Dienst­li­che Beur­tei­lung und die Ermitt­lung der Tat­sa­chen­grund­la­gen

Der all­ge­mei­ne beur­tei­lungs­recht­li­che Grund­satz der Voll­stän­dig­keit der Tat­sa­chen­grund­la­ge for­dert von einem Beur­tei­ler oder sei­nem Bericht­erstat­ter, der kei­nen aus­rei­chen­den per­sön­li­chen Ein­druck von den Leis­tun­gen und der Befä­hi­gung des zu beur­tei­len­den Beam­ten hat, im Vor­feld der Beur­tei­lung jeden­falls einen hin­rei­chen­den Kon­takt zum unmit­tel­ba­ren Fach­vor­ge­setz­ten her­zu­stel­len, über den die Tat­sa­chen­grund­la­ge für alle zur Beur­tei­lung anste­hen­den Leistungs‑, Eig­nungs- und Befä­hi­gungs­kri­te­ri­en zu ermit­teln ist.

Dienst­li­che Beur­tei­lung und die Ermitt­lung der Tat­sa­chen­grund­la­gen

Dienst­li­che Beur­tei­lun­gen kön­nen von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten nur ein­ge­schränkt auf ihre Recht­mä­ßig­keit über­prüft wer­den. Die maß­geb­li­che Beur­tei­lung dar­über, wie Leis­tun­gen eines Beam­ten ein­zu­schät­zen sind und ob und in wel­chem Grad er die für sein Amt und für sei­ne Lauf­bahn erfor­der­li­che Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­che Leis­tung auf­weist, ist ein von der Rechts­ord­nung dem Dienst­herrn bzw. dem für ihn han­deln­den jewei­li­gen Beur­tei­ler vor­be­hal­te­ner Akt wer­ten­der Erkennt­nis. Die­ses per­sön­lich­keits­be­ding­te Wert­ur­teil kann durch Drit­te nicht in vol­lem Umfang nach­voll­zo­gen oder gar ersetzt wer­den. Auch Selbst­be­ur­tei­lun­gen des Beam­ten haben inso­weit kei­ne recht­li­che Erheb­lich­keit. Die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le hat sich des­halb dar­auf zu beschrän­ken, ob der Dienst­herr anzu­wen­den­de Begrif­fe oder den gesetz­li­chen Rah­men, in dem er sich frei bewe­gen kann, ver­kannt hat oder ob er von einem unrich­ti­gen Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen ist, all­ge­mein gül­ti­ge Wert­maß­stä­be nicht beach­tet, sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt oder gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­sto­ßen hat. Soweit der Dienst­herr Richt­li­ni­en für die Abga­be dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen erlas­sen hat, ist vom Gericht auch zu prü­fen, ob die Richt­li­ni­en ein­ge­hal­ten sind und ob sie mit den gesetz­li­chen Rege­lun­gen in Ein­klang ste­hen 1.

Die dienst­li­che Beur­tei­lung dient der Ver­wirk­li­chung des mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ten Grund­sat­zes, Beam­te nach Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­cher Leis­tung ein­zu­stel­len, ein­zu­set­zen und zu beför­dern (Art. 33 Abs. 2 GG). Ihr Ziel ist es, die den Umstän­den nach opti­ma­le Ver­wen­dung des Beam­ten zu gewähr­leis­ten und so die im öffent­li­chen Inter­es­se lie­gen­de Erfül­lung hoheit­li­cher Auf­ga­ben (Art. 33 Abs. 4 GG) durch Beam­te best­mög­lich zu sichern. Zugleich dient die dienst­li­che Beur­tei­lung auch dem berech­tig­ten Anlie­gen des Beam­ten, in sei­ner Lauf­bahn ent­spre­chend sei­ner Eig­nung, Befä­hi­gung und Leis­tung vor­an­zu­kom­men. Ihr kommt die ent­schei­den­de Bedeu­tung bei der Aus­wahl­ent­schei­dung des Dienst­herrn und der dabei erfor­der­li­chen „Klä­rung einer Wett­be­werbs­si­tua­ti­on“ zu. Dies ver­langt größt­mög­li­che Ver­gleich­bar­keit der erho­be­nen Daten 2. Die dienst­li­che Beur­tei­lung soll den Ver­gleich meh­re­rer Beam­ter mit­ein­an­der ermög­li­chen und zu einer objek­ti­ven und gerech­ten Bewer­tung des ein­zel­nen Beam­ten füh­ren 3. Dar­aus folgt, dass die Beur­tei­lungs­maß­stä­be gleich sein und gleich ange­wen­det wer­den müs­sen. Die Ein­heit­lich­keit des Beur­tei­lungs­maß­stabs ist unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung dafür, dass die Beur­tei­lung ihren Zweck erfül­len kann, einen Ver­gleich der Beam­ten unter­ein­an­der anhand vor­ge­ge­be­ner Sach- und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­le zu ermög­li­chen. Ihre wesent­li­che Aus­sa­ge­kraft erhält eine dienst­li­che Beur­tei­lung erst auf­grund ihrer Rela­ti­on zu den Bewer­tun­gen in ande­ren dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen 4.

