Der Lan­des­be­am­te, das Urhe­ber­recht und der Föde­ra­lis­mus

Unter nor­ma­len Umstän­den kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass ein Lan­des­be­diens­te­ter, der in Erfül­lung sei­ner Dienst­pflich­ten ein urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Werk geschaf­fen und sei­nem Dienst­herrn hier­an ein aus­schließ­li­ches Nut­zungs­recht ein­ge­räumt hat, damit sei­ne still­schwei­gen­de Zustim­mung gege­ben hat, dass der Dienst­herr ande­ren Bun­des­län­dern zur Erfül­lung der ihnen oblie­gen­den oder über­tra­ge­nen Auf­ga­ben Unter­li­zen­zen gewährt oder das Nut­zungs­recht auf sie wei­ter­über­trägt.

Der Lan­des­be­am­te, das Urhe­ber­recht und der Föde­ra­lis­mus

Schafft ein Beam­ter in Erfül­lung sei­ner Ver­pflich­tun­gen aus dem Dienst­ver­hält­nis ein Werk, ist er als Schöp­fer des Wer­kes des­sen Urhe­ber (§ 7 UrhG). Soweit sich aus dem Inhalt oder dem Wesen des Dienst­ver­hält­nis­ses nichts ande­res ergibt, sind gemäß § 43 UrhG auch in einem sol­chen Fall die Vor­schrif­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes über die Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten (§§ 31 ff. UrhG) anzu­wen­den.

Haben die Par­tei­en eines Ver­tra­ges nicht aus­drück­lich gere­gelt, ob und inwie­weit ein Nut­zungs­recht ein­ge­räumt wird, so bestimmt sich gemäß § 31 Abs. 5 Satz 2 UrhG nach dem von bei­den Part­nern zugrun­de geleg­ten Ver­trags­zweck, ob und inwie­weit ein Nut­zungs­recht ein­ge­räumt wor­den ist. Nach dem die­ser Bestim­mung zugrun­de lie­gen­den Über­tra­gungs­zweck­ge­dan­ken räumt ein Nut­zungs­be­rech­tig­ter im Zwei­fel nur in dem Umfang Nut­zungs­rech­te ein, den der Ver­trags­zweck unbe­dingt erfor­dert. Dies bedeu­tet, dass im All­ge­mei­nen nur die­je­ni­gen Nut­zungs­rech­te still­schwei­gend ein­ge­räumt sind, die für das Errei­chen des Ver­trags­zwecks uner­läss­lich sind 1.

Bei einer Anwen­dung die­ses Grund­sat­zes auf Dienst­ver­hält­nis­se ist dem berech­tig­ten Inter­es­se des Dienst­herrn an einer recht­lich gesi­cher­ten Ver­wer­tung der Wer­ke Rech­nung zu tra­gen, die sei­ne Bediens­te­ten in Erfül­lung ihrer Dienst­pflich­ten geschaf­fen haben. Des­halb ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein Beam­ter, der in Erfül­lung sei­ner Dienst­pflich­ten ein Werk geschaf­fen hat, sei­nem Dienst­herrn still­schwei­gend sämt­li­che Nut­zungs­rech­te ein­räumt, die die­ser zur Erfül­lung sei­ner Auf­ga­ben benö­tigt 2.

Mit die­ser Begrün­dung ver­nein­te der Bun­des­ge­richts­hof jetzt in dem von ihm ent­schie­de­nen Fall, dass der Klä­ger dem Land Nie­der­sach­sen still­schwei­gend das aus­schließ­li­che Recht ein­ge­räumt hat, ande­ren Bun­des­län­dern das Recht ein­zu­räu­men, die von ihm gefer­tig­ten Ent­wür­fe für Lärm­schutz­wän­de für den Bau sol­cher Schutz­wän­de an Bun­des­au­to­bah­nen in ihrem Lan­des­ge­biet zu nut­zen.

Die Dienst­pflich­ten des Beam­ten rich­ten sich nach den für das jewei­li­ge Beam­ten­ver­hält­nis gel­ten­den Vor­schrif­ten des öffent­li­chen Dienst­rechts; sie kön­nen sich aus dem über­tra­ge­nen Amt, der zuge­wie­se­nen Funk­ti­on, dem behör­den­in­ter­nen Geschäfts­ver­tei­lungs­plan oder den Anwei­sun­gen des hier­zu befug­ten Vor­ge­setz­ten erge­ben 3.

