Der Rich­ter als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter

Die Dienst­auf­sicht darf einem im akti­ven Dienst befind­li­chen Rich­ter unter­sa­gen, in einem am Nach­bar­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­ren als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter des Klä­gers auf­zu­tre­ten. Die­se Maß­nah­me der Dienst­auf­sicht ver­letzt den Rich­ter auch nicht in sei­ner rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit.

Der Rich­ter als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter

Die Dienst­auf­sicht der zustän­di­gen Behör­de berührt als sol­che die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit nicht, solan­ge sie sich im Rah­men des § 26 DRiG hält 1. Unter die­sem Vor­be­halt umfasst die Dienst­auf­sicht auch die Befug­nis, dem Rich­ter die ord­nungs­wid­ri­ge Art der Amts­füh­rung vor­zu­hal­ten und zu ord­nungs­ge­mä­ßer, unver­zö­ger­ter Erle­di­gung der Amts­ge­schäf­te zu ermah­nen, § 26 Abs. 2 DRiG 2. Die rich­ter­li­che Amts­füh­rung unter­liegt inso­weit der Dienst­auf­sicht, als es um die Siche­rung eines ord­nungs­ge­mä­ßen Geschäfts­ab­laufs, die äuße­re Form der Erle­di­gung eines Dienst­ge­schäfts oder um sol­che Fra­gen geht, die dem Kern­be­reich der Recht­spre­chungs­tä­tig­keit so weit ent­rückt sind, dass sie nur noch als zur äuße­ren Ord­nung gehö­rig anzu­se­hen sind 3. Danach kann der Vor­halt unan­ge­mes­sen lan­ger Urteils­ab­set­zungs­fris­ten eine zuläs­si­ge Aus­übung der Dienst­auf­sicht sein 4.

Die Unter­sa­gung der Neben­tä­tig­keit stellt sich schon des­halb nicht als Ein­griff in die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit dar, weil sie nicht auf die rich­ter­li­che Tätig­keit des Antrag­stel­lers abzielt. Erkenn­bar geht es dem Antrags­geg­ner gera­de nicht um die Beein­flus­sung der rich­ter­li­chen, son­dern der nicht­rich­ter­li­chen Betä­ti­gung des Antrag­stel­lers im Rah­men einer Neben­tä­tig­keit, die dem beson­de­ren Schutz durch die Gewähr­leis­tung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit nicht unter­fällt.

Die Fest­stel­lung der Ver­let­zung von Dienst­pflich­ten durch die Aus­übung der bis­he­ri­gen Neben­tä­tig­keit und der Ver­weis dar­auf, dass wei­te­re Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen zu erwar­ten sei­en, greift nicht in den Bereich der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit ein. Die bean­stan­de­te Äuße­rung erschöpft sich in einer auf Tat­sa­chen bezo­ge­nen, im Rah­men einer Maß­nah­me der Dienst­auf­sicht zuläs­si­gen Wer­tung, ohne mit einem dar­über hin­aus­ge­hen­den – unzu­läs­si­gen – per­sön­li­chen Vor­wurf im Sin­ne einer Miss­bil­li­gung ver­bun­den zu sein 5. Es ist auch nicht ersicht­lich, dass die Äuße­rung, eine wei­te­re Ver­let­zung von Dienst­pflich­ten sei zu befürch­ten, auf eine direk­te oder indi­rek­te Wei­sung hin­aus­läuft, eine Ver­fah­rens- oder Sach­ent­schei­dung künf­tig in einem ande­ren Sin­ne zu tref­fen als ohne die­se Bemer­kung 6.

Der Hin­weis auf die Aus­nut­zung des Amts­bo­nus und der dienst­li­chen Mög­lich­kei­ten, die dem Antrag­stel­ler kraft Amtes zur Ver­fü­gung stan­den, greift nicht in den Kern­be­reich der rich­ter­li­chen Tätig­keit ein. Zu die­sem Kern­be­reich gehö­ren Neben­tä­tig­kei­ten gera­de nicht. Die Nut­zung von Dienst­ein­rich­tun­gen zur Neben­be­schäf­ti­gung ist erkenn­bar kei­ne rich­ter­li­che Tätig­keit. Die im Rah­men der Dienst­auf­sicht zuläs­si­ge Bemer­kung des Antrags­geg­ners soll­te begrün­den, wes­halb ein sol­ches Ver­hal­ten künf­tig zu unter­blei­ben habe.

Der Hin­weis auf die Beschä­di­gung der Neu­tra­li­tät als Rich­ter bei eige­ner Amts­füh­rung und des Anse­hens der Arbeits­ge­richts­bar­keit ent­hält kei­ne Miss­bil­li­gung rich­ter­li­cher Tätig­keit. Er erschöpft sich viel­mehr in einer sach­be­zo­ge­nen Bewer­tung der Aus­wir­kun­gen der nicht­rich­ter­li­chen Neben­be­schäf­ti­gung des Antrag­stel­lers. Ihm soll­te damit die Außen­wir­kung sei­nes Ver­hal­tens vor Augen geführt wer­den. Dazu gab das bean­stan­de­te Ver­hal­ten des Antrag­stel­lers hin­rei­chen­den Anlass.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtiel vom 6. Okto­ber 2011 – RiZ® 3/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 10.08.2001 – RiZ® 5/​00, NJW 2002, 359, 360[]
  2. BGH, Urteil vom 22.02.2006 – RiZ® 3/​05, NJW 2006, 1674[]
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 14.04.1997 – RiZ® 1/​96, DRiZ 1997, 467, 468; Urteil vom 22.02.2006 – RiZ® 3/​05, NJW 2006, 1674 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 31.01.1984 – RiZ® 3/​83, BGHZ 90, 41, 44; Urteil vom 27.01.1995 – RiZ® 3/​94, DRiZ 1995, 352; Urteil vom 04.06.2009 – RiZ® 5/​08, BGHZ 181, 268 Rn. 17[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 14.04.1997 – RiZ® 1/​96, DRiZ 1997, 467, 470 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 27.01.1995 – RiZ® 3/​94, DRiZ 1995, 352, 353[]