Die Abfas­sung einer dienst­li­chen Beur­tei­lung setzt nicht vor­aus, dass der Beur­tei­ler die Eig­nung und Leis­tung des Beur­teil­ten aus eige­ner Anschau­ung wäh­rend des gesam­ten Beur­tei­lungs­zeit­rau­mes kennt. Der beur­tei­len­de Beam­te kann sich die not­wen­di­gen Kennt­nis­se ver­schaf­fen und sich hier­zu u.a. auf Arbeits­platz­be­schrei­bun­gen, schrift­li­che Arbei­ten des Beur­teil­ten und vor allem auch auf Berich­te von drit­ter Sei­te stüt­zen 5. Die Beur­tei­lungs­richt­li­ni­en der – in dem vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall beklag­ten – Zoll­ver­wal­tung kon­kre­ti­sie­ren die­se Grund­sät­ze. So ent­hält Nr. 2 BRZV zunächst den Hin­weis, dass die Beur­tei­lung zu den wich­tigs­ten und ver­ant­wor­tungs­volls­ten Auf­ga­ben der damit betrau­ten Beam­ten (Beurteiler/​Berichterstatter) gehört (Satz 1). Wei­ter ist gere­gelt, dass sich die mit der Beur­tei­lung betrau­ten Beam­ten, um ein sach­ge­rech­tes Urteil abge­ben zu kön­nen, stän­dig dar­um bemü­hen müs­sen, einen umfas­sen­den, mög­lichst auch per­sön­li­chen Ein­druck von ihren Mit­ar­bei­tern zu gewin­nen (Satz 2). Ergän­zend lässt sich der Beur­tei­ler durch Bericht­erstat­ter gemäß Anla­gen 4 und 6 unter­rich­ten und bera­ten (Satz 3). Die­se hal­ten Kon­takt mit dem Beam­ten und des­sen Vor­ge­setz­ten, um sich einen den gesam­ten Beur­tei­lungs­zeit­raum abde­cken­den Ein­druck von der Befä­hi­gung und der fach­li­chen Leis­tung der zu beur­tei­len­den Beam­ten zu ver­schaf­fen (Satz 4). Danach ist es nicht zwin­gend erfor­der­lich, dass die Beur­tei­le­rin einen per­sön­li­chen Ein­druck vom Klä­ger hat­te. Dies zeigt bereits der Wort­laut der Rege­lung, wonach dies nur als wün­schens­wert („mög­lichst“) ange­se­hen wird. Auch ist nur davon die Rede, dass sich die mit der Beur­tei­lung betrau­ten Beam­ten um einen per­sön­li­chen Ein­druck zu „bemü­hen“ haben.

