Der Anspruch des Per­so­nal­rats auf Rück­nah­me einer betei­li­gungs­pflich­ti­gen Maß­nah­me

§ 74 Abs. 3 Brbg­Pers­VG ver­leiht dem Per­so­nal­rat kei­ne ein­klag­ba­ren Rechts­an­sprü­che auf Un­ter­las­sung bzw. Rück­gän­gig­ma­chung be­tei­li­gungs­pflich­ti­ger Maß­nah­men.

Der Anspruch des Per­so­nal­rats auf Rück­nah­me einer betei­li­gungs­pflich­ti­gen Maß­nah­me

Gemäß § 74 Abs. 3 Satz 1 Brbg­PersVG ist u.a. die Durch­füh­rung von Maß­nah­men unzu­läs­sig, die ohne die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Betei­li­gung der Per­so­nal­ver­tre­tung erfolgt. Gemäß § 74 Abs. 3 Satz 2 Brbg­PersVG sind Maß­nah­men, die ent­ge­gen Satz 1 der Vor­schrift durch­ge­führt wor­den sind, zurück­zu­neh­men, soweit Rechts­vor­schrif­ten nicht ent­ge­gen­ste­hen. Den danach begrün­de­ten Pflich­ten der Dienst­stel­le ste­hen, wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat, kei­ne kor­re­spon­die­ren­den Rechts­an­sprü­che des Per­so­nal­rats gegen­über:

Anders als bei § 101 Satz 1 BetrVG gibt bei § 74 Abs. 3 Brbg­PersVG der Geset­zes­wort­laut für eine sub­jek­tiv-recht­li­che Aus­deu­tung der Vor­schrift nichts her, wenn­gleich er die­se nicht zwin­gend aus­schließt. Dass § 74 Abs. 3 Brbg­PersVG kei­ne Rechts­an­sprü­che des Per­so­nal­rats begrün­det, ergibt sich aus der Zusam­men­schau mit § 95 Abs. 1 Nr. 7 Brbg­PersVG.

Nach der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift ent­schei­den die Ver­wal­tungs­ge­rich­te ins­be­son­de­re über „die Pflicht zur Durch­füh­rung von Ent­schei­dun­gen nach § 75“ [1]. Eine Pflicht zur Ent­schei­dungs­durch­füh­rung begrün­det § 74 Brbg­PersVG aber ledig­lich in sei­nem Absatz 2. Absatz 1 der Vor­schrift besagt bei Lich­te bese­hen ledig­lich, dass die nach Abschluss eines Betei­li­gungs­ver­fah­rens bestehen­de Befug­nis – nicht Pflicht – der Dienst­stel­le zur Ent­schei­dungs­durch­füh­rung durch Zeit­ab­lauf erlischt, wenn sie nicht bin­nen ange­mes­se­ner Frist aus­ge­übt wird [2]. Absatz 3 der Vor­schrift begrün­det kei­ne Durch­füh­rungs­pflicht, son­dern im Gegen­teil eine Pflicht zur Unter­las­sung bzw. Rück­gän­gig­ma­chung, und spricht zudem nicht von „Ent­schei­dun­gen“, son­dern von „Maß­nah­men“.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann § 95 Abs. 1 Nr. 7 Brbg­PersVG nicht die Aus­sa­ge ent­nom­men wer­den, dass die Pflicht der Dienst­stel­le zur Unter­las­sung bzw. Rück­gän­gig­ma­chung gemäß § 74 Abs. 3 Brbg­PersVG vom Inha­ber des ver­letz­ten Betei­li­gungs­rechts, dem Per­so­nal­rat, gericht­lich durch­ge­setzt wer­den kann. Inso­fern offen­bart sich ein Unter­schied zur Geset­zes­la­ge in Nie­der­sach­sen, die im Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 11. Mai 2011 zu beleuch­ten war [3]. Im Hin­blick auf die mit § 74 Abs. 3 Brbg­PersVG im Wesent­li­chen deckungs­gleich for­mu­lier­te Vor­schrift in § 63 Nds­PersVG hat der Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in die­sem Beschluss zur Begrün­dung ihres sub­jek­tiv-recht­li­chen Ver­ständ­nis­ses u.a. auf die Vor­schrift des § 83 Nds­PersVG – dem § 95 Brbg­PersVG ent­spricht – zurück­ge­grif­fen [4]. Dort wird unter Nr. 5 die Zustän­dig­keit der Ver­wal­tungs­ge­rich­te für „Strei­tig­kei­ten nach § 63“ nor­miert. Da für sol­che Strei­tig­kei­ten nach Lage der Din­ge als Antrag­stel­ler nur der Per­so­nal­rat in Betracht kommt, ergibt sich aus die­ser Vor­schrift im Gegen­satz zur bran­den­bur­gi­schen Par­al­lel­norm ein Beleg dafür, dass dem Per­so­nal­rat ein ver­wal­tungs­ge­richt­lich durch­setz­ba­rer Anspruch auf Unter­las­sung bzw. Rück­gän­gig­ma­chung einer Maß­nah­me zuste­hen soll, sofern sein hin­sicht­lich die­ser Maß­nah­me bestehen­des Betei­li­gungs­recht nicht gewahrt ist.

