Der befan­ge­ne erst­in­stanz­li­che Rich­ter – und die münd­li­che Ver­hand­lung in der Beru­fungs­in­stanz

Das Beru­fungs­ge­richt darf von der Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung nicht gemäß § 130a VwGO abse­hen, wenn bereits der Ver­hand­lungs­ter­min vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt feh­ler­be­haf­tet und des­halb nicht geeig­net war, dem Anspruch der Betei­lig­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG, Art. 6 Abs. 1 EMRK) zu genü­gen.

Der befan­ge­ne erst­in­stanz­li­che Rich­ter – und die münd­li­che Ver­hand­lung in der Beru­fungs­in­stanz

Ein sol­cher Fall liegt vor, wenn die erst­in­stanz­li­che münd­li­che Ver­hand­lung vor einem Ein­zel­rich­ter statt­ge­fun­den hat, der nach­träg­lich erfolg­reich wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt wor­den ist (hier: wegen Ableh­nung eines in der münd­li­chen Ver­hand­lung gestell­ten Antrags auf Bei­zie­hung von Akten, die ihm tat­säch­lich vor­la­gen).

Eine Beru­fungs­ent­schei­dung, die in einem sol­chen Fall gleich­wohl ohne münd­li­che Ver­hand­lung erfolgt, ver­stößt damit gegen das Gebot, über die Beru­fung auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung zu ent­schei­den (§ 125 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 101 Abs. 1 VwGO) und ver­letzt zugleich den Anspruch des Klä­gers auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG und § 108 Abs. 2 VwGO 1.

Der Anwen­dungs­be­reich des § 130a VwGO ist auf ein­fach gela­ger­te Streit­sa­chen beschränkt, die einer erneu­ten münd­li­chen Erör­te­rung nicht bedür­fen 2. Auch wenn § 130a VwGO kei­ne aus­drück­li­chen Ein­schrän­kun­gen ent­hält, hat das Beru­fungs­ge­richt bei sei­ner Ermes­sens­aus­übung zu berück­sich­ti­gen, dass sich die Ent­schei­dung auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung im Sys­tem des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes nach der Aus­ge­stal­tung des Pro­zess­rechts als gesetz­li­cher Regel­fall und Kern­stück auch des Beru­fungs­ver­fah­rens erweist (§ 125 Abs. 1 i.V.m. § 101 Abs. 1 VwGO). Die­sem Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis liegt die Vor­stel­lung zugrun­de, dass die gericht­li­che Ent­schei­dung grund­sätz­lich das Ergeb­nis eines dis­kur­si­ven Pro­zes­ses zwi­schen Gericht und Betei­lig­ten im Rah­men der münd­li­chen Ver­hand­lung sein soll. Davon geht auch § 104 Abs. 1 VwGO aus, der dem Vor­sit­zen­den des Gerichts die Pflicht auf­er­legt, in der münd­li­chen Ver­hand­lung die Streit­sa­che mit den Betei­lig­ten in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht zu erör­tern. Das Rechts­ge­spräch erfüllt zudem den Zweck, die Ergeb­nis­rich­tig­keit der gericht­li­chen Ent­schei­dung zu för­dern 3. Dies gilt umso mehr, je grö­ßer die tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Schwie­rig­kei­ten der Streit­sa­che sind. Mit dem Grad der Schwie­rig­kei­ten wächst das Gewicht der Grün­de, die gegen eine Anwen­dung des § 130a VwGO spre­chen 4.

Das ergibt sich nicht zuletzt aus der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zu Art. 6 Abs. 1 EMRK, der aus die­ser Ver­fah­rens­ga­ran­tie im Ein­zel­fall die Not­wen­dig­keit her­lei­tet, auch in der zwei­ten Instanz münd­lich zu ver­han­deln. Der Gerichts­hof stellt bei Ver­fah­rens­ord­nun­gen, in denen im Beru­fungs­rechts­zug auch Tat­fra­gen zu ent­schei­den sind, dar­auf ab, ob im kon­kre­ten Fall zen­tra­le strit­ti­ge Tat­fra­gen zur Ent­schei­dung anste­hen und ob für die tat­säch­li­che Fest­stel­lung die Ent­schei­dungs­fin­dung allein auf­grund der Akten­la­ge sach­ge­recht mög­lich ist 5. Die­se Anfor­de­run­gen sind bei kon­ven­ti­ons­kon­for­mer Anwen­dung im Rah­men der Ermes­sens­aus­übung nach § 130a VwGO vom Beru­fungs­ge­richt zu berück­sich­tig­ten und gestat­ten es in die­sen Fäl­len nicht, von einer münd­li­chen Ver­hand­lung abzu­se­hen 6. Das gilt auch in der vor­lie­gen­den Strei­tig­keit aus dem Beam­ten­ver­hält­nis. Die Gewähr­leis­tun­gen aus Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK gel­ten auch für Beam­te, sofern ihnen nach inner­staat­li­chem Recht die Mög­lich­keit ein­ge­räumt ist, ihre Rech­te vor Gericht gel­tend zu machen 7.