Die not­wen­di­gen Erkennt­nis­se für die Beur­tei­lung der Befä­hi­gung und der fach­li­chen Leis­tung des Beam­ten ver­schaf­fen sich die mit sei­ner Beur­tei­lung betrau­ten Beam­ten – wie bereits erwähnt – dadurch, dass der Bericht­erstat­ter zu die­sem Zweck mit dem Beam­ten und des­sen Vor­ge­setz­ten Kon­takt hält und den Beur­tei­ler hier­über unter­rich­tet. Aus der For­mu­lie­rung in Nr. 2 Satz 3 BRZV, wonach sich der Beur­tei­ler durch Bericht­erstat­ter „ergän­zend“ gemäß Anla­gen 4 und 6 unter­rich­ten und bera­ten lässt, ergibt sich nicht, dass die Bera­tung und Unter­rich­tung durch den Bericht­erstat­ter von nach­ran­gi­ger Bedeu­tung wäre und der Beur­tei­ler sein Urteil in ers­ter Linie aus eige­ner Kennt­nis abzu­ge­ben hät­te. Denn nach Satz 1 ist neben dem Beur­tei­ler auch der Bericht­erstat­ter mit der Beur­tei­lung betraut. Bei­de haben ein sach­ge­rech­tes Urteil abzu­ge­ben, wobei der Bericht­erstat­ter gemäß Nr. 14 der Anla­ge 4 der BRZV die Beur­tei­lung für den Beur­tei­ler vor­be­rei­tet und inso­weit auch eine abwei­chen­de Auf­fas­sung ver­tre­ten kann (Nr. 15 und 16 der Anla­ge 4 der BRZV). Die in Nr. 2 Satz 3 BRZV in Bezug genom­me­nen Anla­gen 4 und 6 regeln die nähe­ren Ein­zel­hei­ten der Gre­mi­ums­be­spre­chung. Die­se soll dem Beur­tei­ler nach Nr. 22 BRZV eine mög­lichst umfas­sen­de Grund­la­ge für die Beur­tei­lung ver­schaf­fen. Nach Nr. 23 BRZV sind in der Bespre­chung Leis­tung und Eig­nung der zu beur­tei­len­den Beam­ten einer Besol­dungs­grup­pe aller Lauf­bah­nen zu erör­tern und zu ver­glei­chen. Auf der Grund­la­ge der ver­glei­chen­den Wer­tung in der Gre­mi­ums­be­spre­chung bestimmt der Beur­tei­ler nach Nr. 24 BRZV die Gesamt­wer­tung und den Vor­schlag für die wei­te­re Ver­wen­dung. Hier­an wird deut­lich, dass die Gre­mi­ums­be­spre­chung, an der gemäß Nr. 4b der Anla­ge 4 der BRZV neben dem Beur­tei­ler und den Bericht­erstat­tern, soweit betrof­fen, auch ande­re betei­ligt und zu der nach Nr. 5 der Anla­ge 4 der BRZV erfor­der­li­chen­falls wei­te­re Teil­neh­mer hin­zu­zie­hen sind, für die Erstel­lung der Beur­tei­lung nicht von bloß ergän­zen­der, son­dern von zen­tra­ler Bedeu­tung ist. Inso­weit kon­kre­ti­sie­ren die Rege­lun­gen in Nr. 22 ff BRZV die in Nr. 2 BRZV ent­hal­te­nen all­ge­mei­nen Grund­sät­ze.

Wie der Bericht­erstat­ter den Kon­takt zum Fach­vor­ge­setz­ten des zu Beur­tei­len­den im Ein­zel­nen gestal­tet, bleibt ihm zwar im Wesent­li­chen über­las­sen 6. Jedoch muss er dabei sicher­stel­len, dass dem Fach­vor­ge­setz­ten der Zweck des Kon­takts – Ver­schaf­fung eines den gesam­ten Beur­tei­lungs­zeit­raums abde­cken­den Ein­drucks von der Befä­hi­gung und der fach­li­chen Leis­tung des zu beur­tei­len­den Beam­ten – hin­rei­chend deut­lich wird und dass er die für die Gre­mi­ums­be­spre­chung und die sich dar­an anschlie­ßen­de Vor­be­rei­tung der Beur­tei­lung not­wen­di­gen Tat­sa­chen und ggf. auch Wert­ur­tei­le und deren Grund­la­gen mit­ge­teilt bekommt.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 28. Sep­tem­ber 2010 – 4 S 1655/​09

  1. BVerwG, Beschluss vom 18.06.2009 – 2 B 64.08, NVwZ 2009, 1314; und Urtei­le vom 21.03.2007 – 2 C 2.06, IÖD 2007, 206; und vom 24.11.2005 – 2 C 34.04, BVerw­GE 124, 356.; VGH Bad.-Württ., Beschlüs­se vom 12.04.2005 – 4 S 439/​05, NVwZ-RR 2005, 585; vom 16.07.2007 – 4 S 1163/​07;, und vom 04.06.2009 – 4 S 213/​09, NVwZ-RR 2009, 967[]
  2. BVerwG, Urteil vom 26.08.1993 – 2 C 37.91, DVBl 1994, 112; und Beschluss vom 31.01.1994 – 2 B 5.94, Buch­holz 232.1 § 40 BLV Nr. 16[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 03.10.1979 – 2 B 24.78, Buch­holz 237.1 Art. 12 BayBG Nr. 2[]
  4. BVerwG, Urteil vom 18.07.2001 – 2 C 41.00, NVwZ-RR 2002, 201[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.05.1979 – 2 C 4.78, DÖV 1979, 791; VGH Bad.-Württ., Beschlüs­se vom 04.06.2009, a.a.O.; vom 25.09.2006 – 4 S 2087/​03; und vom 12.04.2005 – 4 S 439/​05, a.a.O.[]
  6. vgl. VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.09.2009 – 4 S 2305/​08[]