Die unan­ge­mes­sen lan­ge Dau­er eines Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens

Die un­an­ge­mes­sen lan­ge Dau­er des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK ist nicht als mil­dern­der Um­stand zu­guns­ten des Be­am­ten zu be­rück­sich­ti­gen, wenn die Ent­fer­nung aus dem Be­am­ten­ver­hält­nis ge­bo­ten ist.

Die unan­ge­mes­sen lan­ge Dau­er eines Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens

Die unan­ge­mes­sen lan­ge Dau­er des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK stellt kei­nen bemes­sungs­re­le­van­ten Umstand dar, der das Ver­wal­tungs­ge­richt berech­tigt, von der gebo­te­nen Ent­fer­nung des Beam­ten aus dem Beam­ten­ver­hält­nis abzu­se­hen.

Nach Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK hat jede Per­son ein Recht dar­auf, dass über Strei­tig­kei­ten in Bezug auf ihre zivil­recht­li­chen Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen oder über eine gegen sie erho­be­ne straf­recht­li­che Ankla­ge von einem unab­hän­gi­gen und unpar­tei­ischen, auf Gesetz beru­hen­den Gericht in einem fai­ren Ver­fah­ren, öffent­lich und inner­halb ange­mes­se­ner Frist ver­han­delt wird.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, des­sen Recht­spre­chung über den jeweils ent­schie­de­nen Fall hin­aus Ori­en­tie­rungs- und Leit­funk­ti­on für die Aus­le­gung der EMRK hat, ent­nimmt Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK einen Anspruch auf abschlie­ßen­de gericht­li­che Ent­schei­dung inner­halb ange­mes­se­ner Zeit. Die Ange­mes­sen­heit der Dau­er des Ver­fah­rens ist auf­grund einer Gesamt­be­trach­tung unter Berück­sich­ti­gung der Schwie­rig­keit des Fal­les, des Ver­hal­tens der Par­tei­en, der Vor­ge­hens­wei­se der Behör­den und Gerich­te sowie der Bedeu­tung des Ver­fah­rens für die Par­tei­en zu beant­wor­ten. Dies gilt auch für Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren. Sie müs­sen inner­halb ange­mes­se­ner Zeit, d.h. ohne schuld­haf­te Ver­zö­ge­run­gen, unan­fecht­bar abge­schlos­sen sein. Dabei sind behörd­li­ches und gericht­li­ches Ver­fah­ren als Ein­heit zu betrach­ten 1.

Die Kon­ven­ti­on gilt als völ­ker­recht­li­cher Ver­trag inner­staat­lich nicht unmit­tel­bar; sie genießt – im Gegen­satz zum euro­päi­schen Uni­ons­recht – kei­nen Anwen­dungs­vor­rang vor dem abwei­chen­den inner­staat­li­chen Recht. Aller­dings ist die Bun­des­re­pu­blik nach Art. 27 der Wie­ner Ver­trags­rechts­kon­ven­ti­on (WRK) völ­ker­ver­trags­recht­lich ver­pflich­tet, ihr inner­staat­lich Gel­tung zu ver­schaf­fen. Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat die EMRK und ihre Zusatz­pro­to­kol­le mit dem Rang eines Bun­des­ge­set­zes in die deut­sche Rechts­ord­nung trans­for­miert 2.

Dar­über hin­aus ist die Bun­des­re­pu­blik völ­ker­ver­trags­recht­lich ver­pflich­tet sicher­zu­stel­len, dass die bun­des­deut­sche Rechts­ord­nung in ihrer Gesamt­heit mit der Kon­ven­ti­on über­ein­stimmt. Das inner­staat­li­che Recht muss im Kon­flikt­fall an die Kon­ven­ti­on ange­passt wer­den 3. Auch folgt aus dem Ver­fas­sungs­grund­satz der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit, dass Ver­wal­tung und Gerich­te ver­pflich­tet sind, das inner­staat­li­che Recht in Ein­klang mit der Kon­ven­ti­on aus­zu­le­gen, soweit dies nach den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung und Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on ver­tret­bar erscheint 4.

