Die Ver­set­zung in den Ruhe­stand – und ihre spä­te­re Ände­rung

Nach dem Beginn des Ruhe­stan­des kann weder die Ver­set­zung in den Ruhe­stand noch der Grund, auf dem sie beruht, durch Wider­ruf, Rück­nah­me oder Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens nach­träg­lich geän­dert wer­den 1. Das gilt auch dann, wenn der Beam­te die Zur­ru­he­set­zungs­ver­fü­gung mit dem Ziel der Aus­wech­se­lung des Grun­des für den Ruhe­stand (Schwer­be­hin­de­rung statt Errei­chen der Antrags­al­ters­gren­ze) ange­foch­ten hat und die zustän­di­ge Behör­de spä­ter rück­wir­kend sei­ne Schwer­be­hin­de­rung fest­stellt.

Die Ver­set­zung in den Ruhe­stand – und ihre spä­te­re Ände­rung

§ 59 des rhein­land-pfäl­zi­schen Lan­des­be­am­ten­ge­set­zes – LBG RP – 2 regelt die Ver­set­zung in den Ruhe­stand vor Errei­chen der all­ge­mei­nen gesetz­li­chen Alters­gren­ze. Danach konn­te ein Beam­ter auf sei­nen Antrag auch ohne den Nach­weis der Dienst­un­fä­hig­keit in den Ruhe­stand ver­setzt wer­den, wenn er ent­we­der das 63. Lebens­jahr voll­endet hat­te (§ 59 Nr. 1 LBG RP) oder schwer­be­hin­dert im Sin­ne des § 2 Abs. 2 SGB IX war und das 60. Lebens­jahr voll­endet hat­te (§ 59 Nr. 2 LBG RP).

Der Klä­ger hat im vor­lie­gend vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Rechts­streit das erfor­der­li­che Rechts­schutz­in­ter­es­se für sei­ne Kla­ge. Bei einer Ver­set­zung in den Ruhe­stand nach § 59 Nr. 2 LBG RP statt nach § 59 Nr. 1 LBG RP müss­te er kei­nen Ver­sor­gungs­ab­schlag hin­neh­men. Das ergibt sich aus § 14 Abs. 3 Nr. 1 BeamtVG in der am 31.08.2006 gel­ten­den Fas­sung vom 20.12 2001 3, der bei Beginn des Ruhe­stands des Klä­gers nach Art. 125a Abs. 1 Satz 1 GG, § 108 Abs. 1 BeamtVG fort­galt. Danach konn­ten Schwer­be­hin­der­te ab Voll­endung des 63. Lebens­jah­res ohne Ver­sor­gungs­ab­schlä­ge vor­zei­tig in den Ruhe­stand gehen.

Aller­dings ver­letzt die Annah­me, dass es im Rah­men des § 59 Nr. 2 LBG RP nicht auf die förm­li­che Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung ankom­me, son­dern ihr tat­säch­li­ches Vor­lie­gen genü­ge, § 59 Nr. 2 LBG RP i.V.m. § 69 Abs. 1 und 5 SGB IX als revi­si­bles Recht.

Zwar ver­langt § 59 Nr. 2 LBG RP nicht aus­drück­lich die Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung. Die Norm nimmt Bezug auf die Schwer­be­hin­de­rung im Sin­ne des § 2 Abs. 2 SGB IX. Damit wird aber nicht nur der mate­ri­ell-recht­li­che Bedeu­tungs­ge­halt der nach § 59 Nr. 2 LBG RP erfor­der­li­chen Schwer­be­hin­de­rung geklärt, son­dern zugleich auch die Zustän­dig­keit zur Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung nach dem Sozi­al­ge­setz­buch IX in Bezug genom­men. Auf Antrag des behin­der­ten Men­schen stel­len die für die Durch­füh­rung des Bun­des­ver­sor­gungs­ge­set­zes zustän­di­gen Behör­den das Vor­lie­gen einer Behin­de­rung und den Grad der Behin­de­rung fest (§ 69 Abs. 1 SGB IX) und stel­len einen Aus­weis hier­über aus, der dem Nach­weis für die Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen und sons­ti­gen Hil­fen dient, die schwer­be­hin­der­ten Men­schen nach Teil 2 des Sozi­al­ge­setz­buch IX oder nach ande­ren Vor­schrif­ten zuste­hen (§ 69 Abs. 5 SGB IX). Dies zeigt, dass nur die mit dem Voll­zug des Sozi­al­ge­setz­bu­ches IX beauf­trag­ten Behör­den für die Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung zustän­dig sein sol­len. Ande­re Behör­den kön­nen und dür­fen kei­ne eigen­stän­di­ge Prü­fung einer Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft vor­neh­men, son­dern sind an das – posi­ti­ve oder nega­ti­ve – Ergeb­nis der Prü­fung die­ser Behör­de gebun­den. Ohne eine von der zustän­di­gen Behör­de aus­ge­spro­che­ne Fest­stel­lung einer Schwer­be­hin­de­rung dür­fen sie kei­ne Schwer­be­hin­de­rung anneh­men. Eine eigen­stän­di­ge Prü­fung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft eines Beam­ten durch den Dienst­herrn im Rah­men des § 59 Nr. 2 LBG RP ist damit aus­ge­schlos­sen.