Der Klä­ger war als Bau­ober­rat des Lan­des Nie­der­sach­sen für die Gestal­tung und den Bau von Lärm­schutz­wän­den zustän­dig. Er hat den für das Nie­der­säch­si­sche Lan­des­amt für Stra­ßen­bau gefer­tig­ten Ent­wurf einer Lärm­schutz­wand daher in Erfül­lung sei­ner Dienst­pflich­ten geschaf­fen.

Der Umfang der Ver­wer­tungs­be­fug­nis des Dienst­herrn ergibt sich aus den ihm oblie­gen­den oder über­tra­ge­nen Auf­ga­ben. Nach Art. 90 Abs. 2 GG ver­wal­ten die Län­der oder die nach Lan­des­recht zustän­di­gen Selbst­ver­wal­tungs­kör­per­schaf­ten die Bun­des­au­to­bah­nen und sons­ti­gen Bun­des­stra­ßen des Fern­ver­kehrs im Auf­trag des Bun­des. Sie haben alle mit dem Bau und der Unter­hal­tung der Bun­des­fern­stra­ßen zusam­men­hän­gen­den Auf­ga­ben (§ 3 Abs. 1 Satz 1 FStrG) nach außen zu erfül­len und tra­gen damit die „exter­ne“ oder „fak­ti­sche“ Stra­ßen­bau­last. Der Bund trägt nach Art. 104a Abs. 2 GG die sich dar­aus erge­ben­den Aus­ga­ben. Soweit es in § 5 Abs. 1 Satz 1 FStrG heißt, der Bund sei Trä­ger der Stra­ßen­bau­last für die Bun­des­fern­stra­ßen, ist damit allein die­se im Innen­ver­hält­nis zu den Län­dern bestehen­de Finan­zie­rungs­last, also die „inter­ne“ oder „finan­zi­el­le“ Stra­ßen­bau­last gemeint 4. Zu den Bun­des­au­to­bah­nen und den sons­ti­gen Bun­des­fern­stra­ßen gehö­ren auch Lärm­schutz­an­la­gen (§ 1 Abs. 4 Nr. 1 FStrG). Die Pla­nung und Errich­tung von Lärm­schutz­wän­den an Bun­des­au­to­bah­nen ist folg­lich als Bestand­teil der Stra­ßen­bau­last eine staat­li­che Auf­ga­be, die von den Län­dern im Auf­tra­ge des Bun­des erfüllt und vom Bund finan­ziert wird.

Der Klä­ger hat dem Land Nie­der­sach­sen danach still­schwei­gend das aus­schließ­li­che Recht ein­ge­räumt, sei­nen Ent­wurf einer Lärm­schutz­wand für den Bau von Lärm­schutz­wän­den an Bun­des­au­to­bah­nen im gesam­ten Gebiet des Lan­des Nie­der­sach­sen zu ver­wen­den. Der Ent­wurf des Klä­gers war zwar ledig­lich für den Bau einer Lärm­schutz­wand ent­lang der Auto­bahn A 2 bei Königs­lut­ter bestimmt. Der Anlass für die Erstel­lung des Wer­kes begrenzt aber nicht not­wen­di­ger­wei­se die Ver­wer­tungs­be­fug­nis des Nut­zungs­be­rech­tig­ten 5. Das Land Nie­der­sach­sen benö­tigt den Ent­wurf des Klä­gers, um damit sei­ner Auf­ga­be des Baus und der Unter­hal­tung der Bun­des­au­to­bah­nen im gesam­ten Lan­des­ge­biet nach­kom­men zu kön­nen.

Dage­gen kann nicht ange­nom­men wer­den, der Klä­ger habe dem Land Nie­der­sach­sen dar­über hin­aus still­schwei­gend das Recht ein­ge­räumt, ande­ren Bun­des­län­dern Unter­li­zen­zen zu gewäh­ren, ihnen also das Recht ein­zu­räu­men, sei­nen Ent­wurf für den Bau von Lärm­schutz­wän­den an Bun­des­au­to­bah­nen in ihrem Lan­des­ge­biet zu nut­zen.

