Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren wegen Über­zah­lung von Bei­hil­fe

Liegt die Ursa­che einer Über­zah­lung im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Dienst­herrn, so bedarf ein dis­zi­pli­nar­recht­li­ches Ein­schrei­ten gegen den Emp­fän­ger einer zusätz­li­chen Recht­fer­ti­gung. Der sich aus der feh­len­den Kon­trol­le eines Bei­hil­fe­be­schei­des und der Kon­to­aus­zü­ge erge­ben­de Vor­wurf gro­ber Fahr­läs­sig­keit, der Grund­la­ge einer beam­ten­recht­li­chen Rück­for­de­rung ist, reicht dazu für sich genom­men nicht aus.

Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren wegen Über­zah­lung von Bei­hil­fe

Auf­grund der beam­ten­recht­li­chen Treue­pflicht gehört es zu den Pflich­ten eines Beam­ten, einen Bei­hil­fe­be­scheid dahin­ge­hend zu über­prü­fen, ob ihm Leis­tun­gen ver­se­hent­lich zu Unrecht gewährt wor­den sind 1. Er hat inso­weit nicht nur – im Hin­blick auf eine spä­te­re Rück­for­de­rung – eine Sorg­falts­pflicht in eige­nen Belan­gen zu wah­ren, son­dern auch die Ver­mö­gens­in­ter­es­sen des Dienst­herrn zu ver­tre­ten 2.

Die Pflicht­ver­let­zung des Beam­ten über­schrei­tet jedoch nicht die zur Beja­hung eines Dienst­ver­ge­hens erfor­der­li­che Erheb­lich­keits­schwel­le 3. Dazu ist es erfor­der­lich, dass der Ver­stoß des jewei­li­gen Beam­ten ein gewis­ses Gewicht hat 4. Zwar hät­te die Über­zah­lung schon auf­grund ihrer Höhe dem Beam­ten ohne wei­te­res auf­fal­len kön­nen und müs­sen. Auch muss er sich die man­geln­de Auf­merk­sam­keit sei­ner Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die er wäh­rend sei­ner Abwe­sen­heit mit der Kon­trol­le der ein­ge­hen­den Post betraut hat­te, zurech­nen las­sen. Der sich dar­aus erge­ben­de Vor­wurf grob fahr­läs­si­gen Han­delns ist für sich genom­men jedoch nicht geeig­net, die Dis­zi­pli­nar­wür­dig­keit der unter­las­se­nen Anzei­ge der Über­zah­lung zu begrün­den, wie dies etwa der Fall wäre, wenn der Beam­te die Über­zah­lung durch feh­ler­haf­te Anga­ben selbst in Gang gesetzt und dadurch die Wahr­heits­pflicht ver­letzt hät­te 5. Liegt die Ursa­che der Über­zah­lung dem­ge­gen­über – wie hier – im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Dienst­herrn, so bedarf ein dis­zi­pli­nar­recht­li­ches Ein­schrei­ten einer zusätz­li­chen Recht­fer­ti­gung. Das wäre bei­spiels­wei­se dann der Fall, wenn der Beam­te die Über­zah­lung bemerkt und es dar­auf ankom­men lässt, ob der Feh­ler auch von der zustän­di­gen Behör­de ent­deckt wird und die­se eine Rück­for­de­rung ver­an­lasst. Ande­ren­falls ist der Rechts­ord­nung mit der Rück­zah­lung des über­zahl­ten Betra­ges grund­sätz­lich hin­rei­chend Genü­ge getan. Die Annah­me gro­ber Fahr­läs­sig­keit sperrt in die­sem Zusam­men­hang ledig­lich die Beru­fung auf die Ein­re­de der Ent­rei­che­rung; eine zusätz­li­che – dis­zi­pli­nar­recht­lich zu ahn­den­de – Pflicht­wid­rig­keit ist damit nicht ver­bun­den 6. Stellt man in die­sen Fäl­len für die Fra­ge der Dis­zi­pli­nar­wür­dig­keit dar­auf ab, dass ein hoher Scha­den und ein "ekla­tan­ter" Fall einer unter­las­se­nen Prü­fung vor­lie­gen muss 7, so bestand im vor­lie­gen­den Fall kein Anlass für ein dis­zi­pli­nar­recht­li­ches Ein­schrei­ten. Der Über­zah­lungs­be­trag ist im Hin­blick auf die bean­trag­te Bei­hil­fe hoch und auch die abso­lu­te Höhe der Über­zah­lung ist beträcht­lich. Ein Fall einer "ekla­tan­ten" Pflicht­wid­rig­keit ist jedoch ange­sichts des Aus­lands­auf­ent­hal­tes des Beam­ten und der Betrau­ung sei­ner Ver­wand­ten mit der Öff­nung der Post im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall nicht gege­ben. Ein Vor­wurf, der über den der in der­ar­ti­gen Fäl­len typi­scher­wei­se ange­nom­me­nen gro­ben Fahr­läs­sig­keit hin­aus­geht, kann nicht erho­ben wer­den. Es fehlt mit­hin an der für die Annah­me eines Dienst­ver­ge­hens erfor­der­li­chen Über­schrei­tung der Erheb­lich­keits­schwel­le durch die Pflicht­ver­let­zung des Beam­ten. Dar­aus ergibt sich die Rechts­wid­rig­keit des aus­ge­spro­che­nen Ver­wei­ses.

