Die dis­zi­pli­na­ri­sche Ent­fer­nung aus dem Dienst – und das Schuld­prin­zip

Die dis­zi­pli­na­ri­sche Ent­fer­nung aus dem Dienst erfor­dert vor dem Hin­ter­grund des Schuld­prin­zips zurei­chen­de Fest­stel­lun­gen zu den zugrun­de­lie­gen­den Ver­feh­lun­gen.

Die dis­zi­pli­na­ri­sche Ent­fer­nung aus dem Dienst – und das Schuld­prin­zip

Das Schuld­prin­zip folgt aus dem Zusam­men­spiel von Art. 2 Abs. 1 GG und dem Rechts­staats­prin­zip sowie dem wert­set­zen­den Gehalt des Art. 1 Abs. 1 GG: Jede Stra­fe, nicht nur die Stra­fe für kri­mi­nel­les Unrecht, son­dern auch die stra­f­ähn­li­che Sank­ti­on für sons­ti­ges Unrecht, setzt Schuld vor­aus 1. Die Stra­fe muss in einem gerech­ten Ver­hält­nis zur Schwe­re der Tat und dem Ver­schul­den des Täters ste­hen 2. Inso­weit deckt sich der Schuld­grund­satz in sei­nen die Stra­fe begren­zen­den Aus­wir­kun­gen mit dem Über­maß­ver­bot 3. Das Schuld­prin­zip und der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit (Über­maß­ver­bot) gel­ten auch im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren 4.

Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Fest­stel­lung der Schuld und die Aus­le­gung der in Betracht kom­men­den Vor­schrif­ten bei der Fest­set­zung einer Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me in ers­ter Linie Sache der zustän­di­gen Fach­ge­rich­te ist und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur nach­prüft, ob dem Schuld­grund­satz über­haupt Rech­nung getra­gen und sei­ne Trag­wei­te bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts grund­le­gend ver­kannt wor­den ist. Nicht nach­ge­prüft wird dage­gen, ob die ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Gesichts­punk­te in jeder Hin­sicht zutref­fend gewich­tet wor­den sind oder eine ande­re Ent­schei­dung näher gele­gen hät­te 5. Nach der Spruch­pra­xis der Dis­zi­pli­nar­ge­rich­te kommt eine Wei­ter­ver­wen­dung im öffent­li­chen Dienst aus Grün­den der Funk­ti­ons­si­che­rung dann nicht mehr in Betracht, wenn das Ver­trau­ens­ver­hält­nis durch das Dienst­ver­ge­hen end­gül­tig zer­stört ist. Hier­ge­gen bestehen unter dem Gesichts­punkt der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Glei­ches gilt, wenn das Dienst­ver­ge­hen einen so gro­ßen Anse­hens­ver­lust bewirkt hat, dass eine Wei­ter­ver­wen­dung als Beam­ter die Inte­gri­tät des Beam­ten­tums unzu­mut­bar belas­tet. In bei­den Fall­grup­pen ist der Beam­te für den Dienst­herrn objek­tiv untrag­bar und daher die Ent­fer­nung aus dem Dienst gebo­ten. Wann ein der­ar­ti­ger end­gül­ti­ger Ver­trau­ens- und Anse­hens­ver­lust gege­ben ist, hängt weit­ge­hend von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab, ins­be­son­de­re von der Schwe­re der Ver­feh­lung, dem Aus­maß der Gefähr­dung dienst­li­cher Belan­ge bei einer Wei­ter­ver­wen­dung und – bei der Beur­tei­lung der Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung – dem Per­sön­lich­keits­bild des Beam­ten 6.