Wäh­rend sich den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu § 63 Nds­PersVG ein­deu­tig able­sen lässt, dass der Gesetz­ge­ber mit die­ser Vor­schrift dem Per­so­nal­rat ein­klag­ba­re Rechts­an­sprü­che ver­schaf­fen woll­te [5], las­sen sich der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 74 Brbg­PersVG kei­ne Hin­wei­se in die­se Rich­tung ent­neh­men. Dabei stand, wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt unter Ver­weis auf die im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ver­schie­dent­lich zum Aus­druck gekom­me­ne Ori­en­tie­rung am Mit­be­stim­mungs­ge­setz Schles­wig-Hol­stein (MBGSH) ange­führt hat, dem Bran­den­bur­gi­schen Gesetz­ge­ber in Gestalt von § 88 Abs. 1 Nr. 9 und 10 MBGSH Vor­schrif­ten vor Augen, die zwi­schen den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­kei­ten für Strei­tig­kei­ten über „die Pflicht zur Durch­füh­rung von Ent­schei­dun­gen nach § 58 Abs. 2“ (der Par­al­lel­vor­schrift zu § 74 Abs. 2 Brbg­PersVG) und für Strei­tig­kei­ten über „die Pflicht zur Zurück­nah­me von Maß­nah­men nach § 58 Abs. 3“ (der Par­al­lel­vor­schrift zu § 74 Abs. 3 Brbg­PersVG) aus­drück­lich dif­fe­ren­zie­ren. Ver­gleich­ba­res Anschau­ungs­ma­te­ri­al bot sich dem Bran­den­bur­gi­schen Gesetz­ge­ber auch in § 87 Abs. 1 Nr. 9 und 10 des bereits über vier Mona­te vor Vor­la­ge des Bran­den­bur­gi­schen Regie­rungs­ent­wurfs beschlos­se­nen Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­set­zes für das Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern sowie in dem zeit­gleich vom Bran­den­bur­gi­schen Land­tag bera­te­nen Gesetz­ent­wurf der Frak­ti­on PDS-LL vom 12.01.1993 [6], der in sei­nem § 66 Abs. 1 Satz 2 aus­drück­lich dem Per­so­nal­rat einen „Anspruch auf Unter­las­sung“ von Maß­nah­men ein­räu­men woll­te, die sei­ner Mit­be­stim­mung bedür­fen wür­den. Bei die­ser Sach­la­ge konn­te der Bran­den­bur­gi­sche Gesetz­ge­ber schwer­lich davon aus­ge­gan­gen sein, mit § 74 Abs. 3 i.V.m. § 95 Abs. 1 Nr. 7 Brbg­PersVG gericht­lich ein­klag­ba­re Rechts­an­sprü­che des Per­so­nal­rats zu nor­mie­ren. Gegen die­se Annah­me spricht über­dies, dass die Unter­las­sungs- bzw. Rück­nah­me­pflicht nach § 74 Abs. 3 Brbg­PersVG – anders als in § 63 Nds­PersVG – nicht unter den Vor­be­halt des Feh­lens ent­ge­gen­ste­hen­der öffent­li­cher Inter­es­sen gestellt wor­den ist. Hät­te der Gesetz­ge­ber ein­klag­ba­re Unter­las­sungs- bzw. Rück­nah­me­an­sprü­che des Per­so­nal­rats begrün­den wol­len, hät­te es für ihn im Lich­te der hier­mit ver­bun­de­nen demo­kra­tie­staat­li­chen Impli­ka­tio­nen [7] nahe­ge­le­gen, einen sol­chen Vor­be­halt ein­zu­füh­ren.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 3. Juli 2013 – 6 PB 10.13

  1. bei der Inbe­zug­nah­me von § 75 han­delt es sich offen­kun­dig um ein Redak­ti­ons­ver­se­hen des Gesetz­ge­bers, der hier ersicht­lich die Vor­schrift des § 74 Brbg­PersVG gemeint hat, vgl. OVG Frank­furt/​Oder, Beschluss vom 10.12.1998 – 6 A 210/​97.PVL – juris Rn. 32[]
  2. zutref­fend: OVG Frankfurt/​Oder, Beschluss vom 10.12.1998 a.a.O. Rn. 33 f.[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 11.05.2011 – 6 P 4.10, Buch­holz 251.6 § 75 Nds­PersVG Nr. 6[]
  4. Beschluss vom 11.05.2011 a.a.O. Rn. 11[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 11.05.2011 a.a.O. Rn. 12 f.[]
  6. LT-Drucks 1/​1606[]
  7. vgl. hier­zu BVerwG, Beschluss vom 11.05.2011 a.a.O. Rn. 15[]