Das ver­spä­te­tet ein­ge­lei­te­te Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Lie­gen zurei­chen­de tat­säch­li­che Anhalts­punk­te vor, die den Ver­dacht eines Dienst­ver­ge­hens recht­fer­ti­gen, ist der Dienst­herr ver­pflich­tet, zeit­nah ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten. Ihn trifft die Pflicht, Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen gemäß dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz stu­fen­wei­se durch ange­mes­se­ne Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men zu ahn­den. Unter­bleibt dies, ist das bei der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me mil­dernd zu berück­sich­ti­gen.

Das ver­spä­te­tet ein­ge­lei­te­te Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Mit der hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­de­nen Dis­zi­pli­nark­la­ge leg­te der Dienst­herr der Kreis­be­am­tin u.a. zur Last, in der Zeit von Janu­ar 2013 bis Janu­ar 2015 ent­ge­gen dienst­li­chen Wei­sun­gen des Vor­ge­setz­ten in min­des­tens fünf Fäl­len unent­schul­digt nicht zu dienst­li­chen Ter­mi­nen erschie­nen zu sein, außer­dem in zahl­rei­chen Fäl­len dienst­in­ter­ne Kor­re­spon­denz an außer­halb der Kreis­ver­wal­tung ste­hen­de Drit­te wei­ter­ge­lei­tet zu haben und sich in E‑Mails in despek­tier­li­cher, illoya­ler und zum Teil ver­ächt­li­cher Form über Kol­le­gen geäu­ßert zu haben. Ein­ge­lei­tet hat­te der Land­kreis das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen die Beam­tin im April 2014.

Auf die Dis­zi­pli­nark­la­ge ist die Beam­tin im vor­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren aus dem Beam­ten­ver­hält­nis ent­fernt wor­den1. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat zur Begrün­dung im Wesent­li­chen aus­ge­führt, die Beam­tin habe ein inner­dienst­li­ches Dienst­ver­ge­hen began­gen, indem sie schuld­haft gegen ihr oblie­gen­de Dienst­pflich­ten, ins­be­son­de­re zum Erschei­nen bei Dienst­ter­mi­nen und zum inner­dienst­li­chen Wohl­ver­hal­ten, ver­sto­ßen habe. Dadurch habe sie das Ver­trau­en des Dienst­herrn und der All­ge­mein­heit unwi­der­ruf­lich zer­stört. Zum 1.11.2018 setz­te der Dienst­herr die Beam­tin antrags­ge­mäß wegen dau­ern­der Dienst­un­fä­hig­keit vor­zei­tig zur Ruhe. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auf die Revi­si­on der Beam­tin die Urtei­le der Vor­in­stan­zen auf­ge­ho­ben und kraft eige­ner dis­zi­pli­na­rer Maß­nah­me­be­mes­sung das monat­li­che Ruhe­ge­halt der Beam­tin für drei Jah­re um ein Fünf­tel gekürzt:

Die Beam­tin habe zwar, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, ein schwe­res Dienst­ver­ge­hen began­gen, vor allem weil sie über einen län­ge­ren Zeit­raum wie­der­holt dienst­li­che Anord­nun­gen nicht befolgt hat (ins­be­son­de­re durch das Nicht­er­schei­nen zu Ter­mi­nen), aber auch weil sie dar­über hin­aus viel­fach die Pflicht zu inner­dienst­li­chem Wohl­ver­hal­ten ver­letzt hat. Die dis­zi­pli­na­re Höchst­maß­nah­me – bei einer Ruhe­stands­be­am­tin die Aberken­nung des Ruhe­ge­halts – ist aber nicht gerecht­fer­tigt. Denn mil­dernd ist zu berück­sich­ti­gen, dass das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen die Beam­tin wesent­lich zu spät ein­ge­lei­tet wor­den ist. Der Dienst­herr hät­te bereits nach der ers­ten dis­zi­pli­nar­wür­di­gen Dienst­pflicht­ver­let­zung das behörd­li­che Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­lei­ten und auf die­se mit einer eige­nen Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me oder der Erhe­bung der Dis­zi­pli­nark­la­ge reagie­ren müs­sen. Im Streit­fall wäre in Betracht gekom­men, dass der Dienst­herr auf die zeit­lich gestreckt auf­ge­tre­te­nen Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen zunächst dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ge­bot ent­spre­chend durch nie­der­schwel­li­ge dis­zi­pli­na­re Maß­nah­men – etwa durch Ver­weis nach dem unent­schul­dig­ten Nicht­er­schei­nen zu einem Dienst­ter­min – auf die Beam­tin pflich­ten­mah­nend ein­wirkt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 15. Novem­ber 2018 – 2 C 60.17

  1. VG Müns­ter, Urteil vom 18.02.2016 – 13 K 1959/​15.O; OVG NRW, Urteil vom 09.11.2016 – 3d A 641/​16.O []