Für die Zumes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me spielt das Eigen­ge­wicht der jewei­li­gen Pflicht­ver­let­zung eine bedeut­sa­me Rol­le. Art und Inten­si­tät der Ver­feh­lung bestim­men regel­mä­ßig den Umfang der Beein­träch­ti­gung von Ach­tung und Ver­trau­en und geben damit zugleich einen Hin­weis für das Wie der dis­zi­pli­na­ren Reak­ti­on. Die dis­zi­pli­nar­ge­richt­li­che Recht­spre­chung hat in Kon­kre­ti­sie­rung des Schuld­prin­zips die Rela­ti­on zwi­schen dem Gewicht des Dienst­ver­ge­hens und der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me auf die For­mel gebracht, dass die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens in ers­ter Linie in der gewähl­ten "Straf­art” zum Aus­druck kom­men muss. Dienst­ver­ge­hen, die grund­sätz­lich die Dienst­ent­fer­nung erfor­dern, sind danach in ers­ter Linie Eigen­tums­ver­feh­lun­gen bei Aus­übung des Diens­tes wie etwa Unter­schla­gung im Amt und Dieb­stahl. Glei­ches gilt für den Straf­tat­be­stand der Bestech­lich­keit. Auch sitt­li­che Ver­feh­lun­gen von Beam­ten haben regel­mä­ßig ein erheb­li­ches Gewicht. Außer­halb die­ser Delikts­grup­pen kann die Ver­hän­gung der Höchst­maß­nah­me ins­be­son­de­re in Betracht kom­men, wenn es sich um ein vor­sätz­li­ches schwer­wie­gen­des Ver­sa­gen im Kern­be­reich der Pflich­ten han­delt. Damit ist der­je­ni­ge Pflich­ten­kreis des Beam­ten gemeint, der im Mit­tel­punkt der ihm über­tra­ge­nen und im Ein­zel­nen gere­gel­ten dienst­li­chen Auf­ga­ben steht 7.

Bei Zugrun­de­le­gung die­ser Maß­stä­be stellt sich die Ver­hän­gung der dis­zi­pli­na­ri­schen Höchst­maß­nah­me im Licht des Schuld­prin­zips bereits auf­grund unzu­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen im vor­lie­gen­den Fall als unan­ge­mes­sen dar:

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len 8 hat die Ver­feh­lun­gen des Beam­ten als gra­vie­ren­des Dienst­ver­ge­hen ein­ge­stuft, ohne dass die Wür­di­gung der Erschwe­rungs­grün­de nach­voll­zieh­bar ist und den ratio­na­len Cha­rak­ter der Ent­schei­dung wahrt. Den ein­zel­nen Wei­sungs­ver­stö­ßen misst das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend ein nur gerin­ges Gewicht bei, gelangt dann aber auf­grund einer Gesamt­schau von Gesichts­punk­ten zu der Auf­fas­sung, dass dem Dienst­herrn die Fort­set­zung des Dienst­ver­hält­nis­ses nicht mehr zumut­bar sei. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat den Schwer­punkt des Fehl­ver­hal­tens des Beam­ten dar­in gese­hen, dass er "über Jah­re hin­weg" Außen­dienst­fahr­ten ver­wei­gert habe. Die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Gerichts tra­gen die­se Annah­me nicht. So hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­ge­stellt, dass der Beam­te zwi­schen dem 28.02.2000 und dem 8.01.2001, also über einen Zeit­raum von ledig­lich rund zehn Mona­ten hin­weg, an 14 Tagen die Durch­füh­rung von Außen­dienst­fahr­ten sowie eine amts­ärzt­li­che Unter­su­chung ver­wei­gert hat. Allein der Umstand, dass der Beam­te dar­über hin­aus am 28.11.1994 eben­falls ein­mal die Durch­füh­rung von Strei­fen­fahr­diens­ten ablehn­te, recht­fer­tigt es nicht, von einem mehr­jäh­ri­gen Ver­stoß gegen die Fol­ge­pflicht aus­zu­ge­hen. Zwi­schen den Dienst­ver­feh­lun­gen lag ein Zeit­raum von immer­hin fünf Jah­ren und drei Mona­ten, für den das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht nur kei­nen kon­kre­ten Ver­stoß gegen eine Dienst­pflicht fest­ge­stellt hat, son­dern in dem dar­über hin­aus der Beam­te, wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­führt, mit Bil­li­gung sei­ner Dienst­stel­le Kon­troll­fahr­ten mit dem ÖPNV erle­dig­te.