Die in die­ser Geset­zes­la­ge zum Aus­druck kom­men­de Fest­stel­lungs­wir­kung und Zustän­dig­keits­kon­zen­tra­ti­on ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung von Bun­des­so­zi­al­ge­richt und Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 4.

Damit darf eine Ver­set­zung in den Ruhe­stand als Schwer­be­hin­der­ter nach § 59 Nr. 2 LBG RP nur vor­ge­nom­men wer­den, wenn die zustän­di­ge Behör­de im Zeit­punkt des vom Beam­ten bean­trag­ten Ruhe­stands­be­ginns einen ent­spre­chen­den Fest­stel­lungs­be­scheid erlas­sen hat. Ist das nicht der Fall, ist nur die Ver­set­zung des Beam­ten in den Ruhe­stand nach § 59 Nr. 1 LBG RP (Antrags­al­ters­gren­ze) mög­lich. Es kommt hier­bei nicht dar­auf an, ob das Ver­fah­ren auf Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft noch in der Schwe­be oder nega­tiv abge­schlos­sen ist.

Hier­an ändert auch nichts, dass die Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung ledig­lich dekla­ra­to­risch wirkt 5. Die Kon­zen­tra­ti­on der Zustän­dig­keit für die­se Fest­stel­lung bei den Ver­sor­gungs­be­hör­den ist unab­hän­gig davon, ob die Fest­stel­lung kon­sti­tu­tiv oder dekla­ra­to­risch wirkt; auch ein fest­stel­len­der Ver­wal­tungs­akt kann Bin­dungs­wir­kung haben 6. Dem Umstand, dass die Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung nur dekla­ra­to­ri­sche Bedeu­tung und zugleich Bin­dungs­wir­kung hat, wird dadurch Rech­nung getra­gen, dass die Fest­stel­lung auch rück­wir­kend erfol­gen kann. Sie bedeu­tet aber nicht, dass auch ande­re Behör­den zur eigen­stän­di­gen Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft berech­tigt und ver­pflich­tet wären.

Auch eine – hin­ter den Zeit­punkt des Ruhe­stands­ein­tritts des Beam­ten zurück­rei­chen­de – rück­wir­ken­de Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft ermög­licht kei­ne Aus­wech­se­lung des Grun­des für die Zur­ru­he­set­zung.

Nach § 62 Abs. 1 Satz 3 LBG RP kann die Zur­ru­he­set­zungs­ver­fü­gung – nur – bis zum Beginn des Ruhe­stan­des zurück­ge­nom­men wer­den. Die­se Bestim­mung, die sich auch in den Beam­ten­ge­set­zen ande­rer Län­der und des Bun­des fin­det, dient nicht nur dem Ver­trau­ens­schutz des in den Ruhe­stand ver­setz­ten Beam­ten, son­dern auch dem all­ge­mei­nen Inter­es­se der Rechts­be­stän­dig­keit der Sta­tus­ent­schei­dung und der Rechts­klar­heit. Damit erweist sie sich als das Gegen­stück der Ämter­sta­bi­li­tät, die aus ähn­li­chen Grün­den den Wider­ruf und die Rück­nah­me der Ernen­nung von den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten aus­nimmt und an spe­zi­el­le, im Beam­ten­ge­setz selbst gere­gel­te Vor­aus­set­zun­gen knüpft 7.

