Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift – und ihre Unter­zeich­nung

Dass die unwirk­sa­me Ein­lei­tung eines Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ohne nach­fol­gen­de Besei­ti­gung des Unwirk­sam­keits­grun­des einen wesent­li­chen Ver­fah­rens­man­gel des – behörd­li­chen und gericht­li­chen – Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens dar­stel­len kann, ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt. Ihre Rechts­fol­ge ergibt sich unmit­tel­bar aus dem Gesetz.

Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift – und ihre Unter­zeich­nung

Nach § 54 Abs. 3 Satz 1 des Dis­zi­pli­nar­ge­set­zes für das Land Nord­rhein-West­fa­len – LDG NRW – 1 in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung vom 27.10.2009 2 kann das Gericht dem Dienst­herrn zur Besei­ti­gung eines wesent­li­chen Man­gels des behörd­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens oder der Kla­ge­schrift eine Frist set­zen. Wird der Man­gel inner­halb der Frist nicht besei­tigt, wird das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gemäß § 54 Abs. 3 Satz 3 LDG NRW (§ 55 Abs. 3 Satz 3 BDG) durch Beschluss des Gerichts ein­ge­stellt.

Ein Man­gel der Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift und des behörd­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ist dann wesent­lich, wenn sich nicht mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit aus­schlie­ßen lässt, dass er sich auf das Ergeb­nis die­ses Ver­fah­rens, d.h. auf die Ent­schei­dung für die Erhe­bung der Dis­zi­pli­nark­la­ge und das Ergeb­nis des gericht­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens, aus­ge­wirkt hat; maß­ge­bend ist nicht der Zweck der ver­letz­ten Bestim­mung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens­rechts, son­dern die Bedeu­tung des kon­kre­ten Ver­sto­ßes für den Fort­gang des behörd­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens. Das folgt aus der Funk­ti­on des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens­rechts, bei der Prü­fung und ggf. Ahn­dung von Dienst­ver­ge­hen gesetz­mä­ßi­ge Ergeb­nis­se zu erzie­len 3.

Es ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt, dass die Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift an einem wesent­li­chen Man­gel lei­det, wenn sie von einer unzu­stän­di­gen Behör­de oder von einem Beam­ten erho­ben wird, der nicht befugt ist, für die zustän­di­ge Behör­de tätig zu wer­den 4.

Ein wesent­li­cher Man­gel, der erst in der Revi­si­ons­in­stanz als sol­cher erkannt wird, führt – sofern nicht die Dis­zi­pli­nark­la­ge aus ande­ren Grün­den abzu­wei­sen ist (§ 59 Abs. 2 Satz 2, § 60 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW, vgl. 59 Abs. 1 Satz 1, § 60 Abs. 2 Satz 2 BDG) – zur Auf­he­bung des Beru­fungs­ur­teils und zur Zurück­wei­sung an das Beru­fungs­ge­richt, um die ver­fah­rens­feh­ler­haft unter­blie­be­ne Frist­set­zung zur Män­gel­be­sei­ti­gung nach­zu­ho­len.

Die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge ist auch nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Zwar hat der Beklag­te den aus sei­ner Sicht bestehen­den Man­gel inner­halb der Frist des § 54 Abs. 1 LDG NRW (§ 55 Abs. 1 BDG) gerügt, so dass die­se Rüge nicht nach § 54 Abs. 2 LDG NRW (§ 55 Abs. 2 BDG) gege­be­nen­falls unbe­acht­lich war. Die Dis­zi­pli­nark­la­ge ist aber rechts­feh­ler­frei und damit wirk­sam erho­ben wor­den. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Recht­mä­ßig­keit der Erhe­bung der Dis­zi­pli­nark­la­ge durch einen "im Auf­trag han­deln­den" Beam­ten der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on zu Recht bejaht.

Anders als etwa in § 17 Abs. 1 Satz 1 BDG oder ver­schie­de­nen Lan­des­dis­zi­pli­nar­ge­set­zen, in denen die Zustän­dig­keit zur Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens dem "Dienst­vor­ge­setz­ten" über­tra­gen ist 5, hat nach § 17 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW "die dienst­vor­ge­setz­te Stel­le" das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten. Dienst­vor­ge­setz­te Stel­le sind nach § 17 Abs. 5 Satz 1 LDG NRW u.a. die obers­te Dienst­be­hör­de und die ihr nach­ge­ord­ne­te Stel­le, der die Aus­übung der Befug­nis zur Ernen­nung über­tra­gen ist. Bei Ruhe­stands­be­am­ten wer­den die Dis­zi­pli­nar­be­fug­nis­se durch die bei Ein­tritt in den Ruhe­stand zustän­di­ge obers­te Dienst­be­hör­de aus­ge­übt, die ihre Befug­nis­se durch Rechts­ver­ord­nung auf nach­ge­ord­ne­te dienst­vor­ge­setz­te Stel­len über­tra­gen kann (§ 81 Satz 1 und 2 LDG NRW). Durch § 7 Abs. 3 der Ver­ord­nung über beam­ten­recht­li­che Zustän­dig­kei­ten im Geschäfts­be­reich des Finanz­mi­nis­te­ri­ums – Beam­t­Zu­stV FM – vom 25.04.2002 6 wer­den die Dis­zi­pli­nar­be­fug­nis­se der obers­ten Dienst­be­hör­de in Ver­fah­ren gegen Ruhe­stands­be­am­te auf die zum Zeit­punkt des Dienst­ver­ge­hens zustän­di­gen dienst­vor­ge­setz­ten Stel­len über­tra­gen. Dienst­vor­ge­setz­te Stel­le in die­sem Sin­ne ist gemäß § 17 Abs. 5 Satz 1 LDG NRW i.V.m. § 2 Abs. 1 Nr. 1 Beam­t­Zu­stV FM die Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on als die für Ernen­nun­gen in ihrem Geschäfts­be­reich zustän­di­ge Behör­de.