Ein Abse­hen von der Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung nach § 130a VwGO kommt jeden­falls nicht in Betracht, wenn bereits der Ver­hand­lungs­ter­min vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt feh­ler­be­haf­tet und des­halb nicht geeig­net war, dem Anspruch der Betei­lig­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs Genü­ge zu tun.

Hat das Ver­wal­tungs­ge­richt in ver­fah­rens­feh­ler­haf­ter Wei­se von einer münd­li­chen Ver­hand­lung ganz abge­se­hen 8 oder einen Ter­min ohne Betei­li­gung des nicht ord­nungs­ge­mäß gela­de­nen Klä­gers durch­ge­führt 9, ist der Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs in wenigs­tens einer münd­li­chen Ver­hand­lung noch nicht erfüllt. Für eine Ent­schei­dung im Beschluss­we­ge nach § 130a VwGO ist daher kein Raum. Ent­spre­chen­des gilt, wenn – wie hier – zwar eine münd­li­che Ver­hand­lung unter Betei­li­gung des Klä­gers statt­ge­fun­den hat, die­se jedoch den Anfor­de­run­gen an den gesetz­li­chen Rich­ter nicht ent­sprach. Auch in die­ser Kon­stel­la­ti­on ist dem Klä­ger noch kei­ne Mög­lich­keit ein­ge­räumt wor­den, sei­ne Sicht der Din­ge vor dem für die Ent­schei­dung sei­nes Rechts­streits zustän­di­gen Spruch­kör­per vor­zu­tra­gen und damit Ein­fluss auf die Gerichts­ent­schei­dung zu neh­men.

Zwar ist der Beschluss über die Befan­gen­heit des Ein­zel­rich­ters im hier ent­schie­de­nen Fall erst nach Durch­füh­rung der münd­li­chen Ver­hand­lung ergan­gen, sodass der Ter­min selbst for­mal noch nicht von einem unzu­stän­di­gen Gericht abge­hal­ten wor­den ist. Ange­sichts des Umstands, dass der Grund für die ange­nom­me­ne Befan­gen­heit des Ein­zel­rich­ters aber (maß­geb­lich) in sei­nem Ver­hal­ten im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung gese­hen wur­de und liegt, kann die­se Ver­hand­lung vor einem tat­säch­lich schon im Ver­hand­lungs­ter­min als befan­gen zu betrach­ten­den Rich­ter den Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nicht sicher­stel­len. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hät­te dem Klä­ger daher – wie von ihm mehr­fach, aus­drück­lich und unter Hin­weis auf sein noch nicht erfüll­tes recht­li­ches Gehör bean­tragt – jeden­falls im Beru­fungs­ver­fah­ren Gele­gen­heit geben müs­sen, sei­ne Erwä­gun­gen in einer münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Spruch­kör­per dar­zu­tun.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Mai 2015 – 2 B 42015 -

  1. BVerwG, Urteil vom 09.12 2010 – 10 C 13.09, BVerw­GE 138, 289 Rn. 24 m.w.N.[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 03.12 2012 – 2 B 32.12 5[]
  3. BVerwG, Urteil vom 09.12 2010 – 10 C 13.09, BVerw­GE 138, 289 Rn. 23[]
  4. BVerwG, Urteil vom 30.06.2004 – 6 C 28.03, BVerw­GE 121, 211; Beschlüs­se vom 20.10.2011 – 2 B 63.11 – IÖD 2012, 20 Rn. 6; und vom 03.12 2012 – 2 B 32.12 5[]
  5. vgl. etwa EGMR, Urteil vom 29.10.1991 – Nr. 22/​1990/​213/​275 "Hel­mers" – NJW 1992, 1813, 1814 m.w.N.[]
  6. BVerwG, Beschlüs­se vom 12.03.1999 – 4 B 112.98, Buch­holz 310 § 130a VwGO Nr. 35 S. 6 ff.; und vom 03.12 2012 – 2 B 32.12 5[]
  7. EGMR, Urteil vom 19.04.2007 – Nr. 63235/​00 "Eskeli­nen", Rn. 62; hier­zu auch bereits BVerwG, Beschlüs­se vom 03.12 2012 – 2 B 32.12 6; und vom 06.06.2014 – 2 BN 1.13 – Dok­Ber 2015, 15 Rn. 5 zu § 47 Abs. 5 Satz 1 VwGO[]
  8. BVerwG, Beschluss vom 22.11.1984 – 9 CB 171.83, Buch­holz 312 Ent­lG Nr. 40 S. 29[]
  9. BVerwG, Beschluss vom 08.04.1998 – 8 B 218.97, Buch­holz 340 § 15 VwZG Nr. 4 S. 4 f.[]