Es liegt nahe, dass für die kon­ven­ti­ons­kon­for­me Aus­le­gung die­je­ni­gen Regeln Anwen­dung fin­den, die für die ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung ent­wi­ckelt wor­den sind. Dem­nach fin­det die­se Aus­le­gung ihre Gren­ze in dem ein­deu­ti­gen Wort­laut der Norm sowie in dem erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers; sie darf Wort­laut und gesetz­ge­be­ri­schem Wil­len nicht wider­spre­chen 5.

Für die inner­staat­li­chen Rechts­fol­gen einer unan­ge­mes­sen lan­gen Ver­fah­rens­dau­er im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK ist zu beach­ten, dass die­se Bestim­mung nur Ver­fah­rens­rech­te ein­räumt. Die­se die­nen der Durch­set­zung und Siche­rung des mate­ri­el­len Rechts; sie sind aber nicht dar­auf gerich­tet, das mate­ri­el­le Recht zu ändern. Daher kann eine unan­ge­mes­sen lan­ge Ver­fah­rens­dau­er nicht dazu füh­ren, dass den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten eine Rechts­stel­lung zuwächst, die ihnen nach dem inner­staat­li­chen mate­ri­el­len Recht nicht zusteht. Viel­mehr kann sie für die Sach­ent­schei­dung in dem zu lan­ge dau­ern­den Ver­fah­ren nur berück­sich­tigt wer­den, wenn das mate­ri­el­le Recht dies vor­schreibt oder zulässt. Ob die­se Mög­lich­keit besteht, ist durch die Aus­le­gung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen mate­ri­ell­recht­li­chen Nor­men und Rechts­grund­sät­ze zu ermit­teln. Bei die­ser Aus­le­gung ist das Gebot der kon­ven­ti­ons­kon­for­men Aus­le­gung im Rah­men des metho­disch Ver­tret­ba­ren zu berück­sich­ti­gen 6.

Der Gesetz­ge­ber hat davon abge­se­hen, einen inhalt­li­chen Bezug zwi­schen der über­lan­gen Dau­er eines Ver­fah­rens und den gel­tend gemach­ten mate­ri­ell­recht­li­chen Posi­tio­nen her­zu­stel­len. Er hat die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che nach Maß­ga­be der §§ 198 ff. GVG in der Fas­sung des Geset­zes über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren vom 24.11.2011 7 ver­wie­sen. Die­se Vor­schrif­ten fin­den nach § 173 Satz 2 VwGO, § 3 LDG MV auch für Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren Anwen­dung 8.

Dar­aus folgt für die Bestim­mung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nach einem unan­ge­mes­sen lan­ge dau­ern­den Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren:

Ergibt die Gesamt­wür­di­gung aller be- und ent­las­ten­den Umstän­de nach Maß­ga­be des § 15 Abs. 1 Satz 2 bis 4 LDG MV (§ 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG), dass wegen eines schwer­wie­gen­den Dienst­ver­ge­hens die Ent­fer­nung aus dem Beam­ten­ver­hält­nis gebo­ten ist, so lässt sich der Ver­bleib im Beam­ten­ver­hält­nis allein auf­grund einer unan­ge­mes­sen lan­gen Ver­fah­rens­dau­er nicht mit dem Zweck der Dis­zi­pli­nar­be­fug­nis, näm­lich dem Schutz der Inte­gri­tät des Berufs­be­am­ten­tums und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der öffent­li­chen Ver­wal­tung, ver­ein­ba­ren. Die­se Schutz­gü­ter und der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung schlie­ßen es aus, dass ein Beam­ter, der durch gra­vie­ren­des Fehl­ver­hal­ten im öffent­li­chen Dienst untrag­bar gewor­den ist, wei­ter­hin Dienst leis­ten und als Reprä­sen­tant des Dienst­herrn hoheit­li­che Befug­nis­se aus­üben kann, weil das gegen ihn geführ­te Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren unan­ge­mes­sen lan­ge gedau­ert hat. Das von dem Beam­ten zer­stör­te Ver­trau­en kann nicht durch Zeit­ab­lauf und damit auch nicht durch eine ver­zö­ger­te dis­zi­pli­nar­recht­li­che Sank­tio­nie­rung schwer­wie­gen­der Pflich­ten­ver­stö­ße wie­der­her­ge­stellt wer­den.

