Der Dienst­be­schä­di­gungs­aus­gleich eines ehe­ma­li­gen NVA-Soldaten

Für das Begeh­ren eines ehe­ma­li­gen NVA-Sol­da­ten, bestands­kräf­ti­ge Fest­set­zun­gen auf Dienst­be­schä­di­gungs­aus­gleich (DbA) im Über­prü­fungs­ver­fah­ren auf­zu­he­ben und ihm einen DbA ohne Berück­sich­ti­gung zusätz­li­cher Bewer­tungs­ele­men­te in Höhe der Grund­ren­te „West“ zu gewäh­ren, gibt es im Bun­des­recht kei­ne Rechtsgrundlage. 

Der Dienst­be­schä­di­gungs­aus­gleich eines ehe­ma­li­gen NVA-Soldaten

Es kann vor­lie­gend offen blei­ben, von wel­chem Recht bei der Beur­tei­lung der Rechts­wid­rig­keit der nach § 44 Abs 1 S 1 SGB X zurück­zu­neh­men­den Beschei­de aus­zu­ge­hen ist. Sowohl § 2 Abs 1 S 1 DbAG in sei­ner zum 1. Janu­ar 1997 in Kraft getre­te­nen Neu­fas­sung durch Art 6 Nr 3 Buchst a SER/D­bAG-ÄndG [1] als auch § 2 Abs 1 S 1 DbAG [2] jeweils in Ver­bin­dung mit den von ihnen in Bezug genom­me­nen Vor­schrif­ten ? haben DbA-Berech­tig­ten ledig­lich einen Anspruch auf einen DbA in Höhe einer abge­senk­ten Grund­ren­te eingeräumt.

Nach § 2 Abs 1 S 1 DbAG idF vom 19.6.2006 wird der DbA in Höhe der Grund­ren­te nach § 31 iVm § 84a S 1 des Bun­des­ver­sor­gungs­ge­set­zes (BVG) in des­sen Neu­fas­sung durch Art 1 des Geset­zes vom 19.6.2006 geleis­tet. § 84a S 1 Halbs 1 BVG ver­weist auf den Eini­gungs­ver­trag (EinigVtr). Die­ser ord­net in Anla­ge I Kapi­tel VIII Sach­ge­biet K Abschnitt III Nr 1 Buchst a Abs 1 Satz 1 als Maß­ga­be für das Inkraft­tre­ten von § 31 Abs 1, 5 BVG im Bei­tritts­ge­biet an, dass die dort in der jeweils gel­ten­den Fas­sung genann­ten Deut­sche Mark-Beträ­ge mit dem vom Hun­dert­satz zu mul­ti­pli­zie­ren sind, der sich aus dem jewei­li­gen Ver­hält­nis der ver­füg­ba­ren Stan­dard­ren­te (§ 68 Abs 3 SGB VI) in dem in Art 3 des Ver­tra­ges genann­ten Gebiet zur ver­füg­ba­ren Stan­dard­ren­te in dem Gebiet, in dem das BVG schon vor dem Bei­tritt gegol­ten hat, ergibt.

Hin­sicht­lich des Ver­ständ­nis­ses die­ser ein­fach­ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten sieht sich das Bun­des­so­zi­al­ge­richt Senat im Ergeb­nis mit­tel­bar an die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [3] gebun­den. Hier­nach ist nun­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass sich der genann­ten Nor­men­ket­te aus­ge­hend vom maß­geb­li­chen Ver­ständ­nis­ho­ri­zont eines Juris­ten mit Hil­fe her­kömm­li­cher Aus­le­gungs­me­tho­den aus­rei­chen­de gesetz­li­che Vor­ga­ben für die Wert­be­stim­mung von Rech­ten auf DbA ent­neh­men las­sen, die inhalt­lich den rechts­staat­li­chen Bestimmt­heits­er­for­der­nis­sen der Rege­lungs­ma­te­rie genügen. 

Der EinigVtr ver­weist zur Bestim­mung eines Anpas­sungs­fak­tors Ost dyna­misch auf die­je­ni­gen Beträ­ge, die sich auf der Grund­la­ge der jewei­li­gen Rechts­la­ge im SGB VI jeweils als Ver­hält­nis der ver­füg­ba­ren Stan­dard­ren­ten in den alten Bun­des­län­dern und im Bei­tritts­ge­biet ergeben. 