Soweit das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt argu­men­tiert, das Fehl­ver­hal­ten des Beam­ten erlan­ge dadurch beson­de­res Gewicht, dass der streit­ge­gen­ständ­li­chen Dienst­ver­wei­ge­rung die Ver­hän­gung einer Geld­bu­ße im Jahr 1993 wegen "ähn­li­cher Ver­stö­ße" vor­aus­ge­gan­gen sei, ver­kennt es – jeden­falls bezüg­lich der Dienst­ver­feh­lun­gen in den Jah­ren 2000 und 2001 – grund­le­gend die Bedeu­tung des Schuld­prin­zips. Das Gewicht einer Vor­be­las­tung hängt näm­lich auch vom zeit­li­chen Abstand der aus­ge­spro­che­nen Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me zur neu­en Ver­feh­lung ab 9. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat jedoch den Zeit­ab­lauf von sie­ben Jah­ren seit der letz­ten Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me, der immer­hin die Ver­jäh­rungs­frist mit­tel­schwe­rer Straf­ta­ten über­schrei­tet (vgl. § 78 Abs. 3 Nr. 4 StGB), nicht zugleich mil­dernd in Rech­nung gestellt.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat wei­ter dar­auf abge­stellt, dass die Ver­wei­ge­rung der Dienst­fahr­ten zu nen­nens­wer­ten Stö­run­gen des Dienst­be­triebs geführt habe. Zur Begrün­dung ver­weist es im Wesent­li­chen pau­schal auf Zeu­gen­aus­sa­gen, wonach Außen­dienst­fahr­ten von Kol­le­gen des Beam­ten über­nom­men wer­den muss­ten und eine Erle­di­gung der Dienst­ge­schäf­te mit­tels öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel nicht effek­tiv gewe­sen sei. Kon­kre­te Fest­stel­lun­gen dazu, inwie­fern die Ver­wei­ge­rung von Fahr­ten im Jahr 1994 bezie­hungs­wei­se in den Jah­ren 2000 und 2001 im Ein­zel­fall unmit­tel­bar den Betrieb der Behör­de bei deren Auf­ga­ben­er­le­di­gung beein­träch­tigt hat, hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht getrof­fen. Dies wäre frei­lich erfor­der­lich gewe­sen, um die­sen Gesichts­punkt bei der Bemes­sung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens zu berück­sich­ti­gen.

Es kann neben der Ver­let­zung von Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG dahin­ste­hen, ob auch ein Ver­stoß gegen wei­te­re Grund­rech­te oder grund­rechts­glei­che Rech­te vor­liegt. Im Hin­blick auf den fest­ge­stell­ten Grund­rechts­ver­stoß bedarf es einer Prü­fung wei­te­rer mög­li­cher Grund­rechts­ver­let­zun­gen nicht 10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 12. August 2015 – 2 BvR 2646/​13

  1. BVerfGE 57, 250, 275; 58, 159, 163; 80, 244, 255; 95, 96, 140[]
  2. BVerfGE 50, 5, 12; 73, 206, 253 f.; 86, 288, 313; 96, 245, 249[]
  3. vgl. BVerfGE 50, 205, 215; 73, 206, 253; 86, 288, 313[]
  4. vgl. BVerfGE 46, 17, 27; 98, 169, 198; BVerfG, Beschluss vom 19.02.2003 – 2 BvR 1413/​01 –, NVwZ 2003, S. 1504[]
  5. vgl. zum Gan­zen: BVerfGE 95, 96, 141 und BVerfG, Beschluss vom 20.12 2007 – 2 BvR 1050/​07 – 12[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 19.02.2003 – 2 BvR 1413/​01 –, NVwZ 2003, S. 1504; BVerfGK 13, 205, 208[]
  7. vgl. zum Gan­zen BVerfG, Beschluss vom 19.02.2003 – 2 BvR 1413/​01 –, NVwZ 2003, S. 1504 f.[]
  8. OVG NRW, Urteil vom 11.09.2013 – 3d A 722/​09.O[]
  9. vgl. auch jüngst BVerw­GE 147, 229, 236[]
  10. vgl. BVerfGE 42, 64, 78 f.[]