Dis­zi­pli­nark­la­ge – und die psy­chi­sche Gesamt­si­tua­ti­on des Beam­ten

Nach 86 Abs. 1 VwGO, § 65 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 57 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW, vgl. § 65 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 58 Abs. 1 BDG obliegt den Tat­sa­chen­ge­rich­ten die Pflicht, jede mög­li­che Auf­klä­rung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts bis zur Gren­ze der Zumut­bar­keit zu ver­su­chen, sofern dies nach ihrem mate­ri­ell­recht­li­chen Rechts­stand­punkt für die Ent­schei­dung des Rechts­streits erfor­der­lich ist 1.

Dis­zi­pli­nark­la­ge – und die psy­chi­sche Gesamt­si­tua­ti­on des Beam­ten

Bestehen tat­säch­li­che Anhalts­punk­te dafür, dass die Fähig­keit des Beam­ten, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, wegen einer see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB erheb­lich gemin­dert war, so muss das Ver­wal­tungs­ge­richt die Fra­ge einer Min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten auf­klä­ren 2.

Gege­be­nen­falls muss also geklärt wer­den, ob der Beam­te im Tat­zeit­raum an einer see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB gelit­ten hat, die sei­ne Fähig­keit, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, ver­min­dert hat. Hier­für bedarf es in der Regel beson­de­rer medi­zi­ni­scher Sach­kun­de. Erst wenn die see­li­sche Stö­rung und ihr Schwe­re­grad fest­ste­hen oder ent­spre­chen­de Beein­träch­ti­gun­gen nach dem Grund­satz "in dubio pro reo" nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, kann beur­teilt wer­den, ob die Vor­aus­set­zung für eine erheb­lich gemin­der­te Schuld­fä­hig­keit vor­lie­gen. Denn von den Aus­wir­kun­gen der krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung auf die Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit in Bezug auf das Ver­hal­ten des Beam­ten hängt im Dis­zi­pli­nar­recht die Beur­tei­lung der Erheb­lich­keit einer ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit im Sin­ne von § 21 StGB ab. Die Fra­ge, ob die Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit auf­grund einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung "erheb­lich" war, ist eine Rechts­fra­ge, die die Ver­wal­tungs­ge­rich­te in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu beant­wor­ten haben. Die Erheb­lich­keits­schwel­le liegt umso höher, je schwe­rer das in Rede ste­hen­de Delikt wiegt. Dem­entspre­chend hängt im Dis­zi­pli­nar­recht die Beur­tei­lung der Erheb­lich­keit im Sin­ne von § 21 StGB von der Bedeu­tung und Ein­seh­bar­keit der ver­letz­ten Dienst­pflich­ten ab. Auf­grund des­sen wird sie bei sog. Zugriffs­de­lik­ten nur in Aus­nah­me­fäl­len erreicht wer­den 3. Es bedarf einer Gesamt­schau der Per­sön­lich­keits­struk­tur des Betrof­fe­nen, sei­nes Erschei­nungs­bil­des vor, wäh­rend und nach der Tat und der Berück­sich­ti­gung der Tat­um­stän­de, ins­be­son­de­re der Vor­ge­hens­wei­se 4.

Hat der Beam­te zum Tat­zeit­punkt an einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB gelit­ten oder kann eine sol­che Stö­rung nach dem Grund­satz "in dubio pro reo" nicht aus­ge­schlos­sen wer­den und ist die Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten erheb­lich, so ist die­ser Umstand bei der Bewer­tung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens mit dem ihm zukom­men­den erheb­li­chen Gewicht her­an­zu­zie­hen. Bei einer erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit kann die Höchst­maß­nah­me regel­mä­ßig nicht mehr aus­ge­spro­chen wer­den 5.

Im vor­lie­gen­den; vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall Fall war die Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, es sei­en kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen einer erheb­li­chen Gesund­heits­stö­rung im Zeit­punkt der Tat­be­ge­hung ersicht­lich, nicht zu bean­stan­den. Das Beru­fungs­ge­richt war daher nicht ver­pflich­tet, wei­te­re Auf­klä­rungs­maß­nah­men hier­zu anzu­stel­len.

Die "Stel­lung­nah­me aus psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Sicht" vom 30.05.2012 trifft kei­ne Aus­sa­ge zum Gesund­heits­zu­stand des Beklag­ten wäh­rend des Zeit­raums der Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen in den Jah­ren 2001 bis 2007 und konn­te sie auch nicht tref­fen, weil der Beklag­te sich erst im Jah­re 2012 in psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung bege­ben hat. Die Ver­mu­tung, wie die – lan­ge zurück­lie­gen­den – Straf­ta­ten psy­cho­the­ra­peu­tisch ein­ge­ord­net wer­den "könn­ten", ist spe­ku­la­tiv. Ange­sichts des Umstan­des, dass für den Beklag­ten zwar nicht im Straf­ver­fah­ren, wohl aber seit Beginn des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ein dahin gehen­der Auf­klä­rungs­be­darf vor­ge­tra­gen wor­den war, ohne indes Anknüp­fungs­tat­sa­chen hier­für zu benen­nen, muss­ten sich dem Beru­fungs­ge­richt eigen­stän­di­ge bestimm­te Auf­klä­rungs­maß­nah­men hier­zu nicht auf­drän­gen.

Dies gilt umso mehr, als aus­weis­lich der Nie­der­schrift zur münd­li­chen Ver­hand­lung die Ableh­nung des Beweis­an­tra­ges durch das Beru­fungs­ge­richt – nach­dem es vor­her schon eine mög­li­che Schuld­mil­de­rung ange­spro­chen und wegen feh­len­der Anknüp­fungs­tat­sa­chen für den Tat­zeit­raum ver­neint hat­te – mit der man­geln­den Kon­kret­heit der Bewei­s­tat­sa­che begrün­det wor­den ist, ohne dass der Bevoll­mäch­tig­te des Beklag­ten hier­auf durch die Stel­lung eines ent­spre­chend kon­kre­ti­sier­ten Beweis­an­tra­ges oder sons­ti­ge Prä­zi­sie­run­gen reagiert hat. Es ist nicht Auf­ga­be eines Revi­si­ons­ver­fah­rens, ent­spre­chen­de Ver­säum­nis­se aus der Tat­sa­chen­in­stanz zu kor­ri­gie­ren 6.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Febru­ar 2016 – 2 B 84.14

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 06.02.1985 – 8 C 15.84, BVerw­GE 71, 38, 41; und vom 06.10.1987 – 9 C 12.87, Buch­holz 310 § 98 VwGO Nr. 31 S. 1; Beschluss vom 28.01.2015 – 2 B 15.14, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 11 Rn. 17[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 28.01.2015 – 2 B 15.14, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 11 Rn. 18[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 03.05.2007 – 2 C 9.06., Buch­holz 235.1 § 13 BDG Nr. 3 Rn. 34; Beschluss vom 27.10.2008 – 2 B 48.08 7[]
  4. stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 29.05.2008 – 2 C 59.07, Buch­holz 235.1 § 70 BDG Nr. 3 Rn. 30; Beschluss vom 28.01.2015 – 2 B 15.14, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 11 Rn.20[]
  5. BVerwG, Urteil vom 25.03.2010 – 2 C 83.08, BVerw­GE 136, 173 Rn. 29 ff.; Beschluss vom 28.01.2015 – 2 B 15.14, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 11 Rn.19[]
  6. BVerwG, Beschluss vom 05.05.2015 – 2 B 32.14DVBl 2015, 985 Rn.19[]