Für den Bezugs­zeit­raum 1.1.1999 bis 31.12.2000 gilt unmit­tel­bar der Klam­mer­hin­weis auf § 68 Abs 3 SGB VI [4]. Hier­nach ergibt sich die ver­füg­ba­re Stan­dard­ren­te, indem die Brut­to­stan­dard­ren­te um den durch­schnitt­li­chen Bei­trags­an­teil zur Kran­ken­ver­si­che­rung „im Sin­ne des § 106 Abs 2 SGB VI“, den Bei­trags­an­teil zur Pfle­ge­ver­si­che­rung und die ohne Berück­sich­ti­gung wei­te­rer Ein­künf­te durch­schnitt­lich auf sie ent­fal­len­den Steu­ern gemin­dert wird. 

Die Brut­to­stan­dard­ren­te ent­spricht der Regel­al­ters­ren­te aus der Ren­ten­ver­si­che­rung der Arbei­ter und der Ange­stell­ten mit 45 Ent­gelt­punk­ten (EP). Da das SGB VI zwi­schen EP und EP (Ost) unter­schei­det (§ 254b SGB VI), sind bei der Berech­nung der Brut­to­stan­dard­ren­te West EP und bei der Brut­to­stan­dard­ren­te Ost EP (Ost) zugrun­de zu legen. Von dem sich auf die­ser Grund­la­ge erge­ben­den Betrag ist in Zäh­ler und Nen­ner des Bruchs glei­cher­ma­ßen jeweils allein der­je­ni­ge Bei­trags­an­teil zur Kran­ken­ver­si­che­rung in Abzug zu brin­gen, der sich aus­ge­hend von dem jeweils zum Stich­tag 1. Janu­ar bun­des­ein­heit­lich zu ermit­teln­den durch­schnitt­li­chen all­ge­mei­nen Bei­trags­satz aller Kran­ken­kas­sen auf die Brut­to­stan­dard­ren­te für die Zeit vom 1. Juli des jewei­li­gen Kalen­der­jah­res bis zum 30. Juni des Fol­ge­jah­res ergibt [5]. Dage­gen kommt es auf den sons­ti­gen Inhalt von § 106 Abs 2 SGB VI nicht an [6]. Eben­so ist die abwei­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­pra­xis des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit ohne Bedeu­tung. Des Wei­te­ren ist in Zäh­ler und Nen­ner des Bruchs jeweils der Bei­trag abzu­zie­hen, der sich für pflicht­ver­si­cher­te Rent­ner in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung ergibt. Die­ses Ergeb­nis ent­spricht aus der maß­geb­li­chen Sicht des recht­lich Kun­di­gen der typi­sier­ten Ver­si­che­rungs­bio­gra­phie des Stan­dard­rent­ners. Schließ­lich ist die Brut­to­stan­dard­ren­te West/​Ost um den Betrag der Ein­kom­men­steu­er zu ver­min­dern, der ggf nach Maß­ga­be der Vor­schrif­ten des EStG ohne Berück­sich­ti­gung wei­te­rer Ein­künf­te auf den bei regu­lä­rem Ren­ten­al­ter maß­geb­li­chen Ertrags­an­teil entfällt.

Obwohl der Begriff der ver­füg­ba­ren Stan­dard­ren­te in der Zeit vom 1.1.2001 bis 31.12.2001 weder in § 68 Abs 3 SGB VI noch in einer ande­ren Vor­schrift die­ses Gesetz­buchs defi­niert wird, ist der geschil­der­te Berech­nungs­mo­dus auf der Grund­la­ge einer „bedeu­tungs­er­hal­ten­den Aus­le­gung“ (BVerfG vom 4.6.2012 RdNr 109) auch inso­fern fortzuführen. 

Ab dem 1.1.2002 fin­det sich der Begriff der ver­füg­ba­ren Stan­dard­ren­te ? vom EinigVtr wei­ter­hin erfasst und inhalt­lich deckungs­gleich mit der frü­he­ren Defi­ni­ti­on ? in § 154 Abs 3 S 1 Nr 2 SGB VI. Auch dass die­se Vor­schrift nicht mehr auf § 106 Abs 2 SGB VI ver­weist, ist in Erman­ge­lung eines erkenn­ba­ren gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens, den Begriff der ver­füg­ba­ren Stan­dard­ren­te zu ändern, ohne Bedeutung. 