Unab­hän­gig davon ist die ergrif­fe­ne Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me auch nicht zweck­mä­ßig. Das Ver­wal­tungs­ge­richt prüft bei der Kla­ge gegen eine Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung neben der Recht­mä­ßig­keit auch die Zweck­mä­ßig­keit der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung (§ 55 Abs. 3 Satz 1 NDiszG). Fehlt es an der Zweck­mä­ßig­keit der ver­häng­ten Maß­nah­me, hebt das Ver­wal­tungs­ge­richt die Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung auf (§ 55 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 NDiszG).

Die Zweck­mä­ßig­keit setzt die Erfor­der­lich­keit eines dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Ein­schrei­tens vor­aus. Die­se ist bei der (grob) fahr­läs­si­gen Ent­ge­gen­nah­me einer Über­zah­lung als sol­cher grund­sätz­lich nicht gege­ben. Viel­mehr müs­sen zusätz­li­che Gesichts­punk­te hin­zu­tre­ten, die eine dis­zi­pli­nar­recht­li­che Ahnung erfor­der­lich machen. Sol­che Gesichts­punk­te sind vor­lie­gend indes nicht gege­ben. Es ist im Gegen­teil zu Guns­ten des Beam­ten zu berück­sich­ti­gen, dass er sich nicht etwa durch Ein­le­gung eines Wider­spruchs gegen die Rück­for­de­rung gewehrt, son­dern die über­zahl­te Bei­hil­fe in einer Sum­me voll­stän­dig zurück­ge­zahlt hat. Dies ist auch des­halb her­vor­zu­he­ben, weil bereits das Anhö­rungs­schrei­ben der J. vom 06.03.20…, die die Über­zah­lung ver­ur­sacht hat, in einem befremd­li­chen und für ein behörd­li­ches Anhö­rungs­schrei­ben in die­sem Ver­fah­rens­sta­di­um unan­ge­mes­sen vor­wurfs­vol­len Ton ver­fasst wor­den ist. Ledig­lich als Reak­ti­on auf die­se Vor­ge­hens­wei­se ist das vom Beklag­ten bemän­gel­te Schrei­ben des Beam­ten vom 16.03.20… zu sehen, in dem die­ser sich gegen die erho­be­nen Vor­wür­fe ver­wahrt hat. Feh­len­de Ein­sicht kann dar­aus nicht geschlos­sen wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re auch für das Ansin­nen des Beam­ten, ihm bei den Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten ent­ge­gen­zu­kom­men, da er sich nicht in der Lage sehe, den zurück­ge­for­der­ten Betrag in einer Sum­me zurück­zu­zah­len. Damit hat der Beam­te ledig­lich eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung ein­ge­for­dert, zu der der Dienst­herr ohne­hin bereits kraft Geset­zes ver­pflich­tet war 8. Auf einer Redu­zie­rung des zurück­zu­zah­len­den Betra­ges im Wege der Bil­lig­keit hat er hin­ge­gen nicht bestan­den 9.

Soweit dem Beam­ten vor­ge­wor­fen wird, die Mög­lich­keit der Kon­trol­le des Bei­hil­fe­be­schei­des durch sei­ne Ehe­frau und sei­nen Sohn im Lau­fe des Ver­fah­rens wider­sprüch­lich dar­ge­stellt zu haben, ver­mag das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt dar­aus kei­nen ent­schei­den­den Gesichts­punkt für das Erfor­der­nis eines dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Ein­schrei­tens her­zu­lei­ten. Es ist ohne wei­te­res nach­voll­zieh­bar, dass der Beam­te die Erwar­tung hat­te, sei­ne Ehe­frau oder sein Sohn wür­den etwai­ge offen­kun­di­ge Feh­ler bemer­ken. In wel­chem Umfang sie dazu in der Lage waren, ist letzt­lich nicht von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Dass der Beam­te sich etwai­ge Feh­ler sei­ner Fami­li­en­mit­glie­der im Hin­blick auf sei­ne Ver­pflich­tung zur Rück­erstat­tung des über­zahl­ten Betra­ges zurech­nen las­sen muss, wur­de bereits aus­ge­führt.