Die Ver­set­zung in den Ruhe­stand ist – wie die Ernen­nung des Beam­ten – ein sta­tus­ver­än­dern­der Ver­wal­tungs­akt. Sie ist nach dem Ruhe­stands­be­ginn nicht mehr kor­ri­gier­bar; die abschlie­ßen­den Rege­lun­gen des Beam­ten­rechts ste­hen einem Rück­griff auf die Vor­schrif­ten des all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­rechts über den Wider­ruf und die Rück­nah­me von Ver­wal­tungs­ak­ten und ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens (§§ 48, 49, 51 VwVfG) ent­ge­gen. Das erfasst auch den Grund für die Zur­ru­he­set­zung. Eine Auf­spal­tung in die Zur­ru­he­set­zung "als sol­che" einer­seits und den Grund für die Zur­ru­he­set­zung ande­rer­seits ist nicht mög­lich 8. Dem­entspre­chend muss der Grund für die Zur­ru­he­set­zung bei Erlass der Zur­ru­he­set­zungs­ver­fü­gung fest­ste­hen; er darf nicht offen oder in der Schwe­be blei­ben.

Kommt die Ver­set­zung in den Ruhe­stand aus meh­re­ren gesetz­li­chen Grün­den in Betracht, so ist eine nach­träg­li­che Ände­rung des Inhalts der Ver­fü­gung dahin­ge­hend, dass die Zur­ru­he­set­zung auf einen ande­ren der gesetz­li­chen Grün­de gestützt wird, nicht mög­lich 9. Das schließt glei­cher­ma­ßen Ände­run­gen zuguns­ten wie zu Las­ten des Beam­ten aus. Ande­ren­falls wäre auch eine Ände­rung zu Las­ten des Beam­ten etwa bei nach­träg­li­chem Weg­fall der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft mög­lich, z.B. bei einer Krebs­er­kran­kung nach Ent­fal­len des Rezi­di­v­ri­si­kos.

Somit sind inhalt­li­che Ände­run­gen – auch bezüg­lich des Grun­des der Zur­ru­he­set­zungs­ver­fü­gung – ab Beginn des Ruhe­stan­des aus­ge­schlos­sen. Der Beam­te hat des­halb bei von der zustän­di­gen Behör­de noch nicht fest­ge­stell­ter Schwer­be­hin­de­rung vor dem von ihm ins Auge gefass­ten Ruhe­stands­ter­min nur die Wahl, ent­we­der "pünkt­lich" wegen Errei­chens der Antrags­al­ters­gren­ze in den Ruhe­stand zu tre­ten oder aber zunächst im akti­ven Dienst zu blei­ben und erst spä­ter nach erfolg­ter Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung wegen der Schwer­be­hin­de­rung – oder im Fall, dass der Antrag auf Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung erfolg­los bleibt, wegen Errei­chens der Antrags­al­ters­gren­ze – in den Ruhe­stand zu tre­ten.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. April 2014 – 2 C 65.11

  1. wie BVerwG, Urteil vom 25.10.2007 – 2 C 22.06, Buch­holz 232 § 47 BBG Nr. 3 Rn. 13 f.[]
  2. vom 14.07.1970, GVBl S. 241, in der Fas­sung vom 07.07.2009, GVBl S. 279[]
  3. BGBl I S. 3926[]
  4. BSG, Urteil vom 06.10.1981 – 9 RVs 3/​81BSGE 52, 168 Rn. 26 ff.; BVerwG, Urteil vom 27.02.1992 – 5 C 48.88, BVerw­GE 90, 65, 69 f.; vgl. auch Urtei­le vom 17.12 1982 – 7 C 11.81, BVerw­GE 66, 315, 316 ff.; und vom 11.07.1985 – 7 C 44.83, BVerw­GE 72, 8, 9 ff.[]
  5. BSG, Urtei­le vom 30.04.1979 – 8b RK 1/​78BSGE 48, 167 Rn. 15; und vom 22.09.1988 – 12 RK 44/​87SozR 2200 § 176c Nr. 9 Rn. 12[]
  6. BVerwG, Urteil vom 11.07.1985 – 7 C 44.83, BVerw­GE 72, 8, 9 f.[]
  7. BVerwG, Urteil vom 25.10.2007 – 2 C 22.06, Buch­holz 232 § 47 BBG Nr. 3 Rn. 13 f.[]
  8. BVerwG, Urteil vom 25.10.2007 a.a.O. Rn. 9; Lem­hö­fer, in: Plog/​Wiedow, BBG, § 47 a.F. Rn 7.0[]
  9. Lem­hö­fer, in: Plog/​Wiedow, BBG, § 47 a.F. Rn. 8[]