Der depres­si­ve Poli­zei­ober­meis­ter – und die gericht­li­che Auf­klä­rungs­pflicht im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Nach § 58 Abs. 1 BDG hat das Gericht den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt von Amts wegen zu ermit­teln. Bestehen tat­säch­li­che Anhalts­punk­te dafür, dass die Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten bei Bege­hung der Tat erheb­lich gemin­dert war, so darf das Tat­sa­chen­ge­richt im Rah­men sei­ner Bemes­sungs­ent­schei­dung die­sen Aspekt nicht offen las­sen oder zu Guns­ten des Betrof­fe­nen unter­stel­len und sogleich auf die Ein­seh­bar­keit der betref­fen­den Pflicht abstel­len. Viel­mehr muss es die Fra­ge einer Min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten auf­klä­ren.

Der depres­si­ve Poli­zei­ober­meis­ter – und die gericht­li­che Auf­klä­rungs­pflicht im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Hat der Beam­te zum Tat­zeit­punkt an einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB gelit­ten oder kann eine sol­che Stö­rung nach dem Grund­satz „in dubio pro reo“ nicht aus­ge­schlos­sen wer­den und ist die Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten erheb­lich, so ist die­ser Umstand bei der Bewer­tung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens mit dem ihm zukom­men­den erheb­li­chen Gewicht her­an­zu­zie­hen.

Bei einer erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit kann die Höchst­maß­nah­me regel­mä­ßig nicht mehr aus­ge­spro­chen wer­den [1].

Die Fra­ge, ob die Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit auf­grund einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung „erheb­lich“ war, ist zwar eine Rechts­fra­ge, die die Ver­wal­tungs­ge­rich­te in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu beant­wor­ten haben [2]. Als Vor­fra­ge muss indes geklärt wer­den, ob der Beam­te im Tat­zeit­raum an einer Krank­heit gelit­ten hat, die sei­ne Fähig­keit, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, ver­min­dert hat. Erst wenn die see­li­sche Stö­rung und ihr Schwe­re­grad fest­ste­hen oder nach dem Grund­satz „in dubio pro reo“ nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, kann beur­teilt wer­den, ob die Vor­aus­set­zun­gen für eine erheb­lich gemin­der­te Schuld­fä­hig­keit vor­lie­gen [3].

Hier­zu bedarf es in der Regel beson­de­rer ärzt­li­cher Sach­kun­de. Für die in Rede ste­hen­den medi­zi­ni­schen Fach­fra­gen gibt es kei­ne eige­ne, nicht durch ent­spre­chen­de medi­zi­ni­sche Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ver­mit­tel­te Sach­kun­de des Rich­ters [4].

ber die Ein­ho­lung eines wei­te­ren Gut­ach­tens ent­schei­det das Gericht nach sei­nem Ermes­sen (§ 3 BDG, § 98 VwGO i.V.m. § 412 Abs. 1 ZPO). Die unter­las­se­ne Ein­ho­lung zusätz­li­cher Gut­ach­ten kann des­halb nur dann ver­fah­rens­feh­ler­haft sein, wenn die vor­lie­gen­den Gut­ach­ten ihren Zweck nicht zu erfül­len ver­mö­gen, dem Gericht die zur Fest­stel­lung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts erfor­der­li­che Sach­kun­de zu ver­mit­teln und ihm dadurch die Bil­dung der für die Ent­schei­dung not­wen­di­gen Über­zeu­gung zu ermög­li­chen. Lie­gen dem Gericht bereits sach­ver­stän­di­ge Äuße­run­gen zu einem Beweis­the­ma vor, muss es ein zusätz­li­ches Gut­ach­ten des­halb nur aus­nahms­wei­se ein­ho­len [5].

