Degra­die­rung auf einen Dienst­grad für tadel­freie Führung

Einer Degra­die­rung in den Dienst­grad eines Stabs­un­ter­of­fi­ziers der Besol­dungs­grup­pe A 7 steht nicht ent­ge­gen, dass die­se Besol­dungs­grup­pe Sol­da­ten vor­be­hal­ten wäre, die sich durch beson­de­re Leis­tun­gen und tadel­freie Füh­rung beson­ders aus­ge­zeich­net hät­ten [1].

Degra­die­rung auf einen Dienst­grad für tadel­freie Führung

Bei der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ist von der von Ver­fas­sungs wegen allein zuläs­si­gen Zweck­set­zung des Wehr­dis­zi­pli­nar­rechts aus­zu­ge­hen. Die­se besteht aus­schließ­lich dar­in, dazu bei­zu­tra­gen, einen ord­nungs­ge­mä­ßen Dienst­be­trieb wie­der­her­zu­stel­len und/​oder auf­recht­zu­er­hal­ten [2]. Bei Art und Maß der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me sind nach § 58 Abs. 7 i.V.m. § 38 Abs. 1 WDO Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens und sei­ne Aus­wir­kun­gen, das Maß der Schuld, die Per­sön­lich­keit, die bis­he­ri­ge Füh­rung und die Beweg­grün­de des Sol­da­ten zu berück­sich­ti­gen. Hier­nach ist bei dem Sol­da­ten, der kein Berufs­sol­dat ist, die Her­ab­set­zung in den Dienst­grad eines Stabs­un­ter­of­fi­ziers gebo­ten (§ 58 Abs. 1 Nr. 4 i.V.m. § 62 Abs. 1 Satz 4 WDO).

Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens bestim­men sich nach dem Unrechts­ge­halt der Ver­feh­lun­gen, d.h. nach der Bedeu­tung der ver­letz­ten Dienst­pflich­ten. Danach wiegt das Dienst­ver­ge­hen schwer.

Bei der kon­kre­ten Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me geht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­ner gefes­tig­ten Recht­spre­chung von einem zwei­stu­fi­gen Prü­fungs­sche­ma aus [3]:

Auf der ers­ten Stu­fe bestimmt er im Hin­blick auf das Gebot der Gleich­be­hand­lung ver­gleich­ba­rer Fäl­le sowie im Inter­es­se der rechts­staat­lich gebo­te­nen Rechts­si­cher­heit und Vor­aus­seh­bar­keit der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me eine Regel­maß­nah­me für die in Rede ste­hen­de Fall­grup­pe als „Aus­gangs­punkt der Zumessungserwägungen“.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist bei bru­ta­len, kör­per­li­chen Miss­hand­lun­gen durch Sol­da­ten in Vor­ge­setz­ten­stel­lung im außer­dienst­li­chen Bereich in aller Regel eine Dienst­grad­her­ab­set­zung als ange­mes­se­ne Maß­nah­me betrach­tet wor­den [4]. Jeden­falls bei einer außer­dienst­li­chen Kör­per­ver­let­zung, bei der auch die qua­li­fi­zie­ren­den Tat­be­stands­merk­ma­le nach den §§ 224 bis 227 StGB erfüllt sind, kann sie bis in einen Mann­schafts­dienst­grad rei­chen [5].

uf der zwei­ten Stu­fe ist zu prü­fen, ob im kon­kre­ten Ein­zel­fall im Hin­blick auf die in § 38 Abs. 1 WDO nor­mier­ten Bemes­sungs­kri­te­ri­en und die Zweck­set­zung des Wehr­dis­zi­pli­nar­rechts Umstän­de vor­lie­gen, die die Mög­lich­keit einer Mil­de­rung oder die Not­wen­dig­keit einer Ver­schär­fung gegen­über der auf der ers­ten Stu­fe in Ansatz gebrach­ten Regel­maß­nah­me eröff­nen. Dabei ist vor allem ange­sichts der Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens sowie des­sen Aus­wir­kun­gen zu klä­ren, ob es sich im Hin­blick auf die be- und ent­las­ten­den Umstän­de um einen schwe­ren, mitt­le­ren oder leich­ten Fall der schuld­haf­ten Pflicht­ver­let­zung han­delt. Liegt kein mitt­le­rer, son­dern ein höhe­rer bzw. nied­ri­ge­rer Schwe­re­grad vor, ist gegen­über dem Aus­gangs­punkt der Zumes­sungs­er­wä­gun­gen die zu ver­hän­gen­de Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nach „oben“ bzw. nach „unten“ zu modi­fi­zie­ren. Dabei sind die gesetz­lich nor­mier­ten Bemes­sungs­kri­te­ri­en für die Bestim­mung der kon­kre­ten Sank­ti­on zu gewich­ten, wenn die Maß­nah­me­art, die den Aus­gangs­punkt der Zumes­sungs­er­wä­gun­gen bil­det, den Wehr­dienst­ge­rich­ten einen Spiel­raum eröff­net [6].