Für die hier­nach zustän­di­ge Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on war nicht nur ihr Lei­ter zur Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens befugt, son­dern auch der als nach der behörd­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­re­ge­lung hier­für zustän­di­ge und in sei­nem Auf­trag han­deln­de Beam­te. Dies folgt aus all­ge­mei­nem Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht – auf das hier gemäß § 3 Abs. 1 LDG NRW ergän­zend zurück­ge­grif­fen wer­den kann, wonach Ver­fah­rens­hand­lun­gen für Behör­den durch ihre Lei­ter, deren Ver­tre­ter oder ihre Beauf­trag­te vor­ge­nom­men wer­den (§ 12 Abs. 1 Nr. 4 VwVfG NRW, vgl. auch § 12 Abs. 1 Nr. 4 VwVfG).

Die gegen­tei­li­ge Rechts­an­sicht der Beschwer­de fin­det in den nor­ma­ti­ven Rege­lun­gen kei­ne Stüt­ze. Dies ergibt sich aus dem Wort­laut der genann­ten Rege­lun­gen und aus dem auch vom Beru­fungs­ge­richt ange­führ­ten sys­te­ma­ti­schen Argu­ment, dass ein­schrän­ken­de Bestim­mun­gen im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren nur für die Abschluss­ent­schei­dung vor­ge­se­hen sind. Die Abschluss­ent­schei­dung darf nur von bestimm­ten, im Ein­zel­nen im Gesetz genann­ten Amts­trä­gern unter­zeich­net wer­den, näm­lich dem Dienst­vor­ge­setz­ten, sei­nem all­ge­mei­nen Ver­tre­ter oder dem Lei­ter der für Per­so­nal­an­ge­le­gen­hei­ten zustän­di­gen Abtei­lung (§ 32 Abs. 5 Satz 1 LDG NRW). Dar­aus folgt im Umkehr­schluss, dass die nur für die – vom Gesetz­ge­ber als beson­ders bedeut­sam ange­se­he­ne – Abschluss­ent­schei­dung getrof­fe­ne ein­schrän­ken­de Son­der­re­ge­lung nicht für die Ein­lei­tungs­ent­schei­dung gilt. Auch in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass der Behör­den­lei­ter die Auf­ga­ben, die in die Zustän­dig­keit sei­ner Behör­de oder in sei­ne eige­ne Zustän­dig­keit als Amts­trä­ger fal­len, nicht selbst wahr­neh­men muss, son­dern die­je­ni­gen Beam­ten tätig wer­den kön­nen, die nach den inter­nen Regeln über die behörd­li­che Orga­ni­sa­ti­on und Geschäfts­ver­tei­lung mit der eigen­ver­ant­wort­li­chen Wahr­neh­mung der jewei­li­gen Auf­ga­be betraut sind 7. Das gilt auch im Bereich des Dis­zi­pli­nar­rechts 8.

Aus den genann­ten Grün­den war es auch nicht ver­fah­rens­feh­ler­haft, dass das Beru­fungs­ge­richt dem Klä­ger kei­ne Frist zur Besei­ti­gung des von der Beschwer­de ange­nom­me­nen – aber letzt­lich nicht vor­lie­gen­den – Ver­fah­rens­man­gels bezüg­lich der Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens gesetzt hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Febru­ar 2016 – 2 B 84.14

  1. vom 16.11.2004, GV. NRW. S. 624[]
  2. GV. NRW. S. 530; vgl. auch § 55 Abs. 3 Satz 1 BDG[]
  3. stRspr, vgl. nur BVerwG, Urteil vom 24.06.2010 – 2 C 15.09, BVerw­GE 137, 192 Rn.19; BT-Drs. 14/​4659 S. 49[]
  4. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, BVerw­GE 146, 98 Rn. 58[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 28.03.2013 – 2 B 113.12 10 f.[]
  6. GV. NRW. S. 146[]
  7. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, BVerw­GE 146, 98 Rn. 61 m.w.N.[]
  8. BVerwG, Beschluss vom 16.03.2010 – 2 B 3.10 10[]