Für Bezugs­zei­ten ab dem 1.1.2005 defi­niert § 154 Abs 3 S 1 Nr 2 SGB VI in der ab dann gel­ten­den neu­en Fas­sung die ver­füg­ba­re Stan­dard­ren­te als Regel­al­ters­ren­te aus der all­ge­mei­nen Ren­ten­ver­si­che­rung mit 45 EP, gemin­dert um den durch­schnitt­li­chen Bei­trags­an­teil zur Kran­ken­ver­si­che­rung und den Bei­trag zur Pfle­ge­ver­si­che­rung. Über die nun­mehr in Weg­fall gera­te­ne Rele­vanz der Steu­er­last hin­aus erge­ben sich inhalt­li­che Ände­run­gen auch hier­aus nicht. Das nun­meh­ri­ge Abstel­len auf den „Bei­trag“ zur Pfle­ge­ver­si­che­rung ? statt vor­her „Bei­trags­an­teil“ ? trägt begriff­lich und sach­lich der vol­len Bei­trags­tra­gung durch den in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung pflicht­ver­si­cher­ten Rent­ner seit dem 1.4.2004 Rech­nung (§ 59 Abs 1 S 1 SGB XI). Der zum 1.1.2005 in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung ein­ge­führ­te Bei­trag für Kin­der­lo­se bleibt inso­fern unbe­rück­sich­tigt, weil das Modell des Stan­dard­rent­ners indi­vi­du­el­le Gege­ben­hei­ten wie die Eltern­ei­gen­schaft unbe­rück­sich­tigt lässt. Dage­gen ist zu beach­ten, dass ab dem 1.7.2005 der „durch­schnitt­li­che Bei­trags­an­teil zur Kran­ken­ver­si­che­rung“ auch den zusätz­li­chen Bei­trags­an­teil in Höhe von 0,9% der Stan­dard­ren­te mit umfasst. 

Hier­ge­gen bestehen unter dem Gesichts­punkt der Rück­wir­kung kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. § 2 Abs 1 S 1 DbAG hat bereits in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung ohne gleich­zei­ti­ge Bezug­nah­me auf einen bestimm­ten Per­so­nen­kreis auf den (nach dem EinigVtr) für das Bei­tritts­ge­biet gel­ten­den (nied­ri­ge­ren) Betrag der Grund­ren­te nach dem BVG ver­wie­sen. Es kann daher offen blei­ben, ob der eben­falls durch den EinigVtr ein­ge­füg­te § 84a BVG in sei­ner dama­li­gen Fas­sung auch den Per­so­nen­kreis der Klä­ger erfasst hat oder nur für „Umzüg­ler“ und „Zuzüg­ler-Umzüg­ler“ auf die Rege­lun­gen des EinigVtr ver­wie­sen hat, die eine „abge­senk­te“ Grund­ren­te vor­se­hen. Dies gilt auch für Zei­ten ab dem 1.1.1999, weil das BVerfG aus­weis­lich der Grün­de sei­nes Urteils vom 14.3.2000 § 84a BVG nur hin­sicht­lich einer abge­senk­ten Grund­ren­te für Kriegs­op­fer für nich­tig erklärt hat. Das ? vor­lie­gend anwend­ba­re ? neue Recht (§ 2 Abs 1 S 1 DbAG iVm § 84a BVG idF vom 19.6.2006) führt zu kei­ner inhalt­li­chen Änderung.

Schließ­lich erge­ben sich auch kei­ne Beden­ken im Blick auf den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art 3 Abs 1 GG). Die Ungleich­be­hand­lung gegen­über Ver­sor­gungs­emp­fän­gern, die zum Stich­tag 18.5.1990 ihren Wohn­sitz in den alten Bun­des­län­dern hat­ten und gegen­über dem von § 84a S 3 BVG idF vom 19.6.2006 begüns­tig­ten Per­so­nen­kreis ist jeweils hin­rei­chend sach­lich gerechtfertigt

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 23. Okto­ber 2013 – B 5 RS 25/​12 R

  1. vom 19.06.2006, BGBl I 1305[]
  2. vom 11.11.1996, BGBl I 1674[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 04.06.2012 – 2 BvL 9/​08 u.a.[]
  4. in der ab 1.1.1997 maß­geb­li­chen Fas­sung vom 10.5.1995, BGBl I, 678[]
  5. BVerfG aaO RdNrn 105, 107 ff[]
  6. BVerfG aaO RdNr 107[]