Dass der Sol­dat wegen der Pflicht­ver­let­zung bereits straf­recht­lich; und vom Straf­maß her mode­rat belangt wur­de, begrün­det kei­nen Umstand, der es recht­fer­tig­te, von der regel­mä­ßig zu ver­hän­gen­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me­art abzu­se­hen. Weder § 16 Abs. 1 WDO noch § 17 Abs. 2 bis 4 WDO ver­lan­gen dies. Steht im Ein­zel­fall § 16 WDO der Zuläs­sig­keit des Aus­spruchs einer Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nicht ent­ge­gen, ist die Art oder Höhe einer Kri­mi­nal­stra­fe oder sons­ti­gen Straf­sank­ti­on für die Gewich­tung der Schwe­re des sach­glei­chen Dienst­ver­ge­hens regel­mä­ßig nicht von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung. Straf­ver­fah­ren und Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ver­fol­gen unter­schied­li­che Zwe­cke. Die Kri­mi­nal­stra­fe unter­schei­det sich nach Wesen und Zweck grund­le­gend von der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me. Wäh­rend ers­te­re neben Abschre­ckung und Bes­se­rung der Ver­gel­tung und Süh­ne für began­ge­nes Unrecht gegen den all­ge­mei­nen Rechts­frie­den dient, ist die dis­zi­pli­na­ri­sche Ahn­dung dar­auf aus­ge­rich­tet, unter Beach­tung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes einen geord­ne­ten und inte­gren Dienst­be­trieb auf­recht­zu­er­hal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len [7].

Den im vor­lie­gen­den Fall gewich­ti­gen, für den Sol­da­ten spre­chen­den Aspek­ten in Gestalt der Nach­be­wäh­rung, der Bereit­schaft, an den Geschä­dig­ten frei­wil­lig Schmer­zens­geld zu zah­len, einer beson­de­ren Aus­zeich­nung bei kon­kre­tem Hin­ter­grund (Gefechts­me­dail­le), des Per­sön­lich­keits­frem­den der Tat und der fak­tisch ent­gan­ge­nen Beför­de­rung ist indes dadurch Rech­nung zu tra­gen, dass der recht­li­che Rah­men der bis in den Mann­schafts­dienst­grad mög­li­chen Dienst­grad­her­ab­set­zung nicht aus­ge­schöpft wird. Sie füh­ren dazu, dass die Her­ab­set­zung im Dienst­grad zum einen auf einen Dienst­grad zu begren­zen ist [8] und dem Sol­da­ten zum ande­ren wei­ter­hin die Besol­dungs­grup­pe A 7 zuzu­wei­sen ist.

Soweit das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt – zuletzt mit Urteil vom 24.05.2012 – [9] – den Rechts­stand­punkt bezo­gen hat, einen Unter­of­fi­zier mit Por­te­pee in die Besol­dungs­grup­pe A 7 her­ab­zu­set­zen ver­bie­te sich, weil die Ein­wei­sung in die­se Besol­dungs­grup­pe Sol­da­ten vor­be­hal­ten blei­ben müs­se, die sich wegen ihrer dienst­li­chen Leis­tun­gen und ihrer tadel­frei­en Füh­rung beson­ders her­vor­ge­tan hät­ten, hält er dar­an nicht fest. Die die­ser Rechts­an­sicht zugrun­de lie­gen­de Tat­sa­chen­grund­la­ge trägt nicht mehr, nach­dem gerichts­be­kannt gewor­den ist, dass Stabs­un­ter­of­fi­zie­re regel­mä­ßig und ohne den Nach­weis beson­de­rer Leis­tun­gen in die Besol­dungs­grup­pe A 7 beför­dert werden.

