Der Haar- und Bart­erlass der Bun­des­wehr

Der Zen­tra­len Dienst­vor­schrift (ZDv) A‑2630/​1 "Das äuße­re Erschei­nungs­bild der Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten der Bun­des­wehr" fehlt die erfor­der­li­che gesetz­li­che Grund­la­ge. Für eine Über­gangs­zeit ist die­se Dienst­vor­schrift, die all­ge­mein als "Haar- und Bart­erlass" bekannt ist, aber auch zum Bei­spiel Rege­lun­gen zu Täto­wie­run­gen und Pier­cings trifft, bis zu einer ent­spre­chen­den Neu­re­ge­lung wei­ter­hin anzu­wen­den.

Der Haar- und Bart­erlass der Bun­des­wehr

Dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­de­nen Ver­fah­ren lag die Wehr­be­schwer­de eines Stabs­feld­we­bels zu Grun­de, der nach eige­nen Anga­ben ein Anhän­ger der Gothic-Kul­tur ist und lan­ge Haa­re tra­gen möch­te. Er hält die Rege­lung in Nr.202 der ZDv A‑2630/​1 für dis­kri­mi­nie­rend, nach der männ­li­che Sol­da­ten die Haa­re kurz geschnit­ten tra­gen müs­sen. Die­sel­be Dienst­vor­schrift gestat­te es Sol­da­tin­nen, die Haa­re lang und am Hin­ter­kopf zusam­men­ge­bun­den zu tra­gen. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung hat der Beschwer­de nicht abge­hol­fen. Den Antrag des Sol­da­ten auf Auf­he­bung der Dienst­vor­schrift hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Ergeb­nis zurück­ge­wie­sen:

Wie bereits in einer frü­he­ren Ent­schei­dung dar­ge­legt, schließt es das Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­bot nicht aus, für Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten unter­schied­li­che Rege­lun­gen in Bezug auf die Dienst­klei­dung und Haar­tracht bei der Dienst­aus­übung vor­zu­se­hen 1. Aller­dings bedür­fen Rege­lun­gen, die in die Frei­heit des Ein­zel­nen, sei­ne äuße­re Erschei­nung indi­vi­du­ell zu gestal­ten, ein­grei­fen, einer hin­rei­chend bestimm­ten gesetz­li­chen Grund­la­ge. Dies folgt aus der in Art. 2 Abs. 1 GG garan­tier­ten all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit, die auch den Sol­da­ten davor schützt, ohne gesetz­li­che Grund­la­ge durch dienst­li­che Wei­sung Ein­schrän­kun­gen sei­nes per­sön­li­chen Erschei­nungs­bil­des hin­neh­men zu müs­sen, die sich auch auf sein Aus­se­hen außer­halb des Diens­tes aus­wir­ken.

Eine sol­che aus­rei­chen­de gesetz­li­che Grund­la­ge ent­hält – wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun­mehr fest­ge­stellt hat – § 4 Abs. 3 Satz 2 SG nicht. Die Norm ermäch­tigt jeden­falls in der seit 2017 gel­ten­den Fas­sung nur zu Bestim­mun­gen über die Uni­form und die Klei­dungs­stü­cke, die mit der Uni­form getra­gen wer­den. Weder dem Wort­laut der Norm noch den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en ist ein­deu­tig zu ent­neh­men, dass der Erlass­ge­ber im Sach­zu­sam­men­hang mit der Fest­le­gung einer Klei­der­ord­nung auch zu not­wen­dig in den pri­va­ten Lebens­be­reich hin­ein­wir­ken­den Rege­lun­gen über die Gestal­tung von Kör­per­be­stand­tei­len von Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten ermäch­tigt wird.

Da die frü­her gel­ten­de Vor­schrift des § 4 Abs. 3 Satz 2 SG aber wei­ter aus­ge­legt wor­den ist und ein ein­heit­li­ches Auf­tre­ten der Bun­des­wehr im Inter­es­se ihrer Funk­ti­ons­fä­hig­keit gebo­ten ist, sind die Dienst­vor­schrif­ten bis zu einer gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung vor­läu­fig wei­ter anzu­wen­den. Der Gesetz­ge­ber wird auch dar­über zu befin­den haben, ob eine unter­schied­li­che Rege­lung der Haar­tracht von Män­nern und Frau­en in der Bun­des­wehr künf­tig wei­ter­hin gebo­ten ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 31. Janu­ar 2019 – 1 WB 28.17

  1. BVerwG, Beschluss vom 17.12 2013 – 1 WRB 2.12, 1 WRB 3.12, BVerw­GE 149, 1[]