Letzt­lich hat der Beam­te im vor­lie­gen­den Fall sogar wirt­schaft­li­che Nach­tei­le in Kauf genom­men, um die Ange­le­gen­heit rasch zu been­den. Ob es sich dabei um soge­nann­te Straf­zin­sen für die vor­zei­ti­ge Abhe­bung von einem Spar­buch han­del­te oder sogar um deut­lich höhe­re Über­zie­hungs­zin­sen, spielt in die­sem Zusam­men­hang kei­ne ent­schei­den­de Rol­le. In bei­den Fäl­len wird der Wil­le des Beam­ten erkenn­bar, die Situa­ti­on zügig zu berei­ni­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt davon über­zeugt, dass sich der Beam­te das beam­ten­recht­li­che Rück­for­de­rungs­ver­fah­ren zur War­nung die­nen lässt und dass er zukünf­tig die ihm in bei­hil­fe­recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten oblie­gen­den Sorg­falts­pflich­ten bean­stan­dungs­frei wahr­neh­men wird. Eine dis­zi­pli­nar­recht­li­che Ahn­dung ist des­halb nicht erfor­der­lich. Dies gilt auch im Hin­blick auf die gene­ral­prä­ven­ti­ve (abschre­cken­de) Wir­kung einer Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me, da ein ver­gleich­ba­res Ver­hal­ten bei ande­ren Beam­ten ein dis­zi­pli­nar­recht­li­ches Ein­schrei­ten eben­falls nicht erfor­dert.

Aus den vor­ge­nann­ten Grün­den bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob die Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung wegen feh­len­der Zweck­mä­ßig­keit schon des­halb auf­zu­he­ben ist, weil der Beam­te zwi­schen­zeit­lich in den Ruhe­stand getre­ten ist und § 6 Abs. 2 NDiszG gegen­über einem Ruhe­stands­be­am­ten die Ertei­lung eines Ver­wei­ses nicht mehr vor­sieht 10. Die damit ein­her­ge­hen­de Fra­ge­stel­lung, auf wel­chen Zeit­punkt bei der Beur­tei­lung der Zweck­mä­ßig­keit einer Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me abzu­stel­len ist, kann im vor­lie­gen­den Fall mit­hin eben­falls auf sich beru­hen.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 24. Juni 2014 – 20 BD 1/​14

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11 11; Urteil vom 13.11.1986 – BVerwG 2 C 29.84 12[]
  2. vgl. Bieler/​Lukat, Nie­der­säch­si­sches Dis­zi­pli­nar­ge­setz, Lose­blatt, Stand: Juni 2010, Einl. B, Rdnr. 38[]
  3. vgl. dazu für die Fäl­le der Schlecht­leis­tung bereits Nds. OVG, Urteil vom 28.01.2014 – 20 LD 10/​13. 57 ff.[]
  4. vgl. VG Osna­brück, Urteil vom 23.11.2009 – 9 A 5/​09 49, unter Ver­weis auf BVerfG, Beschluss vom 22.05.1975 – 2 BvL 13/​73 45; vgl. auch OVG Berl.-Bbg., Urteil vom 21.02.2013 – OVG 81 D 2.10 80[]
  5. vgl. dazu: BVerwG, Urteil vom 12.09.2000 – BVerwG 1 D 48.98 25 ff.[]
  6. anders in der Sache wohl Bay. VGH, Beschluss vom 10.06.2013 – 16a DZ 12.433 5[]
  7. vgl. VG Osna­brück, Urteil vom 23.11.2009, a. a. O., Rdnr. 50[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 24.09.2013 – 2 C 52.11 28[]
  9. vgl. dazu: BVerwG, Urteil vom 26.04.2012, a. a. O., Rdnr.20; Nds. OVG, Beschluss vom 24.07.2013 – 5 LB 85/​13 36[]
  10. vgl. dazu OVG NRW, Urteil vom 19.09.2007 – 21d A 3600/​06; VG Trier, Urteil vom 22.02.2013 – 4 K 720/​12.TR[]