Weder § 62 Abs. 1 Satz 4 WDO noch § 62 Abs. 2 Satz 2 WDO schlie­ßen eine Degra­die­rung zum Stabs­un­ter­of­fi­zier der Besol­dungs­grup­pe A 7 aus. Viel­mehr war es Zweck der Ein­fü­gung von § 62 Abs. 2 Satz 4 WDO durch Arti­kel 1 des Zwei­ten Geset­zes zur Neu­ord­nung des Wehr­dis­zi­pli­nar­rechts und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten (2. Wehr­DiszNOG) [10], die bis dahin gel­ten­de gesetz­li­che Vor­ga­be einer zwin­gen­den Her­ab­set­zung in die nied­ri­ge­re von zwei Besol­dungs­grup­pen eines Dienst­gra­des auf­zu­ge­ben und den Wehr­dienst­ge­rich­ten die durch die Umstän­de des Ein­zel­fal­les bestimm­te Ent­schei­dung dar­über zu über­tra­gen, in wel­che Besol­dungs­grup­pe eines Dienst­gra­des der Sol­dat zurück­zu­tre­ten habe [11]. Für die Annah­me eines Ver­bo­tes der Her­ab­set­zung in die höhe­re von zwei Besol­dungs­grup­pen eines Dienst­gra­des bie­tet das Gesetz des­halb kei­ne Anhaltspunkte.

Das ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te Schuld­prin­zip ver­langt, die Sank­ti­on tat- und schuld­an­ge­mes­sen fest­zu­set­zen. Ist hier­nach unter Berück­sich­ti­gung des Gewichts von Tat und Schuld die Her­ab­set­zung in die höhe­re Besol­dungs­grup­pe eines nied­ri­ge­ren Dienst­gra­des gebo­ten, wider­sprä­che es dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz, statt­des­sen in die nied­ri­ge­re Besol­dungs­grup­pe des nied­ri­ge­ren Dienst­gra­des zu degra­die­ren. Der aus dem Rechts­staats­prin­zip abzu­lei­ten­de und auch für das Dis­zi­pli­nar­recht gel­ten­de Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz ver­bie­tet nament­lich, eine schwe­re­re Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me als die nach den Bemes­sungs­fak­to­ren des § 38 Abs. 1 WDO gebo­te­ne und damit indi­vi­du­el­ler Schuld ent­spre­chen­de zu ver­hän­gen [12]; BVerfG, Beschluss vom 18.01.2008 – 2 BvR 313/​07, NVwZ 2008, S. 669 f.)).

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 24. April 2014 – 2 WD 39.12

  1. Ände­rung der Recht­spre­chung; vgl. BVerwG, Urteil vom 24.05.2012 – 2 WD 18.11[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 11.06.2008 – 2 WD 11.07, Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 26 m.w.N. 23[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 10.02.2010 – 2 WD 9.09 35 ff.[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 07.02.2013 – 2 WD 36.12, Rn. 57 m.w.N.[]
  5. BVerwG, Urteil vom 24.05.2012 – 2 WD 18.11, Rn. 32[]
  6. BVerwG, Urteil vom 20.03.2014 – 2 WD 5.13, Rn. 89[]
  7. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.03.2014 a.a.O. Rn. 91 m.w.N.[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 07.02.2013 – 2 WD 36.12, Rn. 60[]
  9. BVerwG 2 WD 18.11 Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr 37 34 m.w.N.[]
  10. vom 16.08.2001, BGBl I S.2093[]
  11. vgl. die Geset­zes­be­grün­dung BR-Drs. 463/​00, S. 55[]
  12. BVerwG, Urteil vom 04.03.2009 – 2 WD 10.08, Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 27 = juris jeweils Rn. 62; vgl. auch Urtei­le vom 17.01.2013 – 2 WD 25.11, Rn. 74; vom 27.07.2010 – 2 WD 5.09, Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 30 Rn. 25 = NZWehrr 2012, 256, 259; und vom 20.10.2005 – 2 C 12.04, BVerw­GE 124, 252 ((258 f.[]