal­tungs­pro­zess anwend­ba­ren Vor­schrif­ten des § 291 Satz 1 i.V.m. § 288 Abs. 1 Satz 2 BGB Rechts­hän­gig­keits­zin­sen ver­langt wer­den. Hin­sicht­lich des Anspruchs auf finan­zi­el­le Abgel­tung des nicht genom­me­nen Min­dest­jah­res­ur­laubs sind auch die Vor­aus­set­zun­gen für die Zah­lung von Rechts­hän­gig­keits­zin­sen erfüllt 15. Die­se Geld­schuld ist in der Wei­se kon­kre­ti­siert, dass ihr Umfang rech­ne­risch unzwei­fel­haft ermit­telt wer­den kann.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. April 2014 – 2 A 8.2013 -

  1. im Anschluss an BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 2 C 10.12, NVwZ 2013, 1295[]
  2. ABl EU Nr. L 299 S. 9; im Fol­gen­den: RL 2003/​88/​EG[]
  3. EuGH, Urteil vom 03.05.2012 – C- 337/​10, Nei­del, ABl.EU 2012, Nr. C 174 S. 4 = NVwZ 2012, 688; BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 2 C 10.12, NVwZ 2013, 1295 Rn. 10 ff.[]
  4. BVerwG, Urteil vom 15.12 2011 – 2 C 41.10, Buch­holz 240 § 50a BBesG Nr. 1 Rn.20[]
  5. EuGH, Urtei­le vom 20.01.2009 – C- 350/​06 und C- 520/​06, Schultz-Hoff, Slg. 2009, I‑179 Rn. 56; und vom 03.05.2012 a.a.O. Rn. 29; BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 a.a.O. Rn. 12[]
  6. EuGH, Urtei­le vom 20.01.2009 a.a.O. Rn. 22 f. und 54; und vom 03.05.2012 a.a.O. Rn. 28 jeweils m.w.N.[]
  7. EuGH, Urtei­le vom 16.03.2006 – C- 131/​04 und – C‑257/​04, Robin­son-Stee­le, Slg. 2006, I‑2531 Rn. 58; und vom 20.01.2009 a.a.O. Rn. 60[]
  8. EuGH, Urtei­le vom 20.01.2009 a.a.O. Rn. 56; und vom 03.05.2012 a.a.O. Rn. 29[]
  9. EuGH, Urteil vom 06.10.1982 – C- 283/​81, Cil­fit, Slg. 1982, 3417, 3426 Rn. 16, stRspr[]
  10. EuGH, Urteil vom 03.05.2012 a.a.O. Rn. 35 f.[]
  11. BAG, Urteil vom 23.03.2010 – 9 AZR 128/​09BAGE 134, 1 Rn. 73 und 85[]
  12. BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 a.a.O. Rn. 8[]
  13. BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 a.a.O. Rn. 24 ff.[]
  14. BVerwG, Urtei­le vom 15.03.1989 – 7 C 42.87, BVerw­GE 81, 312, 317 f. = Buch­holz 11 Art. 104a GG Nr. 7 S. 6 f.; vom 18.05.1994 – 11 A 1.92, BVerw­GE 96, 45, 59 = Buch­holz 11 Art. 104a GG Nr. 11 S. 12; vom 24.01.2007 – 3 A 2.05, BVerw­GE 128, 99 = Buch­holz 11 Art. 104a GG Nr.20, jeweils Rn. 63; vom 28.06.2011 – 2 C 40.10 – USK 2011, 147 Rn. 11; und vom 26.07.2012 – 2 C 29.11, BVerw­GE 143, 381 = Buch­holz 237.4 § 76 HmbBG Nr. 3, jeweils Rn. 46 f.[]
  15. BVerwG, Urteil vom 26.07.2012 a.a.O. Rn. 47[]