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass im vor­lie­gen­den Fall nur der behan­deln­de Fach­arzt zeit­nah zum maß­geb­li­chen Tat­zeit­raum April/​Mai 2008 per­sön­li­chen Kon­takt mit dem Beklag­ten hat­te, der sich am 11.06.2008 erst­mals bei ihm vor­stell­te, hät­te sich dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof eine per­sön­li­che Ver­neh­mung des Fach­arz­tes als sach­ver­stän­di­gen Zeu­gen indes auf­drän­gen müs­sen [6]. Dies gilt umso mehr, als der Sach­ver­stän­di­ge im Rah­men der Erläu­te­rung sei­nes Gut­ach­tens ange­ge­ben hat­te, Aus­sa­gen über den Ver­lauf des depres­si­ven Syn­droms vor dem ers­ten Vor­stel­lungs­ter­min sei­en auf­grund des schrift­li­chen Arzt­brie­fes nicht mög­lich. Die Stel­lung­nah­me sage nichts über den Schwe­re­grad der depres­si­ven Erkran­kung in die­sem Zeit­raum aus. Denn damit lag eine aus­rei­chen­de Tat­sa­chen­ba­sis für die vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zu tref­fen­de Ein­schät­zung der „Erheb­lich­keit“ einer vor­han­de­nen Min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit im maß­geb­li­chen Zeit­punkt nicht vor.

Auch der Sach­ver­stän­di­ge hat nicht aus­ge­schlos­sen, dass eine Ver­neh­mung des den Beklag­ten damals (und im Fol­gen­den) behan­deln­den Fach­arz­tes wei­te­re Erkennt­nis­se erbrin­gen könn­te. Die Ein­schät­zung, regel­mä­ßig kön­ne sich ein Fach­arzt für in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Ana­mne­sen auch nur auf sei­ne schrift­li­chen Unter­la­gen stüt­zen, bedeu­tet nicht, dass dies auch im vor­lie­gen­den Fall so sein muss. Die pro­gnos­ti­zier­te Wahr­schein­lich­keit des vor­aus­sicht­li­chen Ergeb­nis­ses einer Beweis­auf­nah­me recht­fer­tigt indes nicht deren Unter­las­sung [7]. Im Übri­gen erscheint durch­aus nahe­lie­gend, dass der behan­deln­de Fach­arzt über den dem Sach­ver­stän­di­gen vor­lie­gen­den Arzt­brief hin­aus wei­te­re schrift­li­che Unter­la­gen zum dama­li­gen Befund besitzt.

Jeden­falls durf­te der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof nicht von der Erfolg­lo­sig­keit wei­te­rer Auf­klä­rungs­be­mü­hun­gen aus­ge­hen, ohne den behan­deln­den Fach­arzt – ggf. zumin­dest zunächst in einer schrift­li­chen Vor­anfra­ge – hier­zu um Aus­kunft gebe­ten zu haben. Ohne eine ent­spre­chen­de Aus­sa­ge des behan­deln­den Arz­tes kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass durch ihn wei­te­re Erkennt­nis­se zum Aus­maß der im Tat­zeit­punkt bestehen­den see­li­schen Stö­rung gewon­nen wer­den kön­nen. Die Ableh­nung des Beweis­an­tra­ges ver­letzt daher sowohl den Anspruch des Beklag­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (§ 108 Abs. 2 VwGO) als auch die gericht­li­che Sach­auf­klä­rungs­pflicht (§ 86 Abs. 1 Satz 1 VwGO).

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Sep­tem­ber 2014 – 2 B 23.2014 -

  1. BVerwG, Urteil vom 25.03.2010 – 2 C 83.08, BVerw­GE 136, 173 = Buch­holz 235.1 § 13 BDG Nr. 11, jeweils Rn. 29 ff.; Beschlüs­se vom 20.10.2011 – 2 B 61.10 9; und vom 11.01.2012 – 2 B 78.11 5[]
  2. BVerwG, Urteil vom 29.05.2008 – 2 C 59.07 30, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 235.1 § 70 BDG Nr. 3[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 04.07.2013 – 2 B 76.12 20 = Dok­Ber 2014, 32[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 25.07.2013 – 2 C 12.11, BVerw­GE 147, 244 = Buch­holz 232.01 § 9 BeamtStG Nr. 1, jeweils Rn. 11 und zuletzt etwa Beschluss vom 26.05.2014 – 2 B 69.12 10 = IÖD 2014, 172[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 29.05.2009 – 2 B 3.09, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 5 Rn. 7 m.w.N.[]
  6. BVerwG, Beschluss vom 04.07.2013 – 2 B 76.12 – a.a.O. Rn. 24; vgl. zur Bedeu­tung der per­sön­li­chen Befra­gung durch den Gut­ach­ter auch Beschluss vom 03.06.2014 – 2 B 105.12 43[]
  7. BVerwG, Beschluss vom 15.03.2013 – 2 B 22.12, NVwZ-RR 2013, 557 Rn. 11[]