Der dienst­un­fä­hi­ge Rich­ter – und die Betei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung

Gemäß § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX in der bis zum 29.12 2016 gül­ti­gen Fas­sung (§ 95 SGB IX a.F.) hat der Arbeit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in allen Ange­le­gen­hei­ten, die einen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berüh­ren, unver­züg­lich und umfas­send zu unter­rich­ten und vor einer Ent­schei­dung anzu­hö­ren; er hat ihr die getrof­fe­ne Ent­schei­dung unver­züg­lich mit­zu­tei­len.

Der dienst­un­fä­hi­ge Rich­ter – und die Betei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung

Eine Anhö­rung des betrof­fe­nen schwer­be­hin­der­ten Men­schen durch die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung sieht die Vor­schrift nicht vor 1.

Die Unter­rich­tung des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters hat so recht­zei­tig zu erfol­gen, dass er hin­rei­chend Zeit für eine Stel­lung­nah­me hat. Fris­ten für die Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me sieht das Gesetz im Gegen­satz zu § 102 Abs. 2 BetrVG nicht vor 2. Hier­bei ist in Rech­nung zu stel­len, wenn der Rich­ter selbst seit sei­ner Erkran­kung zu kei­ner Zeit Kon­takt mit dem Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter gesucht oder sei­ne Hil­fe erbe­ten hat. Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn erso­gar im Gegen­teil ein Gespräch mit dem Amts­ge­richts­prä­si­den­ten unter Betei­li­gung des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters aus­drück­lich abge­lehnt hat.

Fer­ner stand es im vor­lie­gen­den Fall der in § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX a.F. vor­ge­se­he­nen umfas­sen­den Unter­rich­tung des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters nicht ent­ge­gen, dass die­sem das Gut­ach­ten des Per­so­nal­ärzt­li­chen Diens­tes nicht voll­stän­dig zur Ver­fü­gung gestellt wur­de. Unter­la­gen hat der Arbeit­ge­ber dem Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter nur auf des­sen Ver­lan­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len 3. Auch hier war im vor­lie­gen­den Fall nicht ersicht­lich, inwie­weit eine voll­stän­di­ge Über­mitt­lung des Gut­ach­tens des Per­so­nal­ärzt­li­chen Diens­tes, wel­ches der Antrags­geg­ner inhalt­lich nicht bestrei­tet, zu einer Stel­lung­nah­me des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters hät­te füh­ren sol­len, die der Ver­set­zung des Antrags­geg­ners in den Ruhe­stand ent­ge­gen­ge­stan­den hät­te. Inso­fern unter­schei­det sich der Sach­ver­halt grund­le­gend von dem­je­ni­gen, der der vom Antrags­geg­ner genann­ten Ent­schei­dung des VG Frei­burg zugrun­de lag 4.

Uner­heb­lich ist schließ­lich, dass nicht fest­ge­stellt wer­den kann, ob und gege­be­nen­falls wann der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter gemäß § 95 Abs. 2 Satz 1 Halb­satz 2 SGB IX a.F. von der getrof­fe­nen Ent­schei­dung unter­rich­tet wor­den ist. Eine mög­li­che Ver­let­zung der Mit­tei­lungs­pflicht als sol­cher ist ledig­lich für den Beginn des Laufs der Aus­set­zungs­frist gemäß § 95 Abs. 2 Satz 2 SGB IX a.F. von Bedeu­tung 5. Im Übri­gen war auch im vor­lie­gen­den Fall nicht erkenn­bar, wel­che Umstän­de der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter noch nach­träg­lich hät­te vor­tra­gen kön­nen, nach­dem ihm die Ent­schei­dung des Dienst­herrn über den gegen­über der Rich­ter­dienst­kam­mer gestell­ten Antrag bekannt gege­ben wor­den wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juli 2018 – RiZ® 1/​18

  1. BGH, Urteil vom 16.12 2010 RiZ® 2/​10, DRiZ 2012, 246 Rn. 37, inso­weit in BGHZ 188, 20 nicht abge­druckt[]
  2. vgl. Düwell aaO Rn. 49, der ledig­lich die Auf­fas­sung ver­tritt, es emp­feh­le sich die Wah­rung der in § 102 Abs. 2 Satz 1 BetrVG auf­ge­stell­ten Regel­frist von einer Woche[]
  3. vgl. Düwell aaO Rn. 44[]
  4. vgl. VG Frei­burg, Urteil vom 21.03.2017 – 3 K 1354/​15 21 ff.[]
  5. vgl. Düwel aaO Rn. 52[]