Der Urhe­ber kann dem aus­schließ­lich Nut­zungs­be­rech­tig­ten zwar bereits bei der Ein­räu­mung des aus­schließ­li­chen Nut­zungs­rechts zugleich – auch still­schwei­gend – das Recht zur Über­tra­gung die­ses Nut­zungs­rechts (§ 34 Abs. 1 Satz 1 UrhG) oder zur Gewäh­rung von Unter­li­zen­zen (§ 35 Abs. 1 Satz 1 UrhG) ein­räu­men 6. Die spä­te­re Über­tra­gung des Nut­zungs­rechts oder die Gewäh­rung von Unter­li­zen­zen durch den aus­schließ­lich Nut­zungs­be­rech­tig­ten bedarf dann kei­ner geson­der­ten Zustim­mung des Urhe­bers 7. Aller­dings ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein Beam­ter, der in Erfül­lung sei­ner Dienst­pflich­ten ein Werk geschaf­fen hat, sei­nem Dienst­herrn das Recht zur Über­tra­gung des Nut­zungs­rechts oder zur Gewäh­rung von Unter­li­zen­zen an die­sem Werk still­schwei­gend nur ein­räumt, soweit der Dienst­herr die­ses Recht zur Erfül­lung sei­ner Auf­ga­ben benö­tigt. Die­se Vor­aus­set­zung ist im vor­lie­gen­den Fall nicht erfüllt.

Der Bau und die Unter­hal­tung von Bun­des­fern­stra­ßen über­schrei­tet zwar den Zustän­dig­keits­be­reich und das Hoheits­ge­biet eines ein­zel­nen Bun­des­lan­des, da Bun­des­fern­stra­ßen ein zusam­men­hän­gen­des Ver­kehrs­netz bil­den und einem weit­räu­mi­gen Ver­kehr die­nen oder zu die­nen bestimmt sind (§ 1 Abs. 1 Satz 1 FStrG). Es mag daher zutref­fen, dass der Bund und die Län­der bei der Ver­wal­tung der Bun­des­fern­stra­ßen zusam­men­ar­bei­ten 8 und die Wei­ter­ga­be von Plan­zeich­nun­gen für den Stra­ßen­bau an ein ande­res Bun­des­land vor­her­seh­bar und nicht unty­pisch ist. Das ändert aber nichts dar­an, dass sich die dem ein­zel­nen Bun­des­land oblie­gen­de Auf­ga­be dar­auf beschränkt, für den Bau und die Unter­hal­tung der Bun­des­fern­stra­ßen und damit auch die Pla­nung und Errich­tung von Lärm­schutz­wän­den an Bun­des­au­to­bah­nen im eige­nen Lan­des­ge­biet zu sor­gen. Es kann des­halb nicht ange­nom­men wer­den, dass ein Lan­des­be­diens­te­ter, der im Rah­men sei­ner Tätig­keit urhe­ber­recht­lich geschütz­te Leis­tun­gen zur Erfül­lung die­ser Auf­ga­be erbringt, still­schwei­gend damit ein­ver­stan­den ist, dass sein Dienst­herr Nut­zungs­rech­te an sei­nen Leis­tun­gen ande­ren Bun­des­län­dern ein­räumt oder über­trägt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Mai 2010 – I ZR 209/​07 – "Lärm­schutz­wand"

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.04.2004 – I ZR 174/​01, GRUR 2004, 938 f. = WRP 2004, 1497 – Comic-Über­set­zun­gen III; und vom 29.04.2010 – I ZR 68/​08, GRUR 2010, 623 Tz. 20 = WRP 2010, 927 – Rest­wert­bör­se[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 22.02.1974 – I ZR 128/​72 GRUR 1974, 480, 483 – Hum­mel­rech­te; KG GRUR 1976, 264, 265; OLG Ham­burg GRUR 1977, 556, 558; Schricker/​Rojahn, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 43 UrhG Rdn. 40 und 51; Seewald/​Freudling, NJW 1986, 2688, 2691; Zir­kel, WRP 2003, 59, 62[]
  3. Schricker/​Rojahn aaO § 43 UrhG Rdn. 28; Seewald/​Freudling, NJW 1986, 2688, 2690[]
  4. Gröpl in Maunz/​Dürig, GG, 56. Ergän­zungs­lie­fe­rung 2009, Art. 90 Rdn. 47[]
  5. Ull­mann, GRUR 1987, 6, 12[]
  6. OLG Ham­burg GRUR 1977, 556, 558 f.; OLG Jena GRUR-RR 2002, 379, 380[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 03.03.2005 – I ZR 111/​02, GRUR 2005, 860, 862 = WRP 2005, 1263 – Fash 2000; Schricker/​Schricker aaO § 34 UrhG Rdn. 10 f. und § 35 Rdn. 7[]
  8. vgl. auch Gröpl aaO Art. 90 Rdn. 71 m.w.N.[]