Der Sprung über den Jäger­zaun

Ein Achil­les­seh­nen­ab­riss eines Poli­zei­be­am­ten nach einem Sprung über den Jäger­zaun muss kein Dienst­un­fall sein. Es ist kei­ne wesent­li­che Ursäch­lich­keit gege­ben, wenn sich eine krank­haf­te Ver­an­la­gung oder ein anla­ge­be­ding­tes Lei­den als wesent­li­che Ver­let­zungs­ur­sa­che dar­stel­len. Hät­te die schad­haf­te Seh­ne jeder­zeit auch außer­halb des Diens­tes bei einer ande­ren im All­tag vor­kom­men­den Belas­tung rei­ßen kön­nen, fehlt es an der wesent­li­chen Ursäch­lich­keit. Dem vor­ge­schä­dig­ten Zustand der Achil­les­seh­ne kommt dann die wesent­li­che Bedeu­tung für den Riss zu.

Der Sprung über den Jäger­zaun

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge eines Poli­zei­be­am­ten auf Aner­ken­nung eines Achil­les­seh­nen­ab­ris­ses als Dienst­un­fall abge­wie­sen. Der in Rhein­land-Pfalz als Kri­mi­nal­kom­mis­sar tätig gewe­se­ne Klä­ger erlitt als Mit­te 50-jäh­ri­ger im Som­mer 2009 einen Achil­les­seh­nen­ab­riss. Wäh­rend sei­ner Frei­zeit bemerk­te er beim Abend­essen in der Außen­an­la­ge einer Gast­stät­te, dass ein Auto­fah­rer beim Aus­par­ken das Fahr­zeug eines Bekann­ten beschä­dig­te und sich anschick­te, den Unfall­ort zu ver­las­sen. Um den Fah­rer dar­an zu hin­dern, sprang der Klä­ger über einen ca. 75 cm hohen Jäger­zaun und ver­letz­te sich dabei. Es gelang ihm den­noch, den Fah­rer an der Wei­ter­fahrt zu hin­dern und bis zum Ein­tref­fen der Poli­zei­kräf­te fest­zu­hal­ten. In Fol­ge von Kom­pli­ka­tio­nen im Zusam­men­hang mit dem Achil­les­seh­nen­ab­riss wur­de der Klä­ger Ende 2010 in den Ruhe­stand ver­setzt und bezieht seit­dem sei­ne beam­ten­recht­li­chen Ver­sor­gungs­be­zü­ge.

Er bean­trag­te, die­sen Vor­fall als Dienst­un­fall anzu­er­ken­nen. Dies lehn­te der Beklag­te nach Ein­ho­lung eines unfall­chir­ur­gisch-ortho­pä­di­schen Gut­ach­tens wegen eines feh­len­den ursäch­li­chen Zusam­men­hangs ab. Nach dem Gut­ach­ten sei der Sprung als "Gele­gen­heits­ur­sa­che" zu wer­ten, die zum Riss der dege­ne­ra­tiv vor­ge­schä­dig­ten Achil­les­seh­ne geführt habe. Dem­ge­gen­über mach­te der Klä­ger gel­tend, die erlit­te­ne Ver­let­zung sei nicht auf eine dege­ne­ra­ti­ve Vor­schä­di­gung zurück­zu­füh­ren.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz zunächst die Grund­zü­ge der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zur "wesent­li­chen Ursäch­lich­keit" erklärt. Danach ist kei­ne wesent­li­che Ursäch­lich­keit gege­ben, wenn sich eine krank­haf­te Ver­an­la­gung oder ein anla­ge­be­ding­tes Lei­den als wesent­li­che Ver­let­zungs­ur­sa­che dar­stel­len. Dies sei vor­lie­gend der Fall.

Nach dem vom Ver­wal­tungs­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen fach­me­di­zi­ni­schen Gut­ach­ten sowie dem Befund­be­richt des ope­rie­ren­den Chef­arz­tes lagen dege­ne­ra­ti­ve Ver­än­de­run­gen an der Achil­les­seh­ne des Klä­gers vor. Der Gut­ach­ter führ­te dazu aus, dass zwar begin­nen­de dege­ne­ra­ti­ve Ver­än­de­run­gen bei der Bevöl­ke­rung im Alter des Klä­gers ange­nom­men wer­den kön­nen. Wei­ter wird jedoch fest­ge­stellt, dass weder ein Absprung über ein Hin­der­nis noch das Auf­kom­men auf ebe­nem Grund geeig­net sei, einen Achil­les­seh­nen­riss zu ver­ur­sa­chen. Daher sei eine anla­ge­be­ding­te Ver­än­de­rung als wesent­li­che Ursa­che anzu­neh­men.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat gefol­gert, dass weder der Absprung über den 75 cm hohen Zaun noch das Auf­kom­men auf ebe­nem Grund geeig­net gewe­sen sei­en, einen Achil­les­seh­nen­riss – auch nicht wesent­lich mit­ur­säch­lich – zu ver­ur­sa­chen. Das erlit­te­ne Trau­ma sei nicht hef­tig genug gewe­sen, um die Schä­di­gung einer alters­ge­mäß gesun­den Achil­les­seh­ne aus­zu­lö­sen. Die schad­haf­te Seh­ne hät­te nach den gut­ach­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen jeder­zeit auch außer­halb des Diens­tes bei einer ande­ren im All­tag vor­kom­men­den Belas­tung rei­ßen kön­nen. Dem vor­ge­schä­dig­ten Zustand der Achil­les­seh­ne des Klä­gers kom­me damit die wesent­li­che Bedeu­tung für den Riss zu, wes­halb ein Dienst­un­fall nicht vor­lie­ge.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat damit auf die fest­ge­stell­te indi­vi­du­el­le Vor­schä­di­gung der Achil­les­seh­ne abge­stellt. Wie in der münd­li­chen Ver­hand­lung hat das Gericht die Ver­sa­gung der Aner­ken­nung nicht mit alters­ent­spre­chen­den Ver­schleiß­erschei­nun­gen des Klä­gers begrün­det.

Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz, Urteil vom 23. August 2013 – 4 K 1016/​12.MZ