Ergibt die Gesamt­wür­di­gung dage­gen, dass eine pflich­ten­mah­nen­de Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me aus­rei­chend ist, steht fest, dass der Beam­te im öffent­li­chen Dienst ver­blei­ben kann. Hier kann das dis­zi­pli­nar­recht­li­che Sank­ti­ons­be­dürf­nis gemin­dert sein, weil die mit dem Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ver­bun­de­nen beruf­li­chen und wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le posi­tiv auf den Beam­ten ein­ge­wirkt haben. Unter die­ser Vor­aus­set­zung kann eine unan­ge­mes­sen lan­ge Ver­fah­rens­dau­er bei der Bestim­mung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me aus Grün­den der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit mil­dernd berück­sich­tigt wer­den 9.

Aus neu­en Ent­schei­dun­gen der für Beam­ten­recht zustän­di­gen Kam­mer des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ergibt sich nichts ande­res. Die unan­ge­mes­sen lan­ge Dau­er des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens steht auch der Aberken­nung des Ruhe­ge­halts nicht ent­ge­gen, wenn der Beam­te wäh­rend sei­ner Dienst­zeit die Ent­fer­nung aus dem Beam­ten­ver­hält­nis ver­wirkt hat 10.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 28. Febru­ar 2013 – 2 C 3.12

  1. vgl. nur EGMR, Urteil vom 16.07.2009 – 8453/​04, NVwZ 2010, 1015, 1017[]
  2. Gesetz vom 07.08.1952, BGBl II S. 685; neue Bekannt­ma­chung der EMRK in der Fas­sung des 11. Zusatz­pro­to­kolls, BGBl II 2002, S.1054[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 14.10.2004 – 2 BvR 1481/​04, BVerfGE 111, 307, 322 = NJW 2004, 3407, 3409[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 14.10.2004 a.a.O. S. 323 f. bzw. S. 3409; Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2365/​09 u.a., BVerfGE 128, 326 = NJW 2011, 1931, jeweils Rn. 93[]
  5. BVerfG, Beschlüs­se vom 24.05.1995 – 2 BvF 1/​92, BVerfGE 93, 37, 81; und vom 15.10.1996 – 1 BvL 44, 48/​92, BVerfGE 95, 64, 93; BVerwG, Urtei­le vom 28.04.2005 – 2 C 1.04, BVerw­GE 123, 308, 316; und vom 26.06.2008 – 2 C 22.07, BVerw­GE 131, 242 Rn. 25[]
  6. BVerwG, Beschluss vom 16.05.2012 – 2 B 3.12, NVwZ-RR 2012, 609 Rn. 12[]
  7. BGBl I S. 2302[]
  8. BVerwG, Urteil vom 29.03.2012 – 2 A 11.10 – juris Rn. 85; Beschluss vom 16.05.2012 a.a.O. Rn. 14[]
  9. zum Gan­zen BVerfG, Beschluss vom 04.10.1977 – 2 BvR 80/​77, BVerfGE 46, 17, 28 f.; Kam­mer­be­schluss vom 09.08.2006 – 2 BvR 1003/​05 – DVBl.2006, 1372, 1373; BVerwG, Urtei­le vom 22.02.2005 – 1 D 30.03; vom 08.06.2005 – 1 D 3.04; und vom 29.03.2012 – 2 A 11.10; Beschlüs­se vom 13.10.2005 – 2 B 19.05, Buch­holz 235.1 § 15 BDG Nr. 2 Rn. 8; vom 26.08.2009 – 2 B 66.09; und vom 16.05.2012 a.a.O. Rn. 9 f.[]
  10. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 28.01.2013 – 2 BvR 1912/​12[]